Disput

So kämpft man sich durch

In der Mitte der Gesellschaft

Interview mit Dieter Köhler, Direktkandidat im Wahlkreis 270 (Aalen-Heidenheim/Baden-Württemberg)

Gewerkschaft, Gesellschaft, Gartengemeinschaft – die Liste deiner ehrenamtlichen Aufgaben ist lang. Wie ist es dazu gekommen, woher rührt dein Einsatz für andere?

Durch die soziale Prägung von Kindheit auf. Ich bin mit sieben Geschwistern groß geworden: mit vier Mädels und drei Jungs. Wenn da was funktionieren sollte, konnte man nicht als Einzelkämpfer dastehen, da musste man sich auf die anderen verlassen können. Ich kann mich bis heute auf meine Geschwister verlassen.

Aufgewachsen sind wir im Wohnblock; ich hab in den 60-ern noch miterlebt, was Hunger ist und wie knapp das Geld in Familien sein kann.

Dein bisheriges Berufsleben spielt sich komplett im Unternehmen Voith ab.

Ja, 1976 fing ich hier meine Lehre als Dreher an. Voith ist ein sehr großer Betrieb mit mehreren Sparten. Ich bin gleich in die Gewerkschaft, hab mich als Jugendvertreter entwickelt, war ab ‘78 Vorsitzender der Jugendvertreter und, und, und. Freigestellter stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bin ich seit 2006.

Worauf bist du besonders stolz?

An der Einführung des neuen Rahmen-Entgelttarifvertrages für alle Voith-Betriebe in Baden-Württemberg war ich maßgeblich beteiligt. Das war eine Erfolgsgeschichte.

Wie sieht die Situation momentan aus?

Angespannt. Unsere Manager haben die Entwicklung verschlafen, hauptsächlich im Bereich Papiermaschinen. Im Zuge der Elektronisierung wird eben nicht mehr so viel Papier gebraucht. Der Markt für Papiermaschinen ist zur Hälfte weggebrochen. Was das für Auswirkungen aufs Personal hat, kannst du dir vorstellen: Arbeitsplatzabbau. Weil wir am Standort solidarisch sind, wollen wir alles uns Mögliche tun – bis zur Senkung der Arbeitszeit, Entgeltkürzung, Frühverrentung. Das Rahmenpapier ist bekannt, jetzt müssen wir die Details wie Abfindung und Weiterqualifizierung klären.

Wie viel Prozent sind bei Voith-Turbo über Werkverträge oder Leiharbeit beschäftigt?

15 Prozent.

Und wie viele waren es vor, sagen wir, zehn Jahren?

Wenige.

Wenn ich von Leiharbeit rede, von Werkverträgen, von prekärer Beschäftigung, von der Rente erst ab 67, dann rede ich da nicht von Theorie und von Angelesenem – ich erlebe das jeden Tag im Betrieb, jeden Tag. Die SPD hat uns die Agenda 2010 eingebrockt. Das darf man denen nicht vergessen, und das vergesse ich denen auch nicht.

Die Änderung des Teilzeit- und Befristungsgesetzes war die erste Schweinerei, dann die Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes und die Aufhebung des Synchronisationsverbotes. Und danach kam Hartz IV, womit man die Arbeitslosen massenweise in die Leiharbeit zwingt. Hinter all dem steckte System. Wenn sie es aus Blödheit gemacht hätten, hätte ich bloß gesagt: Ihr seid doof. Aber was sie gemacht haben, ist wirklich säuisch.

Was sagen die Leute dazu, dass du bei der LINKEN bist?

Sie erkennen es an. Für sie ist das eine logische Konsequenz. Denn ich kann nicht auf der Betriebsversammlung die prekären Beschäftigungsverhältnisse, die mangelnden Mitbestimmungsrechte der Betriebsräte bei prekärer Beschäftigung, die ausufernde Leiharbeit anprangern und Gesetzänderungen verlangen – und mich dann womöglich bei der SPD, die uns das Ganze eingebrockt hat, verdingen. Die Kollegen wissen, dass ich konsequent bin. Mein Einsatz für DIE LINKE ist eine Fortsetzung meiner Betriebsratstätigkeit, weil ich überzeugt davon bin, dass Dinge, die von der Politik verbockt werden, auch von der Politik wieder geradegerückt werden müssen.

Ich vermute, im Betriebsrat sind auch Sozialdemokraten …

Ne! Von meinen 14 Kollegen ist keiner parteipolitisch aktiv.

Wie haben sie auf deine Kandidatur zur Bundestagswahl reagiert?

Das ist kein Problem für sie. Sie akzeptieren auch, wenn ich im Wahlkampf öfter mal weg bin – denn im Prinzip beschäftigen wir uns im Betriebsrat mit den gleichen wichtigen Problemen. Konsequenz wird anerkannt, im Betriebsrat, in der Belegschaft, auch in der IG Metall Heidenheim.

Wie viele Mitglieder hat euer LINKE-Kreisverband?

Noch 30.

Noch heißt, ihr ward schon mal mehr.

In der Euphoriephase waren wir mal 50. Das hat sich relativiert: nach Bereinigung der Mitgliederlisten wegen Beitragsproblemen, und ein Teil hat sich zurückgezogen, weil er sich mehr versprochen hatte und dann merkte, es ist auch Arbeit.

Musstest du zur Kandidatur überredet werden?

Jein. Einige Genossen hatten abgelehnt, und eine »Notlösung« wollten wir nicht. Deswegen hatte ich mich zur Kandidatur bereit erklärt, und ich bin stolz darauf, dass sich die Genossen für mich entschieden haben.

Welche Ziele hast du dir für den Wahlkampf gestellt?

Ich will einfach einen guten Wahlkampf machen. Bis zum Wahltag werde ich auf acht Podiumsdiskussionen die Positionen der LINKEN erläutern – so war ich gestern bei den Wirtschaftsjunioren der IHK. Jede Woche bin ich mindestens einmal in der Zeitung. In Heidenheim kommt die Presse um meine Person nicht herum, und wenn sie um meine Person nicht herumkommt, kommt sie auch nicht um meine Positionen herum.

Wie erklärst du dir das?

Ohne mich selbst loben zu wollen: Ich stehe hier in der Mitte der Gesellschaft. Als Vereinsvorsitzender, als Bezirksfachwart, als Mitglied des IG-Metall-Vorstandes, als stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, als Liedermacher … Also ich bin nicht irgendjemand. Eine Ausgrenzung der LINKEN durch die Presse, das läuft hier nicht.

In Aalen und Ellwangen ist das anders.

Ist deine Gartenvereinstätigkeit eigentlich mehr Arbeit oder mehr Hobby?

Das ist schon Arbeit. Aber ich mache sie gern, und in meinem Garten schalt ich komplett ab, da kümmere ich mich um meine Kohlrabi und meine Rote Beete und um alles andere. Ich mag alle Pflanzen.

Und Lieder magst du auch. Welche Töne, welche Texte bevorzugst du?

1984 lernte ich meinen Musikerkollegen kennen. Im Arbeitskampf für die 35-Stunden-Woche sind wir durch die Lande gezogen und haben vor den Fabriktoren Musik gemacht. Unser Anspruch war nie irgendwelche Hurra-Musik, sondern Musik, die inhaltlich Sinn macht. So trete ich oft auf Veranstaltungen wie zum Internationalen Frauentag, am 1. Mai, zum Antikriegstag oder bei Streiks auf.

Du hast eben einem Parteilosen, einem ehemaligen Kollegen, etliche Wahlplakate mitgegeben, die er in seinem und in Nachbarorten aufhängen wird. (Er trägt übrigens den treffenden Familiennamen Linke.) Wie viele LINKE-Plakate hängen insgesamt?

750 in unserem Kreis und nochmal 750 Plakate im Kreis Aalen. Die Zusammenarbeit mit den Genossinnen und Genossen dort klappt gut. Der Wahlkreis 270 erstreckt sich über 90 Kilometer.

Hast du ein Lieblingsplakat?

Ja: 10 Euro Mindestlohn! Wobei ich am liebsten 10,36 Euro geschrieben hätte.

Warum?

Weil zehn Euro nicht reichen!

Bei der Podiumsdiskussion gestern bei der IHK ging die erste Frage ausgerechnet an mich: Was ich von den Vermögensabgabe-Plänen von Rot-Grün halte? Da hab ich gesagt, deren Pläne seien viel zu niedrig ... So kämpft man sich durch.

Auf unserem Wahlkampfplan standen außerdem Infoabende mit Bodo Ramelow am Antikriegstag, mit Uli Maurer und mit Bernd Riexinger. Und selbstverständlich machen wir in einigen Orten Infostände – und das in Heidenheim wirklich nicht nur in den Wahlkampfwochen. Wir stehen dann zu viert oder zu fünft. Und ich lege Wert darauf, dass unsere zwei Heidenheimer Gemeinderäte mit dabei sind. Sie sollen dann nicht in erster Linie Material verteilen, sondern vielmehr mit den Bürgern ins Gespräch kommen. Wie Norbert Fandrich, Gemeindevertreter und Betriebsratsvorsitzender bei Voith Paper (mit 1.500 Leuten). Wenn »unsere« Voith-Leute Samstagmorgen in der Stadt sind, machen wir Parteiarbeit. Ich bin fest davon überzeugt, so kommen wir am besten an die Leute ran und kriegen die besten Gespräche. Und so bereiten wir auch die Kommunalwahlen 2014 vor.

Dieter Köhler, 52, Dreher, freigestellter stellvertretender Betriebsratsvorsitzender bei Voith-Turbo Heidenheim (1.300 Beschäftigte). Verheiratet, zwei erwachsene Töchter, zwei Enkeltöchter.

Seit Mitte der 70er Jahre aktiv in der Gewerkschaft, in der Friedens- und Antifa-Bewegung. Ehrenamtlicher Bildungsreferent der IG Metall, Vorsitzender der Gartenfreunde Mergelstetten (200 Mitglieder), Liedermacher.

Seit 2009 Mitglied der LINKEN, Kreisvorsitzender in Heidenheim, Direktkandidat im Wahlkreis 270 (Aalen-Heidenheim)

Interview: Stefan Richter