Disput

Punker und Politiker

Robert »Suppe« Sobolewski kandidiert in Mittelsachsen, Wahlkreis 5

Von Stefan Richter

Um ein Direktmandat im neuen sächsischen Landtag bewerben sich 60 LINKE-Kandidatinnen und -Kandidaten. Einer von ihnen ist Robert Sobolewski. In diesen Wochen ist er oft unterwegs. Er plakatiert, führt Gespräche, verteilt Flyer. So weit, so gut – und so üblich. Doch wer nach dem Flyer dieses Kandidaten greift, gerät möglicherweise gleich bei der Anrede leicht ins Stutzen. »Hallihallo«, heißt es da salopp, und weiter: »Mein Name ist Robert Sobolewski aus Geringswalde. Ich bin 27 Jahre alt und habe 2 Hunde.«

Zu den Hunden später. Zum Kandidaten sofort.

Wir sitzen in Dresden am Elbufer, die Sonne strahlt, der Blick fällt über den Fluss Richtung Staatskanzlei, der Landesverband hat eben seine Wahlkampagne vorgestellt, und Robert ist eigens dazu hergekommen. Nach der Arbeit, leicht verspätet, denn einen roten Teppich für seine Kandidatur wird ihm dort niemand extra ausrollen; er ist Mechatroniker in einer Firma, die sich auf Kühlwasseranalyse und Dosiertechnik im Kraftwerksbereich spezialisiert hat. Die Kollegen wissen von seinem Wahlantritt. Den finden manche gut, anderen ist er völlig egal.

Geringswalde ist eine Kleinstadt mit vier, fünf Firmen und einem größeren Landwirtschaftsunternehmen, das sei's dann auch, erzählt Robert. Viele Leute hätten das Vertrauen in die Politik verloren – weil sie nicht wissen, was »die« da »oben« machen. Zu Veranstaltungen kämen kaum »normale« Bürger. Jeder gucke erst mal, dass es ihm gut geht – und dann gucke er auch mal nach den anderen. Schade, findet der Kandidat, und er nimmt sich vor, das ändern zu helfen.

Sein Weg in die Politik begann bei Punk-Konzerten, anfangs noch recht unpolitisch. Mit 15 machte er erstmals bei Anti-Nazi-Demos mit. Und irgendwie, so blickt er heute zurück, bilde man sich dann weiter, sage sich, die ganze Gesellschaft ist doch eigentlich kritikwürdig.

»Politisch engagiere ich mich nicht nur gegen Nazis, was in unserer Region sehr wichtig ist. Ich versuche, bei Leuten, mit denen ich zusammenarbeite, Gesellschaftskritik so anzubringen, dass ich immer mal ein paar Knackpunkte anschneide, zum Beispiel Alltagsrassismus. Dass es beispielsweise nicht okay ist, über den Asiaten, zu den ich essen gehe, Fidschi zu sagen. Selbst wenn die Leute das gar nicht so schlimm meinen sollten – wenn sie in der Kneipe mit Nazis zusammensitzen, wird ganz schnell ein rassistisches Gespräch daraus. Dem versuche ich vorzubeugen, indem ich das Thema anspreche.«

In den vergangenen Jahren war Robert stellvertretender Vorsitzender der linksjugend ['solid] im Kreis Mittelsachsen: »Wir versuchen, die Provinz ein bisschen alternativ zu beleben.« Auf 10 bis 15 aktive Mitglieder können sie bauen. Früher waren sie deutlich mehr, aber einige sind weggezogen und andere weggeblieben. Zum Beispiel als ihr Treffpunkt, zu dem bis zu 50 Jugendliche gekommen waren, durch die Stadt geschlossen wurde – angeblich um das Haus zu verkaufen. Es steht noch heute leer. »Geblieben ist Politikverdrossenheit. Vielleicht war das so gewollt«, vermutet Robert. Weil er sich damit nicht abfinden will, kandidiert er. Im Mai dieses Jahres für die Kommunalvertretung seiner Heimatstadt. Er wurde mit einem guten Resultat gewählt. DIE LINKE gewann mehr als zwei Prozent der Stimmen hinzu und damit ein weiteres Mandat.

»Als Stadtrat habe ich mir vorgenommen, gerade die Verdrossenheit zu durchbrechen, indem mehr Transparenz herrscht. In der ersten Sitzung habe ich einen Antrag formuliert, dass nicht nur ›wesentliche Dinge‹ einer Stadtratssitzung in ›geeigneter Form‹ öffentlich gemacht werden. Das sind mir zu schwammige Aussagen. Alle Anträge und Beschlüsse sollten in den Schaukästen, im Internet und im Amtsblatt veröffentlicht werden. Man kann nicht erwarten, dass Leute, die sich nicht für das Thema interessieren, zu den Sitzungen gehen. Sie haben doch trotzdem das Recht, informiert zu werden. Wenn sie merken, da wird ja was für mich gemacht, engagieren sie sich vielleicht eher.«

Ins Gespräch kommen, immer wieder aufklären und Verdrossenheit aufbrechen – »Ich denke, es könnte klappen. Und wenn sich das rumspricht …«

Der Gleichgültigkeit vieler Mitmenschen gegenüber Themen wie Antifaschismus, Umwelt- und Tierschutz sowie Jugendpolitik etwas entgegenzusetzen – das bewegt ihn auch, für den Landtag in Dresden zu kandidieren. Unterstützt wird der Direktkandidat durch ['solid] und den Kreisverband der LINKEN. Und durch Freunde, die sonst gar nichts mit dieser Partei zu tun haben. Ein Kumpel druckt sogar Support-T-Shirts.

Seit Anfang August plakatiert er. Veranstaltungen will er noch machen: zum Bau von Biokläranlagen in privaten Haushalten in den Dörfern und zur Drogenpolitik. Seine Themenbreite hat sich erweitert. Ein Kernthema ist geblieben: die Auseinandersetzung mit den Nazis und ihrer Ideologie. Und die Haltung von Polizei und Justiz. Auch nach den NSU-Morden und dem Prozess könnten Nazis immer noch ziemlich ungehindert ihr Unwesen treiben. Dagegen müsse man kämpfen. Wie gegen das Wegsehen und Vertuschen. Denn Nazis seien keine dummen Jungs, die wüssten genau, was sie tun, bis hin zum Mord.

Vor zwei Jahren war ein Genosse beim Plakatieren von einem Nazi angefallen worden. Robert kam zur Hilfe und konnte den Angreifer überwältigen. Aber das wurde dann als Straftat von links ausgewiesen – weil der Nazis Anzeige erstattet und behauptet hatte, Robert hätte ihn mit einem Schlagring attackiert. Zwar stimmte das nachweislich nicht und die Anzeigen gegen die Linken wurden schnell eingestellt, doch sie hatten Stress – wegen ihrer Zivilcourage.

Zum Tag der Befreiung, am 8. Mai, hielt Robert in Rochlitz eine Rede; er hat den Bogen gespannt von den Opfern der Hitlerdiktatur bis zum Heute, wo Deutschland wieder kräftig mitmischt durch Bundeswehreinsätze und Rüstungsexporte. Dass ausgerechnet er als junger Genosse reden sollte, wertet Robert als Vertrauensbeweis. Der Jugend, meint er generell, müsse man auch in der Partei Vertrauen schenken. Und man müsse akzeptieren, dass vielleicht mal gänzlich andere Entscheidungen gefällt werden – weil es einfach eine andere Zeit ist als vor 40 oder 50 Jahren. Was so einleuchtend erscheint, ist es im Alltag nicht immer. »Manche erklären ihr Linkssein damit, dass sie in einer Partei sind, die DIE LINKE heißt. Ich finde ja, die Einstellung muss durch Taten deutlich werden. Der Politikstil ist eher schwierig, da gibt’s Reibungspunkte.« Aber es gäbe natürlich Leute wie Konrad Kothe, bisher Fraktionsvorsitzender im Stadtrat, die versuchten, eine fitte linke Politik zu machen.

Robert Sobolewski, von Freunden »Suppe« genannt, hat schon einiges erlebt in der Politik. Als einen Höhepunkt betrachtet er, dass er zum Direktkandidaten gewählt wurde – er, der Punker mit Stella und Lea. Seine Hunde sind sein Hobby, mit ihnen will er viel Zeit verbringen. Er macht sich stark für Tierschutz und ist in der Leitung der Tiernothilfe Leisnig, für die sie für Futter- und Sachspenden werben und auch mal ein Fest organisieren, damit ein bisschen Geld rumkommt.

Auch mit 27 zieht es Robert regelmäßig zu Konzerten – wenn es die Zeit (auch mit Stella und Lea) erlaubt. Jetzt jedoch nur noch zu Konzerten, wo politische Bands spielen, neuerdings auch zu Zeckenrap: »Musik ist ein wichtiges mediales Mittel, mit dem man Leute aufklären und politisieren kann.«

Die Wahlchancen für den Punker und Politiker sind nicht riesig. Aber Robert »Suppe« Sobolewski gibt im Wahlkampf sein Bestes.

Und was seinen Flyer betrifft, der endet so unüblich, wie er beginnt: »Wenn Sie sich nicht mit mir und den Themen anfreunden können, werfen Sie den Flyer nicht gleich in den Müll, denn in jeder Kommune sammeln Schulen und andere Institutionen stets Altpapier.«