Disput

Wir sind ein Substantiv

Das kleine Blabla

Wir sitzen beim Frühstück, mal nicht allein, was auch schön ist. Im Radio die Nachrichten, und wir hören: »›Wir sind Kanzlerin!‹ prangt am Tag nach der Wahl am Konrad-Adenauer-Haus.«

Wir müssen würgen. Würgen würden wir im Übrigen auch bei »Wir sind IOC-Präsident«, »Wir sind Weltmeister« (lange her), »Wir sind Weltmeisterin« (nicht ganz so lange her, aber auch schon ‘ne Weile).

Diese ganze »Wir sind …«–Kiste ist mir zutiefst suspekt. Suggeriert sie doch das vollständige Einverständnis aller im Wir Versammelten und ist die totale Vereinnahmung. Wie beim privaten Regenbogen-Fernsehen: »Ganz Deutschland fragt sich, warum Prinzessin Lollifee eine Laufmasche hat.« Ganz Deutschland? Nein, nicht ganz Deutschland. Vereinzelte Widerstandsnester gibt es wohl – aber ach: Wir sind … allein.

Wir sind Papst (zur Not), wenn wir als cool bzw. katholisch gelten wollen. Wir sind aber auch mal Landrätin, wenn es in Brandenburg wider Erwarten dazu gereicht hat. Wir sind … letztlich reichlich bescheuert. Wird den Leserinnen und Lesern doch eines umsonst und unausgesprochen mitgegeben: Wir können keinen Satz geradeaus sagen! Wir können nur Blöd-Sprech und wollen uns anbiedern – bei der Landrätin, beim Papst.

Selbst der knuffige, grammatikalisch anders befähigte Yoda aus dem »Krieg der Sterne«-Universum sprach gegen die Verhuntzer der Sprache schön. Er wusste aber auch: »Dunkel die andere Seite ist!«. Wie dunkel zeigt die Zeitschrift »politik und kommunikation« vom Februar/März 2013 auf Seite 33. »Wir sind Krankenhaus«, steht da allen Ernstes – das kann doch nicht gesund sein!

Im Radio läuft nun der Vicky-Leandros-Titel »Theo, wir fahr'n nach Lodz«, und schon Otto Waalkes fragte sich, wer denn diese »vier« sind. Unschlagbar seine Vorschläge: Die vier Jahreszeiten, die vier Musketiere oder gar vier alle? In diesem Sinne: Wir sind (mit dem) Frühstück (fertig)!

Daniel Bartsch