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Börsenwahn bringt Bahnchaos – Mainz ist nur die Spitze des Eisbergs

Hans-Gerd Öfinger

Jahreszeitliches Chaos ist bei der bundeseigenen, seit Jahren auf Börsengang getrimmten Deutschen Bahn (DB) leider fast schon Tradition. Im August bremsten personelle Engpässe die Züge am Bahnknoten Mainz stark aus. Kleinlaut verkündete die DB-Infrastruktursparte DB Netz AG, dass das Mainzer Stellwerk wegen eines "nicht vorhersehbaren hohen Krankenstands” der Fahrdienstleiter "nur eingeschränkt besetzt" werden könne. Wochenlang fielen Züge aus oder mussten abends und nachts umgeleitet werden.

Wie die Fluglotsen im Luftverkehr nehmen die Fahrdienstleiter eine Schlüsselposition im Bahnbetrieb ein. Ohne sie darf kein Zug rollen. Schichtarbeit an 365 Tagen und Verantwortung für die Sicherheit verlangen ihnen höchste Konzentration ab. Unter dem Rendite-Diktat wurde jahrelang am Personal gespart und zu wenig Nachwuchs ausgebildet. Bundesweit schieben Fahrdienstleiter einen Berg von einer Million Überstunden vor sich her. Viele haben mehrfach ihren Urlaub verschoben und kommen auch an freien Tagen kurzfristig auf das Stellwerk, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.

Solche Zustände machen auf Dauer krank und mürbe. Auch auf anderen Stellwerken und in anderen Bereichen der DB fehlen Lokführer, Zugbegleiter, Werkstattmitarbeiter und andere. Mainz ist überall.

Die Misere eingebrockt haben uns viele. 1994 wurden Bundes- und Reichsbahn auf Initiative von CDU/CSU und FDP zur privatrechtlichen AG umgewandelt. Später folgte die Aufsplitterung in über 200 Sparten und Töchter. Unter der SPD-Grüne-Regierung ab 1998 hatte (Ex-)DB-Chef Hartmut Mehdorn den Blankoscheck von Kanzler Gerhard Schröder, um die DB "kapitalmarktfähig" zu machen und an die Börse zu bringen. Bis heute setzen die DB-Manager auf Rendite und strikte Personaleinsparungen. Die politischen "Aufseher" im Aufsichtsrat lassen ihnen freie Hand.

Was nun? Es ist höchste Eisenbahn, das Problem an der Wurzel zu packen. Sämtliche Aktivitäten, Planspiele und Diskussionen um Börsengang, Privatisierung, Zerschlagung und (Teil-)Verkauf der DB oder einzelner Töchter müssen beendet, der fahrlässige Personalabbau rückgängig gemacht werden. Die Eisenbahn soll der Allgemeinheit dienen und eignet sich nicht als Anlage- und Renditeobjekt. Sie gehört in eine öffentliche Rechtsform, die Zerschlagung und Privatisierung ausschließt. Statt rein karriereorientierter Manager und fachfremder "Seiteneinsteiger" braucht die Eisenbahn praxiserfahrene Führungskräfte, für die nicht der Drang nach Rendite, Boni und Tantiemen, sondern das Wohl des gesamten Unternehmens und seiner Beschäftigten im Vordergrund steht. Die Schiene muss als Rückgrat eines attraktiven öffentlichen Verkehrssystems ausgebaut werden.

Hans-Gerd Öfinger, www.bahnvonunten.de