Disput

Die Linke Kinonacht

Keine ganz normale Veranstaltung im »Babylon«

Von Thilo Urchs

Freitag, 20. September, früher Abend in Berlin, starker Regen, eigentlich kein Wetter zum Weggehen. Man kann viel planen, das Wetter eher nicht. Und gerade heute, bei diesem Wetter, findet die 10. Kinonacht im »Babylon« am Rosa-Luxemburg-Platz statt. Wird jemand kommen? Der Eintritt ist frei, kein Kartenvorverkauf, also lassen wir uns überraschen. Das Programm ist eigentlich nicht schlecht. Vier Säle, parallel laufende Veranstaltungen. Kultur und Politik, das erinnert etwas an Politkirmis. Ein Angebot für Menschen, die nicht gern auf klassische Parteiveranstaltungen gehen.

Für viele ist etwas dabei. Am Beginn eine Diskussionsrunde über den alten und neuen Baufilz in Berlin. Betroffene verschiedener Bürgerinitiativen diskutieren die Frage »Wem gehört die Stadt?« - Verdrängung und wachsender Widerstand. Die lange unter Verschluss gehaltene rbb-Produktion »Der Baulöwe, die Stadt und der Filz - Klaus Groth, eine Berliner Karriere« wird in Anwesenheit des Regisseurs aufgeführt. Parallel sollen Vertreter des Energietisches und der LINKEN aus dem Abgeordnetenhaus mit dem Chef von Vattenfall Berlin über Chancen und Risiken des Volksentscheides am 3. November zur Rekommunalisierung des Berliner Energienetzes diskutieren. Daniela Dahn stellt ihr neues Buch vor. Und im großen Saal läuft, als »Aufwärmer«: »Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben«.

Auf die Berliner ist Verlass. Der Laden wird voll. Trotz Sauwetter und jeder Menge Alternativangebote kommen sie ins »Babylon«. Und das um 18 Uhr. Für das ausgehfreudige, jüngere Berliner Publikum ist das eigentlich eine Zumutung. Um 20 Uhr beginnt die Podiumsdiskussion über die bevorstehende Bundestagswahl mit Gregor Gysi und Klaus Lederer, dem Direktkandidaten in Mitte - der große Saal ist voll, viele Besucher müssen stehen. Gregor war bei allen Kinonächten dabei, seine Gesprächsrunden sind immer eine sichere Bank und der Höhepunkt. Anschließend Umbau im Saal für »the refugees«, eine Band, die aus Bewohnern deutscher Flüchtlingsheime besteht. Ihr Hiphop-Reggae-Rock-Mix ist so bunt und international, wie die Musiker es sind. Der Auftritt soll auch als Zeichen der Unterstützung der Bewohner von neu eingerichteten Flüchtlingsheimen in Berlin verstanden werden. Auf ihre Kosten versuchten alte und neue Nazis, Wahlkampf zu machen. Die vielen Konzertbesucher geben die richtige Antwort. Parallel beginnt der Kurzfilmwettbewerb »Du hast die Wahl«. Teilnehmer und Zuschauer müssen auf dem Boden sitzen, die Plätze reichen nicht aus. Im Eingangsbereich beginnt die »Sogenannte anarchistische Musikwirtschaft« mit ihrem Blas-Punk-Pop - völlig überfüllt, kein Rankommen. Im Anschluss Poetry-Slam aus Wedding mit den »Brauseboys« - das Gleiche. Außerdem jede Menge guter Filme: »Frida«, »Searching for Sugar Man«, »Alles auf Zucker« usw. usf. Nicht jeder kommt überall rein, aber jeder kommt auf seine Kosten (hoffe ich zumindest).

Wie viele Besucher waren in diesem Jahr da? Schwer zu schätzen, ein ständiges Kommen und Gehen. Tausend waren es bestimmt wieder. Noch interessanter: Vielleicht drei Viertel besuchten zum ersten Mal eine Veranstaltung der LINKEN, ganz überwiegend Leute zwischen 20 und 40 Jahren.

Die viele Arbeit hat sich also gelohnt. Ein Bezirksverband stößt bei der Organisation einer solchen Veranstaltung finanziell und personell schnell an seine Grenzen. Der »normale« Wahlkampf mit Plakaten, Verteilaktionen, Info-Ständen, Familiensommerfest, Mitternachtsfußballturnier, Podiumsdiskussionen und einem sehr engagierten, kreativen Jugendwahlkampf fand in Berlin-Mitte natürlich auch statt. Da braucht es ein eingespieltes Team aus Film- und Kulturverrückten. Aus Leuten, auf die Verlass ist, die nicht auf die Uhr sehen. Wie die der LIMA, die die Öffentlichkeitsarbeit machen. Und ganz viele, denen die Kinonacht am Herzen liegt. Die Plakate aufhängen (und wieder abnehmen), die Einladungen stecken, den Internetauftritt organisieren, Werbung machen. Die das Kino zur LINKEN-Veranstaltung umgestalten, den Info-Stand betreuen, sich um Künstler kümmern und beim Abbau weit nach Mitternacht dabei sind.

Und hat es sich gelohnt? Ich denke schon. Den bei uns neu eingetretenen Mitgliedern biete ich immer ein erstes Gespräch zum Kennenlernen an. Natürlich frage ich, wie sie eigentlich darauf kommen, bei uns mitzumachen. Und da gibt es einige, die mir sagten: »Das erste Mal, dass ich richtig Kontakt mit den LINKEN hatte, war bei so einer Kinoveranstaltung im Babylon.«

Thilo Urchs ist Bezirksvorsitzender der LINKEN in Berlin-Mitte.