Disput

Die politische Feuerwehr

Der »Rote Blitz« zum Hinschauen und Mitreden. Das Wahlkampfmobil in Bayern

Von Stefan Richter

Eines der neuesten Mitglieder des bayrischen Landesverbandes ist 50 Jahre alt, knallrot und wird unter guten Freunden der »Rote Blitz« genannt. Der »Neue« ist ein Oldtimer.

Vorsichtig durchs Ländtor und dann gleich rechts, direkt vor den Karstadt-Eingang: Lars, ein Sympathisant der LINKEN, lenkt das Opel-Feuerwehrauto, und Markus, Mitarbeiter der Landesgeschäftsstelle, ist in diesen Tagen Beifahrer, Navigator und vor allem Organisator. Erwartet werden sie von einigen Genossen direkt in der Landshuter Altstadt. Auch hier erweist sich das Wahlkampfmobil gleich als Blickfang.

Infotisch und Schirm werden aufgestellt, Lautsprecherboxen und Material ausgepackt. Schon gehen Siegfried Maaß (»Mit scharfem ›s‹, wie man hier zum ›ß‹ sagt«) und Reiner Zisler auf Passanten zu. »Darf ich ihnen mein ›hässliches‹ Foto mitgeben«, scherzt Reiner, der Kreisvorsitzende und Wahlkandidat. Mit Selbstironie will er die Hemmschwelle, mit der LINKEN ins Gespräch zu kommen, senken. Das gelingt durchaus an diesem sonnigen Freitagvormittag. Ein paar junge Leute suchen den Dialog, zwei 16-jährigen Mädchen gibt Siegfried auf den Weg: »Wenn eure Eltern DIE LINKE wählen würden, könntet ihr schon mit über den Landtag entscheiden.«

In diesem Monat wählt der Freistaat doppelt: am 15. September den Landtag, eine Woche darauf den Bundestag. Auf den verschiedenen Ebenen kandidier(t)en bayernweit 250 Frauen und Männer für unsere Partei. Ein deutliches Bekenntnis, in manchen Gegenden mit einigem Mut verbunden.

Reiner Zisler, 57, war ein Vierteljahrhundert Drogenfahnder beim Zoll, bis zu einem Unfall auf dem Schießstand. »Außer Dienst« sollte für ihn nicht heißen: außer Verantwortung. Fortan wollte er sich verstärkt fürs Gemeinwohl engagieren – das einstige SPD-Mitglied orientierte sich auch wegen der Agenda-2010-Politik parteipolitisch neu und stieß auf DIE LINKE. Sie wurde seine Partei: «Es macht mir Spaß. Ich mach's nicht aus beruflichen Gründen oder wegen irgendwelcher Pöstchen, ich will ehrenamtlich was verändern.« Und was? Sollte er gewählt werden, wobei Reiner Realist ist, aber sollte er tatsächlich gewählt werden, würde er im Landtag unbedingt für mehr Transparenz sorgen: Klar, vieles laufe in Bayern gut, einiges allerdings auch sehr schlecht wie die repressive Innenpolitik oder die miserable Strukturpolitik in den Randgebieten und im ländlichen Raum. Sein Motto: »Im Zweifel für die Schwachen.«

Beim Verteilen der Wahlkampfmaterialien wirkt Reiner souverän, um keine Entgegnung verlegen. Als ihn ein Jugendlicher anhaut, »welchen von euch Betrügern« er wählen solle, empfiehlt er dem Davoneilenden trocken: »alle«.

Mit Blick auf das Wohnmobil gegenüber, mit dem die Bayernpartei auf Stimmenfang ist, freut sich Siegfried Maaß, »wir haben das schönere Auto.« Der gebürtige Thüringer, inzwischen 79, war mit seiner Frau vor vier Jahren ihren Töchtern nach Bayern hinterher gezogen und fühlt sich mittlerweile heimisch. Bis Mai stand er dem Kreisverband Landshut-Kelheim vor: »Wir sind 25 Mitglieder, davon zwölf Frauen. Die Zahl ist stabil. Wir müssen jedoch mehr ran an die Jugend, einfach ist das nicht. Auch öffentlich bekunden wir, wer wir sind.« Freudig erzählt er von der Frauentagsveranstaltung in diesem Jahr; der Einladung waren 31 Frauen und einige Männer gefolgt. Für den 14. September, zwischen Landtags- und Bundestagswahl, ist eine weitere Veranstaltung insbesondere für Frauen vorgesehen.

Sollte es mit dem Wahlwunder nicht klappen, geht für den Kandidaten Zisler die Welt nicht unter. Die Partei werde weiterhin vieles dafür tun, um aus der Schmuddelecke, in die die Kontrahenten sie nach wie vor stecken, herauszukommen. Die Landshuter sind diesbezüglich vorsichtig optimistisch.

Neugier, vereinzelt auch Zuspruch am »Roten Blitz« machen Mut. Im nächsten Jahr, bei den Kommunalwahlen am 14. März, soll eine oder einer der ihren unbedingt erstmalig ins Stadtparlament einziehen. Sie wollen Schritt für Schritt vorankommen.

Der Tacho des »Roten Blitz« weist 140 Sachen als Spitze aus. Lars freut sich, wenn er mit 90 gut durchs Land kommt. Ein echtes Abenteuer, so ganz ohne Servolenkung und Bremskraftverstärkung. Zwischen Hof und Neu-Ulm, über Hügel und Berge. »Man muss sich doppelt konzentrieren. Und nach jeder Fahrt merk ich's in den Armen«, schildert Lars. »Aber eine schöne Sache.«

50 Tage unterwegs durch alle bayrischen Regionen. Ein paar Komplikationen gab's auch, darunter ein heftiger Getriebeschaden.

Nach drei Stunden fährt der »Rote Blitz« erneut durchs Ländtor, diesmal stadtauswärts. Mit an Bord Brigitte Wolf. Die Münchenerin kandidiert für Oberbayern als Nummer 1 für den Landtag – und ab sofort stehen die oberbayerischen Landkreise auf dem Tourenplan der politischen Feuerwehr.

Zu viert fahren wir nach Ingolstadt. Hier ist am Nachmittag alles eine Nummer größer: der Andrang in der City, die Partei, das Aufgebot an Kandidatinnen und Kandidaten mit der langjährigen Bundestagsabgeordneten Eva Bulling-Schröter. Und sogar Freibier gibt's.

Doch nach Feiern ist Eva heute zunächst überhaupt nicht zumute. Sie kommt von einer Beisetzung in Neuburg. Cliff Oase, ein 29-jähriger Asylbewerber, einst Kindersoldat in Uganda, seit zehn Jahren in Deutschland, traumatisiert, doch ohne therapeutische Behandlung, ohne Arbeitserlaubnis und drangsaliert bis zum Taschengeldentzug, war am 17. August in der Donau ertrunken. Freimütig berichtet die Abgeordnete von ihren Tränen. Und von ihrer Wut, denkt sie an die Asylpolitik in diesem Land.

Die LINKE-Landessprecherin, in Ingolstadt zu Hause, berichtet dann Erfreuliches vom bayrischen Doppelwahlkampf: In einigen Kreisverbänden seien die Plakate ausgegangen, das habe es noch nie gegeben. Ein gutes Zeichen, sagt Eva und macht Hoffnung auf Plakat-Nachschub für den Endspurt im Wahlkampf.

In kurzen Interviews beschreiben anschließend weitere Kandidatinnen und Kandidaten den Passanten in der gut besuchten Fußgängerzone, warum sie Politik machen und was sie erreichen wollen: eine andere Politik, ein Ende von Vetternwirtschaft und Amigotum, ein schönes Bayern für alle.

Der gemeinsame Nenner ihres Engagements steht gut lesbar direkt neben ihnen am »Roten Blitz«: »100 % sozial und garantiert amigofrei.«