Disput

Ich lass nicht locker

Von Janina Herff, Direktkandidatin im Wahlkreis 119 (Essen II) und auf Platz 13 der Landesliste Nordrhein-Westfalen

»Nein, Frau Herff, tut uns leid, einen Kitaplatz können wir Ihnen nicht anbieten« – So habe ich es in den letzten Monaten, auf der Suche nach einem Kitaplatz für meinen Einjährigen, unzählige Male zu hören bekommen. Nun ist er bei einer Tagesmutter untergebracht, einer sehr engagierten Frau, keine Frage. Um ihre eigene Existenz zu sichern, ist sie gezwungen, mich noch einmal ordentlich zur Kasse zu bitten. Ein Kitaplatz wäre deutlich günstiger: Mein Kleiner könnte dann in einer altersgemischten Gruppe ganz andere Erfahrungen machen, und es gäbe eine Vertretung im Krankheitsfall. Nur: Diesen Kitaplatz gibt es trotz aller Beteuerungen von Frau Schröder nun einmal nicht.

»Einen Platz im ›Offenen Ganztag‹ können wir Ihnen leider nicht garantieren«, sagte uns die Schulleitung beim Aufnahmegespräch in der Grundschule. Nun haben wir einen, zum Glück! Viele andere Eltern gehen leer aus.

Alles ist politisch, auch mein Alltag als Mutter mit zwei kleinen Kindern, einem elitär ausgrenzenden Bildungssystem ausgesetzt.

Dabei bin ich selbst in der Kommunalpolitik aktiv, im Jugendhilfe- und im Schulausschuss. Ich hake nach, lass nicht locker, prüfe die mangelhafte Kitaplanung und den unzureichenden Ausbau der Offenen Ganztagsschulen auf Herz und Nieren – und stoße doch an Grenzen. Schönfärberei, Ignoranz oder, wenn alles nix mehr hilft, die hohen Schulden der Stadt – immer wieder singen CDU, SPD, Grüne und FDP den Kanon der Alternativlosigkeit und weigern sich, die Realität anzuerkennen. Wenn man zum Beispiel die Schieflage in unserem Bildungssystem live und in Farbe miterlebt, kann das schon sehr frustrierend sein. Es ist aber gleichzeitig ein Ansporn.

Zwei Bürgerbegehren durfte ich mit auf den Weg bringen, gemeinsam mit Menschen, die sich nicht weiter mit angeblichen Sparzwängen und leeren Versprechungen abspeisen lassen wollen. Schön, dass es trotz des politischen Einheitsbreis noch Menschen gibt, die aufbegehren, die handeln und die sich für ihre Interessen einsetzen.

Durch die Kandidatur für den Bundestag komme ich mit vielen Menschen ins Gespräch, die sich längst von der Politik abgewendet haben. Ein Redakteur vom WDR hat mich letztens gefragt, warum ich so engagiert Wahlkampf machen würde, wenn die Aussicht, gewählt zu werden, doch sehr gering ist, besonders im Essener Norden. Meine Antwort: »Weil ich nicht wichtig bin.« Das hört sich im ersten Moment vielleicht merkwürdig an, ist aber so. Die Bundesregierung der letzten Jahre hat eins geschafft: Menschen zu frustrieren und dafür zu sorgen, dass sich immer mehr Leute von der Politik abwenden, nicht zur Wahl gehen, sich nicht mehr einmischen. Doch wer nicht wählt, wird trotzdem regiert! Für jeden Einzelnen, mit dem ich ins Gespräch komme, der wieder über Politik nachdenkt, der erneut zur Wahl geht, lohnt es sich, auf der Straße zu stehen und Wahlkampf zu machen. Die Menschen sind wichtig!

Zwischen Familie und Politik, das ist oft ein großer Spagat. Aber gleichzeitig motiviert und bewegt es mich. Ich möchte dafür sorgen, dass auch meine Kinder ein gutes Leben haben, dass sie später eine Rente bekommen, von der sie leben können. Neulich las ich in der »Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung«: »Ganz im Sinne der Armutsbekämpfung: Peer Steinbrück spricht sich für die Solidarrente im Alter in Höhe von 850 Euro aus.« Darunter ein Artikel: »Ein Einpersonenhaushalt gilt in der BRD als arm, wenn dieser weniger als 869 Euro zur Verfügung hat.« Das sagt doch alles, oder?

Janina Herff, 29 Jahre, ist Studentin der Sozialwissenschaften und stellvertretende Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Rat der Stadt Essen.