Disput

Immer mitten drin

Über drei K und eine langfristige Erinnerung. Der Anspruch von Rot-Rot-Grün in Thüringen

Interview mit Bodo Ramelow

Glückwunsch zur Wahl als erster Ministerpräsident von der LINKEN!

Danke. Und danken möchte ich auf diesem Wege auch allen, die uns unterstützt haben und uns weiterhin unterstützen werden.

Bei der Landtagswahl 1990 erhielt die PDS nicht einmal zehn Prozent der Stimmen (9,7%), Ende 2014 stellt die Partei mit dir erstmals einen LINKEN-Ministerpräsidenten. Was hat diesen Weg zu dem großen Vertrauen in der Bevölkerung, bis hin zur Wahl in Regierungsverantwortung, ermöglicht?

Das hohe Maß an Teamfähigkeit derjenigen, die in Thüringen für die PDS und DIE LINKE gewirkt haben. Wir haben es immer wieder geschafft, viel Vertrauensrückbindung in die Bevölkerung aufzubauen und zu halten. Da kann man Gabi Zimmer nennen, die lange Zeit Verantwortung getragen hat, und Dieter Hausold.

Mein Weg in der PDS begann mit Gabi Zimmer und Dieter Hausold, sie waren meine Ankerpunkte, mit ihnen habe ich sämtliche Höhen, Tiefen, Brüche erlebt und immer daran gedacht, für wen wir Politik machen: für die Menschen. Und die Geheimnisse sind die drei K: kümmern, kümmern, kümmern.

Jedes Wahlkreisbüro ist quasi ein Beratungsbüro, ist quasi ein Teil der Bevölkerung. Bei allen Konflikten in Thüringen – in der Regel sind das sehr praktische, konkrete Konflikte wie um die Abwassergebühren – waren wir als Partei immer mitten drin. Wir haben nicht nur den Konflikt beschrieben und die Empörung noch lauter gemacht, sondern wir haben nach Lösungen gesucht. Das hat uns zu einer regionalen Kraft gemacht, die uns bei all unserer Unterschiedlichkeit in der Summe erkennbar macht, wo die Leute nicken und sagen: Ja, das ist die PDS bzw. DIE LINKE.

Die Menschen haben eine langfristige Erinnerung an uns. Das ist unser Erfolg. Deswegen haben wir das höchste Ergebnis der LINKEN in ganz Deutschland.

Die Erwartungen an Rot-Rot-Grün – beileibe nicht nur bei den Mitgliedern der drei Parteien und ihren SympathisantInnen – sind riesengroß. Auf welche Weise wollt ihr ihnen gerecht werden, wie wollt ihr Enttäuschungen möglichst vermeiden?

Schon 2004 und dann noch mal 2009 thematisierten wir immer wieder praktische Dinge. 2009 hatten wir ein Plakat: Auch wir kochen nur mit Wasser. Das war eine Absage an überhöhte Hoffnungen. Und wir wollten deutlich machen, wir kümmern uns um das Thema Wasser: Wir wollen Politik mit euch gestalten, damit ihr mehr entscheiden könnt. Dieses Plakat löste eine große Nachfrage aus, weil die Abwassergebühren explosionsartig zum Thema geworden waren.

DIE LINKE ist, darauf hast du verwiesen, immer Adressat für »Aufregerthemen« gewesen. Was ändert sich mit dem grundlegenden Wechsel von der Opposition in die Regierung?

Die Bürgerinnen und Bürger wissen, dass sie in uns einen verlässlichen Ansprechpartner haben. Das nehmen wir mit in die Regierung. Deswegen haben wir auch die Verhandlungen zum Koalitionsvertrag länger, aber dafür transparenter gestaltet.

Anders gefragt: Ändert sich der Charakter der Bürgerbüros, bisher Bürgerbüros der Oppositionspartei?

Sie waren Büros für die Bürgerinnen und Bürger – und das bleiben sie. Denn an den Problemen selbst hat sich, nur weil wir Regierung sind, noch nichts geändert: Es ist immer noch das Verhältnis der Verwaltung zum Bürger. Und wenn die Verwaltung Fehler macht, muss jede Regierung dafür geradestehen oder Lösungsansätze finden.

Deswegen rechne ich beispielsweise auch nicht mit einem automatisierten Wattebäuschen-Werfen von den Gewerkschaften, nur weil ein Gewerkschafter Regierungschef ist. Der Unterschied ist nur, dass ich mit den Gewerkschaften auch reden würde und mit ihnen Klartext rede: wo sie Mitbestimmung kriegen und wo sie keine kriegen können.

Und die Frage, dass wir 8.000 Stellen im öffentlichen Dienst einsparen, kann ich leider nicht zur Disposition stellen, weil wir das erben – ich kann nicht einfach sagen, das erben wir nicht, nur weil wir es sind, die jetzt Regierungsverantwortung tragen. Diese Stellen werden reduziert durch Altersabgänge, gleichzeitig werden wir Einstellungskorridore für junge Leute, zum Beispiel Lehrerinnen und Lehrer, öffnen. Die haben wir zum Teil nicht. Wir müssen also die Stellen schaffen, die Einstellungsgarantie geben und sie über fünf Jahre durchhalten, damit Leute jetzt anfangen zu studieren und in Thüringen bleiben wollen.

Die Zahl 8.000 hört sich gigantisch an, aber zum Umstrukturieren eines Bundeslandes ist sie eigentlich ideal, und niemand wird entlassen; der Koalitionsvertrag sagt klar: keine betriebsbedingten Kündigungen.

Die Behördenstruktur in Thüringen so zu belassen, wie sie ist, wäre ein schwerer Fehler. Wir sind so kleinteilig, dass wir nicht so weiterarbeiten können. Diese Kleinteiligkeit kostet zusätzlich Gelder, die wir keinen freien Trägern geben können.

Rot-Rot-Grün ist keine Parteivereinigung …

… und wird auch keine.

Aber ein Zweckbündnis.

Erst mal ist es ein Bündnis, eine Koalition auf Basis eines Koalitionsvertrages, der professionell verhandelt worden ist, unter Federführung von Susanne Hennig-Wellsow.

Die Besonderheit ist: Wir haben in der LINKEN intern einen Generationenwechsel, und der ist nach außen erkennbar geworden. Wir haben es eisern durchgehalten: An den Koalitionsverhandlungstagen hat immer Susanne die Verantwortung getragen, sie hat jede Sitzung geleitet, und ich bin dann an den Tagen auch vor keine Kamera getreten.

Wie wird diese Aufgabenteilung in der Zukunft aussehen?

Wir erleben in diesen Wochen und Monaten einen Perspektivenwechsel. Es ist doch ein fundamentaler Unterschied, ob du 24 Jahre Opposition oder auf einmal Regierung bist. Das ändert auch die Arbeit der Partei und der Fraktion grundlegend.

Ich bin der Regierungschef, bin der Vertreter von Rot-Rot-Grün und nicht der der LINKEN. Ich bleibe Mitglied der LINKEN, bin aber Ministerpräsident der Koalition.

Die Adresse links muss über Susanne als Landesvorsitzende gehen. Deswegen haben wir uns auch verständigt, wie politische Signale entwickelt und gesendet werden, damit klar ist: Hier ist die Partei und an den und den Stellen wird die Partei sich einmischen. Und es gibt andere Stellen, da wird der Ministerpräsident die Koalition vertreten.

Deswegen sind wir auch nicht das Modell für Berlin oder sonst wo. Wir sind lediglich ein Modell für Thüringen, das einen Leistungstest erbringen muss: nämlich in fünf Jahren wiedergewählt zu werden mit einem gestärkten Ergebnis. Das ist unser Anspruch.

Was ist der Unterschied zwischen einem Kompromiss und einem faulen Kompromiss?

Ein fauler Kompromiss ist, das Gegenteil von dem zu erklären, was du richtig findest.

Ein Beispiel?

Als LINKE sagen wir, das Geheime der Geheimdienste wird abgeschafft; das ist sozusagen die Metaebene: Vom BND bis zum Bundes-Verfassungsschutz alles abschaffen, weil Geheimdienste immer demokratiefeindlich und nie demokratiestabilisierend sind.

Beim Thüringer Verfassungsschutz waren wir uns mehrheitlich einig: Er gehört abgeschafft. Er hat so viel Schuld auf sich geladen, dass er aufgelöst werden müsste. Das war unsere Herangehensweise. Dann wäre der nächste Schritt eine Neugründung im Innenministerium; dazu wären alle drei Parteien bereit gewesen. Als LINKE waren wir der Meinung, auch die Neugründung hätte es nicht gebraucht.

Der Kompromiss, den wir eingehen mussten, ist kein fauler, sondern ein Kompromiss, den wir mittragen: Die V-Leute werden abgeschafft, das System der bezahlten Spitzel, wo ein Nazi Geld dafür kriegt, dass er Nazi ist und als Zuträger dient. Dieses System muss in Thüringen unterbunden werden. Das steht im Koalitionsvertrag.

Ein fauler Kompromiss wäre es, weiter zu machen wie bisher und zu sagen, jetzt haben wir es aber demokratisch kontrollierter. An so was glaube ich nicht. Deswegen haben wir uns die Mühe des Kompromisses gemacht, es war ein harter Knackpunkt. Seit 1945 hat noch nie ein Bundesland auf V-Leute verzichtet.

Deswegen ist in der Logik des Koalitionsvertrages auch der nächste NSU-Untersuchungsausschuss drin.

Und, wie wir gelesen haben, ein Gedenkort für NSU-Opfer.

So ist es, das wollen wir gründlich erörtern.

Der Punkt ist: Thüringen ist das Bundesland, aus dem die Täter kommen, das Bundesland mit der Behörde, das die Täter und ihr Umfeld gepampert hat. Wir sind jedoch kein Ort der Opfer; keiner der Morde fand in Thüringen statt. Deswegen können wir nicht einfach sagen, wir gedenken an dem Ort der Ermordung. Wir müssen eine andere Form finden, wie wir unsere Verantwortung in den Gedenkort einbringen, und wir werden uns dazu mit Leuten konsultieren, die sich mit Gedenkarbeit auskennen.

Der Koalitionsvertrag kündigt an, eine Verwaltungs- und Gebietsreform anzugehen.

Wir haben immer gesagt, dieses Land hat eine Verwaltung für eine Million Einwohnerinnen und Einwohner mehr. Entweder es sagt uns jemand, wo die eine Million herkommt, oder wir müssen die Verwaltung umbauen.

Mit der Kleinteiligkeit Thüringens – wir haben die kleinsten Gebietskörperschaften der Bundesrepublik – können wir nicht weiterarbeiten. Der Bürger will letztlich wissen, ob er ein Bürgerservicebüro in der Nähe hat. Die Verwaltung muss nicht nur in Erfurt funktionieren, sondern flächendeckend. Das bedeutet, den Umbau mit praktischen Dingen zu verbinden: die Motivation der Beschäftigten im öffentlichen Dienst zu erhöhen und dicke Bretter dort zu bohren, wo man sie gar nicht automatisch gutgeschrieben kriegt.

Ein DISPUT-Leser in Chemnitz schrieb uns: »Mein Blick auf das politische Thüringen veranlasst mich auszurufen: ›Ach, zwei Seelen wohnen in meiner Brust.‹ Zum einen muss man Rot-Rot-Grün von ganzem Herzen zustimmen, zum anderen werden wir dafür wohl einen hohen politischen Preis zahlen.«

Ich weiß nicht, welcher politische Preis. Der umstrittenste Preis, den ich kenne, ist die Debatte um den Unrechtsstaat-Begriff. Die Debatte wird am stärksten außerhalb Thüringens geführt. Innerhalb Thüringens führen wir die Debatte um Unrecht und um das, was der Bruch mit dem Stalinismus bedeutet (da verweise ich auf die Rede von Michael Schumann auf dem Sonderparteitag Ende 1989). Das ist für uns das Fundament, auf dem wir debattieren. Die Facetten des Unrechtsstaat-Begriffs bekommen wir gerade an allen möglichen Ecken präsentiert, einschließlich von Daniela Dahn, die darauf hingewiesen hat, dass die SED in den 50er, 60er Jahren den Unrechtstaat-Begriff gegen die BRD auch angewandt hat.

Was folgt für dich daraus?

Ich plädiere dafür, sich – 25 Jahre nach der Maueröffnung – die Strukturen des Kalten Krieges auf beiden Seiten anzuschauen: Was ist in 40 Jahren Kalter Krieg eigentlich passiert?

Hubertus Knabe behauptete in einem Artikel gegen mich als intellektuelle Glanzleistung, in Westdeutschland habe es keine Berufsverbote gegeben. Das ist pure Ideologie. 30 Jahre bin ich bespitzelt worden, weil ich mit Berufsverbotsopfern solidarisch war. Schon allein diese Solidarität war in Westdeutschland Anlass, vom Geheimdienst belästigt zu werden. Dagegen habe ich geklagt und gewonnen.

Aber ich sage jedem, der aus der DDR kommt und meint, ja, prima: Gegen das MfS hätte ich nicht klagen können ... Das ist der Unterschied. Und deshalb müssen wir auf beiden Seiten gucken, was der Kalte Krieg mit uns gemacht hat. Das bedeutet auch, ein Stück weit auf alle mit der ausgestreckten Hand zuzugehen. Denn darin entsteht das Potenzial, um die Ideen von links wieder stärker glänzen zu lassen. Mit dem Ende der DDR ist auch der Glanz vom Begriff der sozialistischen Idee verlorengegangen. Also muss man darüber reden. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, intensiv darüber zu diskutieren. Und zwar ohne Vorgaben, ohne Scheuklappen.

Rot-Rote Regierungsbündnisse gab es bereits (in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin), aktuell wieder in Brandenburg. Wieviel konntet ihr von ihren Erfahrungen nutzen?

Ganz viel. Wir haben uns ihren Rat geholt, und bei der Vorbereitung auf den Koalitionsvertrag haben uns Akteure von dort geholfen. Erst gestern war Brandenburgs Finanzminister Christian Görke hier.

Beispielsweise habe ich zum Thema Energiepolitik, Energiewende sehr viel von Prof. Wolfgang Methling gelernt: Unsere Idee von der Energiewende – dezentral, regional, regenerativ – ist eine andere Form der Energiewende, das ist eine andere Architektur. Da steckt ganz viel von Demokratie drin, weil wir das Genossenschaftswesen wieder stärker in Bewegung bringen. Wir haben in Thüringen Eon komplett rekommunalisiert und damit die Voraussetzungen, in jedem Dorf eine Dorfgenossenschaft entstehen zu lassen – abgeleitet von dem, was Methling und Rot-Rot in Mecklenburg-Vorpommern gemacht haben.

Oder Stichwort öffentlich geförderter Beschäftigungssektor (ÖBS), wesentlich entwickelt durch Heidi Knake-Werner und ihre Mitstreiter/innen in Berlin. Dazu haben wir uns Leute geholt, die zu der Zeit daran gearbeitet haben. Das Instrumentarium ÖBS gibt es leider nicht mehr. Aber die Idee ist trotzdem richtig. Jetzt sind wir im Gespräch mit der Bundesagentur für Arbeit, wie wir ein neues Instrumentarium schaffen.

Also, hier agiert wirklich deutlich mehr als nur die Person Ramelow.

Davon gehen wir aus.

Wir konnten auf eine breite Unterstützung aus der Partei bauen. An manchen Stellen hätten wir das Wissen gar nicht haben können.

Und die Berliner werden sicherlich auch berichtet haben, wie es bei ihnen 2002 gleich mit Demonstrationen gegen den rot-roten Senat begann ...

Na klar. Wir hatten Demonstrationen sogar schon vor der Ministerpräsidentenwahl. Geschichtsvergessen wie manche Unionisten sind, sind sie ja am Abend des 9. November mit der Fackel auf den Domplatz in Erfurt gekommen. Morgens haben sie leider auf dem jüdischen Friedhof gefehlt.

Ich bin ja immer fürs Demonstrieren, weil das ein Menschen- und Bürgerrecht ist. Aber ich stelle mir mal vor, die PDS bzw. DIE LINKE hätte in den letzten 20 Jahren bereits vor einer Ministerpräsidentenwahl vor dem Parlament demonstriert und es wäre der Eindruck entstanden, Parlamentarier sollten eingeschüchtert werden – was wäre da losgewesen!

2014 geht alles einfach so, bis hin zu Verfassungsinterpretationen des Landtagspräsidenten von der CDU, den wir aus demokratischer Kultur mit gewählt haben. Und jetzt spielte er CDU, wollte den Landtag umgestalten, als sei das Parlament ein CDU-Ministerium. Das war ich selbst von seinen Vorgängern – CDU! – nicht gewohnt.

Was hier passiert, das riecht ganz stark. Aber das gehört wohl dazu. Denn ich finde, die CDU hat nach 24 Jahren das Recht, sich in der Opposition zu regenerieren, und sie haben das Recht zu lernen, wie das mit dem Demonstrieren geht.

Du hast schon darauf hingewiesen: Du bist der Ministerpräsident der Thüringer mit dem Parteibuch der LINKEN. Unbestritten bleibt, dass ihr als LINKE natürlich eine ziemliche Verantwortung auch über Thüringen hinaus tragt – für das, was ihr tut, für die Diskussionen, die ihr möglicherweise anstoßt, durch die Erfolge, die ihr hoffentlich erzielen werdet, vielleicht auch durch die eine oder andere Niederlage, die ihr erfahrt. Wieviel Kritik und Solidarität wünschst du dir von der Bundespartei?

Wir werden insgesamt von einer unglaublichen Solidarität getragen. Wenn sie hielte, wäre das wunderbar.

Ja, es gibt zwei, drei Mäkler, und es gibt welche, die sich fachlich da und da mehr gewünscht hätten. Und natürlich gibt’s immer auch Menschen, die denken, dass Wunder was passiert, wenn wir eine Koalition bilden. Aber eine Koalition gestaltet nun mal nur Landespolitik, ganz praktische Dinge. »Re-gen-was-ser-ein-trag-ge-bühr« mag manch einer, der von der Revolution träumt, nicht einordnen können. Aber die Frage, ob wir’s beherrschen, ist entscheidend. Und wie die Kitagebühren steigen oder nicht steigen. Und ob wir es schaffen, ein gesundes Essen in der Schule zu haben statt chinesische Erdbeeren, die dreimal um die Welt geschippert worden sind. Das sind die Fragen, an denen man arbeiten muss. Ohne dass wir jetzt schon sagen können, wir werden das alles erreichen. Aber mehr als ein gutes Schulessen oder mehr als längeres gemeinsames Lernen oder mehr als Landambulatorien kann man da bitte nicht von uns erwarten. Wir sind nicht das Eröffnungstableau einer Gesellschaftsreformdebatte. Wir sind höchstens ein Einstiegsportal oder -projekt für mehr Genossenschaften, für mehr gemeinwohlorientierte Wirtschaft oder für Gemeinwohlökonomie, was OWUS thematisiert. Da sind wir Partner, solche Dinge auszuprobieren, solche Dinge zu ermöglichen. Mehr sollte man von uns nicht erwarten.

Die Bahnsteigkarten für die Revolution wird es hier nicht geben, und die Zeit der Lampenputzer und Revoluzzer ist hier auch nicht angeschlagen. Also, wir wollen uns um Straßenausbaubeiträge kümmern.

Mit den Bahnsteigkarten ist das ja so eine Sache. Du kommst ja mit der Bahn nicht einmal ohne umzusteigen nach Berlin.

Noch! 2017 wird das Drehkreuz Erfurt eins der zentralsten Schnellbahndrehkreuze Deutschlands und Europas sein. Dann werden im Jahr bis zu 20 Millionen Passagiere durch den Erfurter Hauptbahnhof kommen. Die Frage ist, ob wir es schaffen, landespolitisch Gründe zu organisieren, damit ein Teil von ihnen aussteigt, zum Kongress hierbleibt oder zum Urlaub hierbleibt oder zum Weihnachtsmarkt. Das sind für uns die Premiumthemen. Die können wir steuern, und die wollen wir mit Thüringen verbinden.

Dass zurzeit über das Bundesland Thüringen so intensiv geredet und in den Medien berichtet wird, dass wir einen Werbeboom zumindest in Europa ausgelöst haben, zeigt: Thüringen ist im Moment in aller Munde. Rainald Grebe muss sein Lied umschreiben. Das hat was mit der LINKEN zu tun.

Woher kam der Journalist mit der weitesten Anreise?

Also, der überraschendste Besucher war ein italienischsprechender, mit etwas Englischkenntnissen ausgestatteter »RAI«-Fernsehmoderator. Den konnte gleich meine Frau übersetzen – das wurde familiär erledigt. Der weitgereistetste Journalist müsste einer von der »Los Angeles Times« gewesen sein, ein anderer kam von Bloomberg New York. Der Schweizerische Rundfunk war sogar mehrfach da …

Wir spüren ein unglaubliches Interesse. DIE LINKE hat auch über das hinaus, was hier gerade in Thüringen passiert, deutschlandweit eine neue Performance gekriegt.

Nicht wenige rieben sich im Landtagswahlkampf 2014 die Augen: Ramelow hier Ramelow dort, Ramelow überall – nicht nur in Medien und Veranstaltungen, sondern auch auf Plakaten landesweit.

Die Zuspitzung auf mich im Wahlkampf, auf einen personalisierten Wahlkampf ausschließlich auf die Person Ramelow, war eine mutige Entscheidung. Das war aber keine Entscheidung von mir, sondern eine Entscheidung des Landes-Wahlbüros unter Federführung von Steffen Dittes. Und Steffen hat das in der gesamten Landespartei Schritt für Schritt verankert. In die Arbeit unseres neuen Führungsteams Hennig-Wellsow/Dittes und unserer Agentur DIG/Trialon habe ich mich nicht eingemischt. (Ich weiß ja, was sich gehört, ich war ja mal Bundeswahlkampfleiter ...)

Du hast ja mehrfach die Leistungen von Funktionären erwähnt. Nun besteht die Partei ja noch aus vielen anderen Mitgliedern: Was habt ihr getan, damit sie, so sie es denn wollen, so schnell wie möglich informiert wurden und euer Handeln nachvollziehen konnten?

Der Koalitionsvertrag wurde in der Urabstimmung mit 94 Prozent von der abstimmenden Basis bestätigt. Wir hatten es geschafft, auf die Uhrzeit genau ein Dokument mit einer hohen Transparenz entstehen zu lassen. Diejenigen, die den Koalitionsvertrag geschrieben haben, taten das immer mit einem hohen Maß an Transparenz und mit ununterbrochener Rückkopplung in den Geschäftsführenden Vorstand, in den Landesvorstand, in die Landtagsfraktion und mit der Präsentation einzelner Themen, einschließlich unsere Werbeagentur (DiG/Trialon), die uns die Signets gebaut hat, mit denen wir noch während der Sondierung bei Twitter und Facebook Inhalte präsentiert und Neugier geweckt haben. Wir haben einfach die lange Zeit der Verhandlungen genutzt und damit ein Motivationsprogramm für die gesamte Partei organisiert. Und ja, wir haben einige Austritten von Leuten, die enttäuscht sind, wegen Unrechtsstaat oder solcher Dinge. Und wir haben eine Welle von Eintritten. Wir merken gerade, wie sich unsere Partei mit Kraft neu aufstellt.

Bei all dem Ballast, wie groß ist deine Lust auf die neue Verantwortung?

Ich freue mich richtig drauf, weil ich jetzt, nach einer langen, langen Zeit, wo ich immer der Einzeltänzer vorne war, in einem Team von Leuten agieren kann. Und diese für mich völlig neue Form von Reflexion wird jetzt gut sein, wenn ich auf einmal als Ministerpräsident wiederum im Rampenlicht stehe. Das auszuhalten geht nur mit Leuten drum rum, die sehr stabil sind. Denn man darf auch nicht verschweigen: Wir werden bedroht, es gibt Mordanschläge – Radmuttern, die abgebaut werden, Autos, die zerkratzt werden, Drohanrufe, die Familien schlimm belasten.

Der »mdr« brachte einen Bericht dazu.

Ja, der zeigte nur einen Bruchteil. Das Ausmaß ist viel größer. Carius (der Landtagspräsident) schweigt, Lieberknecht (die bisherige Ministerpräsidentin) sagt kein Wort dazu, und Bernhard Vogel als Ehrenvorsitzender der CDU war der einzige, der den Charakter hatte zu sagen, das geht nicht.

Steffen Harzer sitzt in seinem Auto, mit dem er sonst mit seinen Kindern fährt, und stellt plötzlich fest, die Radmuttern sind weg – und das den Berg runter, wo er auf einen Holzlaster zufährt. Katja Wolf hatte ihre Kinder im Auto, als sie merkte, dass die Radmuttern fehlen. Und ausgerechnet Katharina König, die aus einem Elternhaus kommt, bei dem die Stasi wirklich schlimm gewütet hat, bekommt ihre Wahlkreisbüroscheiben mit Biermann-Sprüchen von Drachenbrut und so einem Zeug zugeschmiert. Und dann bekam sie noch bei Twitter den Hinweis, es könnte ja auch sein, dass sie nicht pünktlich zur Wahl kommen könnte. Das ist für mich eine offene Drohung gegen vom Volk gewählte Abgeordnete. Und da würde ich erwarten, dass auch diejenigen, die immer das Hohelied auf die parlamentarische Demokratie singen, den Repräsentanten dieser parlamentarischen Demokratie den Schutz anbieten, und sei es nur die solidarische Art des Schutzes. Aber selbst dazu fehlt offenbar hier im Land einigen der Anstand, weil sie so in Panik sind, dass sie nach 24 Jahren feststellen, in der Verfassung steht nicht, dass es nur eine regierungstragende Partei mit einem C vorne gibt.

Zwei Fragen sozusagen als Begleitmusik zu den turbulenten Wochen und Monaten. Die erste: Hast du momentan eine Lieblingsmusik – außer vielleicht dem Thüringen-Lied von Rainald Grebe?

Es gibt für mich zwei Komponenten an Entspannung. Das eine ist klassische Musik, und es gibt eine Jazzmusik, die ich im Moment gern auf mich wirken lasse. Das ist Abdullah Ibrahim (Adolph Johannes Brand), ein Jazzmusiker. Ich glaube, es gibt keine Musikaufnahme von ihm, die ich nicht habe. Da kann ich auch den Kopf mal eine Stunde richtig frei kriegen für den Klangteppich, der mich mitnimmt, um mal ein bisschen abzuschalten. Sonst tickert immer die Maschine: Hast du hier was vergessen, hast du da was vergessen, da muss jetzt noch mal nachgearbeitet werden.

Das ist ja letztlich auch eine körperliche Beanspruchung. Treibst du als Ausgleich irgendwie Sport?

Die einzige »Sportart«, die ich treibe, ist tatsächlich mit dem Hund raus gehen im Wald. Das ist für mich einfach Bewegung. Ich kann nur sagen, der einzige Schnüffler, den ich an mich heranlasse, ist unser Jack-Russel-Terrier Attila. Der ist mittlerweile »First Dog« in Thüringen. Jeder kennt ihn. In der Staatskanzlei haben sie sich ja schon darauf vorbereitet, dass wenigstens davor ein bisschen Rasen zum Gassi gehen da ist.

Was hat es mit dem blauen Schaf, das vor deinem Büro stand und den Foto-Weg ins Internet gefunden hat, auf sich?

Das blaue Schaf aus der Blauschäferei ist ein Zeichen, ein Kunstwerk gegen Rassismus. Die Blauschäferei hatten wir vor Jahren bei einem Betriebsausflug aus unserem Wahlkreisbüro und unserem Berliner Büro schon mal besucht, und da gibt es ein Foto von mir, wo ich auf einem dieser Schafe sitze. Geschenkt hat mir das die Geschäftsführerin der NRW-Landtagsfraktion, Judith Demba. Die kam dann auf einmal damit an. Dieses Kunstprojekt läuft schon seit einigen Jahren: Wir sind alles blaue Schafe, weil keiner von uns ein schwarzes Schaf oder ein weißes ist – als Zeichen gegen Rassismus. Und vor ein paar Tagen, oh Schock, war das blaue Schaf weg – ein Drama. Und dann ging das hier los: Wo ist das blaue Schaf? Mit E-Mail, mit Facebook-Aufruf, bei Twitter, wir sind runter zum Pförtner. Irgendjemand hatte dann behauptet, das sei schon runtergezogen in die Staatskanzlei, wie’s da so ist. Irgendwann kam dann ein Hinweis, gerüchteweise hätte es eine trinkende Zusammenrottung am anderen Ende des Flurs gegeben – es wäre, so hieß es bei der Rückgabe durch die Jusos, nur Glühwein trinken gewesen.

Wie geht es nun nach der Wahl weiter?

In der Staatskanzlei werde ich auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zugehen und ihnen eine vertrauensvolle Zusammenarbeit anbieten. Und bereits am 12. Dezember steht meine Regierungserklärung an – auf die haben wir uns nicht erst seit meiner Wahl zum Ministerpräsidenten intensiv vorbereitet.