Disput

Eine Ohrfeige für den Küchenjungen!

Feuilleton

Von Peter Porsch

Am 27. Oktober 1990 konstituierte sich der 1. Sächsische Landtag nach neuer Zeitrechnung. Es begann mit einer Stunde in der Dresdner Kreuzkirche. Für die Mehrheit war es ein Gottesdienst, weshalb es zuvor eine heftige Debatte in der Fraktion Linke Liste/PDS gab, ob man denn überhaupt hingehen sollte. Die Sache wurde schließlich freigestellt – und es waren so ziemlich alle da. Auch ich.

Gottesdienst hin oder her, es war eine Stunde der Besinnung und der Ermahnung. »Nehmt einander an«, gab uns der Pastor mit auf den Weg. Das war ein gutes Motto für den Beginn. Daran gehalten haben sich nach meinem Resümee neunzehnjähriger Mitgliedschaft im Sächsischen Landtag allerdings eher die »Gottlosen« als jene, die im Namen des Christentums demokratisch sein wollten.

Die Dreikönigskirche in Dresden als vorläufiges Quartier des Landtagsplenums war eigentlich ein guter Ort für das Neue. Wir waren so gedrängt versammelt, dass man Fraktionsgrenzen überhaupt nicht erkennen konnte. Die Fraktionsmitglieder saßen meist hintereinander und selten nebeneinander. Ich war zum Beispiel zwischen einem (echten) Liberalen und einem Grünen platziert, und ich glaube sagen zu können, dass wir drei die dadurch gegebene Chance, einander anzunehmen, genutzt haben. Vor mir aber saßen drei Abgeordnete der Fraktion mit der absoluten Mehrheit, drei Abgeordnete also der CDU. Dem Handbuch des Landtages konnte ich entnehmen, dass sie auch schon vor der Wende in der Block-CDU waren. Nun, ich war zuvor in der SED. Da war kein Stein zu werfen.

Die Verfahren nahmen ihren Lauf. Dinge waren zu tun und zu entscheiden, die kaum jemand von uns schon getan hatte. Streit kam auf und sollte ja auch aufkommen. Zunehmend wurde man lockerer, und es entfuhr mir mein erster Zwischenruf. Da drehte sich mein schwarzer Vordermann um und fuhr mich an: »Sie sind ruhig. Sie waren vierzig Jahre dran. Jetzt sind wir dran!« Meine Replik war schnell und ebenso scharf: »Wenn das alles ist, was sich geändert hat, dann hätte sich alles nicht gelohnt!«

Vierzig Jahre am Stück hat sie noch nicht geschafft und wird sie hoffentlich nie schaffen, diese sächsische CDU. Dass sie aber sehr schnell zu einer Staatspartei wurde, lässt sich nicht leugnen. Die wichtigen Posten hat man sich gut aufgeteilt. Was die Opposition sagt, interessiert kaum. Für sich selbst ist man des Lobes voll. Die Wirklichkeit enteilt jedoch immer schneller der narzisstischen Selbstbespiegelung.

Begonnen wurde mit Kurt Biedenkopf. Mit seinem monarchischen Anspruch hielt er nicht hinter dem Berg: »Wer mich König Kurt nennt, greift der Entwicklung etwas voraus.« Er setzte Sachsen wieder die Goldene Krone auf die Staatskanzlei, immerhin Zeichen eines neuen und zugleich traditionsgebundenen sächsischen Selbstbewusstseins. Dem »König Kurt« folgte Georg Milbradt mit dem Gestus eines Gutsherren. Hemdsärmelig saß er mit dem Gesinde gleichsam am selben Tisch und aß mit ihm aus einer Schüssel; freilich nur, um darauf zu achten, dass sich die Leute nicht zu viel auf den Löffel nahmen. Als ihm der Gutshof zu wenig abzuwerfen schien, griff er in die Gesindekasse und verspekulierte das mühsam Angesparte. Schließlich schmiss man ihn vom Hof und holte sich den braven Stanislaw Tillich. Der verwaltet jetzt lächelnd das schwindende Erbe des Königs und gefällt sich im Nichtstun. Dem Land aber droht endgültig der Dornröschenschlaf. Es wird deshalb immer dringlicher, die von den Hecken der Selbstgefälligkeit umrandete verschlafene Burg zu neuem Leben zu erwecken.

Nein, vierzig Jahre schwarzer Schleier über dem Land wären unerträglich. Schon 25 Jahre sind zu viel. Die CDU taugt höchstens noch als Küchenjunge. Und der sollte am 31. August mit einer mächtigen Ohrfeige aus seinen Träumen geweckt werden.