Disput

Mein Europa

Nah und fern zugleich. Das ist faszinierend, anstrengend, verunsichernd, beglückend

Von Luc Jochimsen

Wenn man 1936 in Nürnberg auf die Welt kommt, wie es so schön heißt, als Baby von den Eltern nach Budapest mitgenommen wird und als Dreijährige nach Wien, dort in den ersten Kriegsjahren aufwächst, bis der Vater »heim ins Reich« muss und mit der Familie nach Düsseldorf zieht, die dann dort ausgebombt wird, alles Hab und Gut verliert und über eine Zwischenstation in Erlangen weiterzieht nach Frankfurt am Main, ist man ein ziemlich heimatloses Kind - von Bombentagen und -nächten heimgesucht, nur ans Überleben denkend, in Kälte, mit Hunger, kriegsverletzt aufwachsend in einer Schreckenswelt, die praktisch nur Feinde kennt.

Amerikaner sind Feinde, Russen, Engländer, Franzosen, Italiener, Polen … Alle sind Feinde, diese und andere Völker, nah und fern. Bis zum letzten Schultag in diesem Krieg, Winter 1944, wird mir das als Schülerin eingepaukt. Bis zum letzten Kriegstag im Radio verkündet, als Plakatanschlag, in Zeitungen, überall …

Im Elternhaus nicht. Da wird mir vorsichtig, damit ja nichts nach außen dringt, erklärt, dass die Welt so nicht ist, dass dies alles »Propaganda« ist und nicht stimmt. Und dass der Tag kommen wird, an dem sich das ändern wird, »wenn wir diesen Tag erleben werden«, wie mein Vater hinzufügte. Dieser Tag war der 8. Mai 1945.

In Frankfurt am Main kam dieser Tag schon zwei Wochen früher, als die amerikanischen Feinde mit Maschinengewehren auf Jeeps und Lastwagen durch die Straßen unseres Wohnviertels kamen, in Gruppen haltmachten, Zigaretten rauchend und lachend. Wenn wir Kinder uns ihnen näherten, ausgehungert und neugierig, gaben sie uns Schokolade. »Bitte, bettelt nicht!«, sagte die Mutter.

Die Veränderung, die neue Welt, das ganz andere Leben … Es lässt sich kaum beschreiben, wie das war, was da in mir ausgelöst wurde. Wie im Sturm einerseits und dann wieder ganz alltäglich begann die neue Zeit. Ein paar Tage nach Kriegsende schon machte das Kino in der Kaiserstraße gegenüber dem Hauptbahnhof wieder auf. Es gab »Goldrausch« mit Charly Chaplin. »Für Kinder freigegeben.«

1945 war ich neun Jahre alt, und meine Eltern und die amerikanische Re-Education schickten mich in die neue Zeit. Feindesland war abgebrannt. Wir Kinder und Jugendliche verstanden uns sehr schnell als »Junges Europa«. So hieß eine Jugendorganisation, und so hieß auch eine Monatszeitschrift für Schüler und Studenten, für die ich Feuilletons, Reportagen und Rezensionen von Theaterstücken und Filmen schrieb. »Orphée« von Jean Cocteau, »Fahrraddiebe« von Vittorio de Sica, »Cocktail Party« von T. S. Eliot, »Die Fliegen« von Jean Paul Sartre. Frankfurt am Main war eine amerikanische Stadt, aber französische Filme, Theaterstücke, Bücher spielten eine große Rolle. Es war die Zeit des Existenzialismus, der meine Freunde und mich in den Bann zog. Unsere Lieblingsfarbe war Schwarz. Wir beteten Juliette Gréco an und hatten unsere Eltern davon überzeugt, dass wir Hausaufgaben am besten abends in einem griechischen Weinlokal oder noch besser in der AMERICAN-Bar in der Freßgass machen konnten, wo der Swing herrschte.

»Junges Europa« war auch Lebensstil. Ich nahm an Jugendkonferenzen teil, an Arbeitsferienlagern und traf Franzosen und Italiener, ab und zu auch Engländer, die aber äußerst zurückhaltend waren, und einmal einen Holländer, der mit uns Deutschen kein einziges Wort sprach. Wir waren immer auf dem Sprung, »Grenzen einzureißen«: ganz praktisch, indem wir uns an Schlagbäumen an der deutsch-französischen Grenze trafen und hinüber und herüber diskutierten, und dann natürlich abstrakt, indem wir »Grenzen in unseren Hirnen und Herzen« einrissen, wie das pathetisch hieß. Ich hatte damit überhaupt keine Probleme, ich war von meinen Eltern ganz in diesem Sinne erzogen worden. Mein Vater wollte allerdings auch die Grenzen zu den Ländern im Osten Europas einreißen. Nach Ungarn wollten wir wieder, nach Budapest.

In Frankfurt gab es eine Lyrik-Lesung mit Nelly Sachs, der späteren Nobelpreisträgerin, mit dem Titel »In der Fremde zu Hause«. Die Fremde als Heimat - das fand ich großartig. Passend auch für mein Leben bisher und vor allem ein Motto für die Zukunft. Nicht eine Heimat suchend - sondern in der Fremde sofort und für immer eine Heimat finden, das versprach ein reiches, vielfältiges, spannendes Leben und setzte Frieden voraus. Frieden in Europa. Frieden mit West und Ost.

So habe ich versucht zu leben - und es erwies sich als großes Glück. Als Austauschschülerin mit 17 Jahren in den USA, ausgerechnet im tiefsten Mittleren Westen: Iowa; als junge Reporterin unterwegs in England, Skandinavien, Italien, Jugoslawien, Albanien sogar; als Fernsehkorrespondentin sieben Jahre in Großbritannien und Irland; mit Freunden Venedig als Wahlheimat entdecken … Das alles schuf eine Lebensqualität besonderer Art, modernes Nomadentum könnte man sie vielleicht am ehesten nennen.

Was gibt es da alles zu lernen! Wie verschieden wir sind! Selbst engste Nachbarländer haben so ganz andere Wertvorstellungen! Der englische Sonntag zum Beispiel: Zeitung lesen, Tee trinken, Picknick in Parks, Kricket … Die Uhren gehen anders als bei uns. Italienische Sonntage: die großen Familientische in den Gasthäusern überall, drei Generationen, Männer und Frauen an gegenüberliegenden Tischseiten, vor 3 Uhr nachmittags geht man nicht auseinander, auch nicht, bevor man nicht die ganze miserable Regierungspolitik bis ins Kleinste entlarvt und ihre Exponenten aufs Hämischste beschimpft hat. Irische Nächte: Kaum zu glauben, wie aus wortreichen, literaturschweren, ganz und gar freundlichen Gesprächen gegen Mitternacht aus dem Trance des zehnten Guinness plötzlich Aggression hochkocht, alle über alle herfallen, Handgreiflichkeiten ganz und gar nicht ausgeschlossen, um sich dann am nächsten Tag lachend wieder zu umarmen bis zum nächsten »Black-out, you know«.

Europa ist sich nah und fern zugleich. Das ist faszinierend, anstrengend, verunsichernd, beglückend. Wir müssen ja nicht gleich sein - wie öde und langweilig wäre dies! Man kann sehr gut in der Fremde zu Hause sein, wenn man weiß und akzeptiert, dass in anderen Ländern anders gelebt, gehofft, gearbeitet - und - wer weiß? - wahrscheinlich sogar geträumt wird.

Tannenwälder, Weinberge, Hügel, Seen, das Meer … es sind die Landschaften als Allererstes, die die Unterschiede schaffen. Die Vegetation. Licht und Dunkel, Klima und davon ausgehend die Kultur und ihre Traditionen - die Sprachen. Wer sich in italienischen Regionen ein bisschen auskennt, wird nicht mehr von unterschiedlichen »Dialekten« reden, die dort gesprochen werden, sondern erkennen, dass es sich meist um eigenständige Sprachen handelt, mit denen man im engsten Kreis kommuniziert, dabei sich aber auch anders ausdrücken kann, den anderen gegenüber und jene auch versteht, die man früher die »Fremden« nannte.

Zwischen 1953 und 1954, als sehr junges Ding, lebte ich (wie gesagt) auf dem anderen Kontinent, der neuen Welt, Amerika. Lebte als »Tochter aus dem Ausland« in einer amerikanischen Familie, besuchte die Abschlussklasse einer High-School, jobbte in einem Warenhaus und in einer großen Fabrik, reiste nach Abschluss des Schuljahres mit dem Job-Geld in Pullman-Bussen kreuz und quer durch das Land, von Küste zu Küste. Das war ein Erlebnis überwältigender Fremde - und als ich im Sommer 1954 wieder nach Frankfurt zurückkam, war mir klar, klar geworden, dass ich Europäerin bin, Kind des »Old Europe«, wie es der amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld einmal verächtlich genannt hat. Ja, das alte Europa mit seinen Kirchen, Theatern, Museen, Landschaften, vielen Sprachen, unterschiedlichen Traditionen, tausendfach gebrochener Geschichte und mit seinen fürchterlichen Kriegserfahrungen … Dieses »alte Europa« war, ist und wird meine Heimat sein, nah und fern zugleich - und das ist das Schöne, was es zu erhalten gilt.