Disput

Straßburg ist überall!

Kolumne

Von Peter Porsch

Am 14. Februar des Jahres 842 geschah Merkwürdiges und für die europäische Staaten- und Sprachengeschichte bis heute Bedeutsames: Es waren »Ludwig und Karl in der Stadt, die man früher Argentorate nannte, die jetzt aber Straßburg genannt wird, zusammengetroffen, und es wurden die Eide, welche unten niedergeschrieben sind, von Ludwig auf romanisch und von Karl in der wahren deutschen Sprache geschworen. Und auch das um sie herum versammelte Volk sprach den Eid, die einen in deutscher, die anderen in romanischer Sprache.« Das ist die Übersetzung eines lateinisch verfassten Berichtes über die sogenannten Straßburger Eide. Karl der Kahle, dessen Muttersprache Altfranzösisch (lingua romana) war, und Ludwig der Deutsche, der sich üblicherweise auf Althochdeutsch (lingua theodisca) verständigte, hatten ihren Bruder Lothar 841 in der Schlacht von Fontenoy im Streit um die Aufteilung des Reiches Karl des Großen besiegt und schworen sich gemeinsam mit ihren Heeren fortdauernden Beistand. Die Eide gelten gleichermaßen als Wurzeln Frankreichs und Deutschlands als Staaten und als Eintritt des Französischen und Deutschen in die Geschichte. Das wirklich Besondere an der Sache war jedoch, die Anführer und ihre Krieger schworen jeweils in der Sprache der anderen. Sie wollten beide Zeichen des Vertrauens trotz der Unterschiedlichkeit setzen. Sie übten »Perspektivwechsel«, um zu zeigen, dass sie sich in die anderen verstehend hineinversetzen können. Besser kann man Konfliktpotenziale kaum entschärfen.

Ich weiß nicht, ob solches in der europäischen Geschichte jemals wiederholt wurde. Eher nicht, jedenfalls nicht in so spektakulärem Zusammenhang. Es wäre jedoch so schön gewesen. Es wäre so schön gewesen, zum Beispiel unlängst erst im Osten Europas zwischen Russland und der Ukraine. Stellen wir uns vor, die Armeen der beiden Länder – oder wenigstens ihre Politiker und Politikerinnen – hätten sich getroffen und Friedfertigkeit geschworen; die Russen auf Ukrainisch und die Ukrainer auf Russisch. Sie hätten es sicher gekonnt. Leider lief aber alles ganz anders. Jene, die Ukrainisch sprechen, verstanden die Auflösung der Sowjetunion auch als Loslösung vom übermächtigen Einfluss Russlands. Um das zu sichern, wandten sie sich nicht nur den offensichtlich freudig Wartenden aus Westeuropa und den USA zu, sondern meinten auch, das Russische endgültig aus dem Lande bannen zu müssen. Den Russen im Lande und in Russland gefiel das gar nicht, und sie nahmen die eigene Sprache zum Vorwand für Sezession. Welch Frevel an Sprachen! Freilich, es ist etwas dran, wenn Wilhelm von Humboldt nach dem Studium von außereuropäischen Sprachen meinte, es läge »in jeder Sprache eine eigentümliche Weltansicht. ... der Mensch lebt mit den Gegenständen hauptsächlich, ja ... sogar ausschließlich so, wie die Sprache sie ihm zuführt.« Das gibt der Sprache Macht über Weltwahrnehmung, Denken und Verhalten ihrer Sprecherinnen und Sprecher. Deshalb sollte es aber auch neugierig machen auf die anderen Sprachen neben der eigenen. Sprachen lernen, Sprachen wechseln heißt neue Perspektiven gewinnen. Humboldts Einsicht hat ein deutscher Sprachwissenschaftler in die Perversion getrieben. Leo Weisgerber wollte uns mit einem »ehernen Gesetz der Muttersprache« weismachen, dass die gemeinsame Sprache mit naturgesetzlicher Gewalt auch zu staatlicher Einheit drängt. Gemessen an der Realität ist dies gefährlicher Unsinn, denn es gibt keine monolingualen europäischen Flächenstaaten. Staatskonstituierende Einsprachigkeit setzte voraus, dass man andere Sprachen und überhaupt alles andere für unnahbar fremd begreift. Sprachen sind aber keine Burkas, die die Sprecherinnen und Sprecher für Außenstehende unerkennbar verhüllen. Im Gegenteil: Sprachen sind Instrumente, sich zu öffnen – in seiner Unverwechselbarkeit und in seiner Lust auf Austausch. Die Sprachenvielfalt zeigt die architektonische Einmaligkeit des gemeinsamen Hauses Europa. Der Einsturz wäre unvermeidbar, rüttelt man daran.