Disput

»Mit 5 PS«

Vor 125 Jahren, am 9. Januar 1890, wurde Kurt Tucholsky in Berlin geboren

Von Ronald Friedmann

Kurt Tucholsky war Journalist und Herausgeber, Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker sowie Literatur-, Film- und Musikkritiker. Kein Wunder, dass er für seine zahlreichen Veröffentlichungen neben seinem Namen vier Pseudonyme brauchte, die in der Folge beinahe ebenso berühmt wurden wie der Name Kurt Tucholsky selbst: Ignaz Wrobel, Theobald Tiger, Peter Panter und Kaspar Hauser. »Mit 5 PS« nannte er eines seiner Bücher, eine selbstironische Referenz an seine fünf Namen.

Insgesamt verfasste Tucholsky zehn Bücher und mehr als 3.000 Artikel, die in ihrer Mehrzahl in der legendären »Weltbühne« erschienen, deren einzigartiges Profil er in den zwanziger Jahren weitgehend mitbestimmte.

Dabei hatte Tucholsky zunächst einen völlig anderen Weg eingeschlagen: Im Oktober 1909 begann er an der Berliner Universität ein Jurastudium, das er ab dem zweiten Semester in Genf fortsetzte. Aber schon während des Studiums wurde die journalistische Arbeit zu seinem Lebensinhalt. 1913 erschien sein erster Artikel in der »Schaubühne«, aus der später die »Weltbühne« wurde. Also verzichtete Tucholsky auf die erste juristische Staatsprüfung und damit auf eine Laufbahn als Anwalt. Um dennoch einen Studienabschluss zu haben, promovierte er mit einer Arbeit zum Hypothekenrecht, die er allerdings mehrmals überarbeiten musste, bevor er 1915 seinen Doktortitel bekam.

Den Ersten Weltkrieg erlebte Tucholsky als Soldat, doch blieb ihm die Erfahrung der Schützengräben erspart: »Ich habe mich dreieinhalb Jahre im Kriege gedrückt, wo ich nur konnte. […] Ich wandte viele Mittel an, um nicht erschossen zu werden und um nicht zu schießen«, ließ er später sein »Alter Ego« Ignaz Wrobel berichten. Trotzdem - oder gerade deshalb - kehrte er im Herbst 1918 als überzeugter Antimilitarist und Pazifist aus dem Krieg zurück. Er schloss sich zunächst der USPD an, in späteren Jahren näherte er sich den Positionen der KPD, ohne jedoch ihr Mitglied zu werden: Tucholsky blieb in kritischer Distanz, was durchaus seinem Selbstbild als linker Demokrat und Sozialist entsprach.

Als politisch engagierter Journalist bekämpfte Tucholsky leidenschaftlich und konsequent all jene reaktionären Kräfte, die auch nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Novemberrevolution Politik, Militär und Justiz in Deutschland beherrschten und die er deshalb zu Recht als eine tödliche Bedrohung für die junge Weimarer Republik sah. Früh erkannte er die Gefahren, die von der schnell erstarkenden faschistischen Bewegung ausgingen.

Im Frühjahr 1924 übersiedelte Tucholsky nach Paris. Auch aus der französischen Hauptstadt verfolgte er die Ereignisse und Entwicklungen in Deutschland mit großer Aufmerksamkeit. Und nicht nur das: Mit seinen vielfältigen journalistischen Mitteln griff er immer wieder in die aktuellen politischen Debatten ein. Nach dem Tod von Siegfried Jacobsohn, dem Begründer der »Weltbühne«, übernahm Tucholsky kurzzeitig die Leitung der Zeitschrift. Doch da er nicht die Absicht hatte, sich wieder dauerhaft in Berlin niederzulassen, und ihm die Arbeit als »Oberschriftleitungsherausgeber«, wie er es selbst formulierte, nicht behagte, übergab er die »Weltbühne« sehr bald in die Hände von Carl von Ossietzky.

Anfang der dreißiger Jahre, Tucholsky hatte inzwischen seinen Wohnsitz nach Schweden verlegt, begann das, was Tucholsky-Forscher sein »publizistisches Verstummen« nennen. Voll wachsender Verzweiflung musste Tucholsky konstatieren, dass seine zahllosen Warnungen ungehört blieben und dass Deutschland mit großen Schritten in die faschistische Katastrophe marschierte. Seine journalistische Arbeit empfand er zunehmend als sinn- und zwecklos. Andauernde gesundheitliche Probleme belasteten ihn zusätzlich.

Am 8. November 1932 erschien sein letzter größerer Beitrag in der »Weltbühne«. Im Sommer 1933, wenige Wochen nach dem Beginn der faschistischen Diktatur in Deutschland, schrieb er an seine Frau: »Ich habe über das, was da geschehen ist, nicht eine Zeile veröffentlicht - auf alle Bitten hin nicht. Es geht mich nichts mehr an. Es ist nicht Feigheit. […] Es geht mich nichts mehr an. Ich bin damit fertig.«

Kurt Tucholsky starb am 21. Dezember 1935 in Göteborg an einer Überdosis Schlaftabletten. Lange Zeit wurde angenommen, dass er seinem Leben - wenige Tage vor seinem 46. Geburtstag - selbst ein Ende setzte. Doch inzwischen gilt es als möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass es sich - trotz der schweren Depressionen, unter denen Tucholsky litt - um einen tragischen Unfall handelte.

Seine letzte Ruhestätte fand Kurt Tucholsky auf dem Friedhof des mittelschwedischen Städtchens Mariefred, dessen burgähnliches Schloss seiner wohl berühmtesten Liebesgeschichte den Namen gab: Gripsholm. Die massive Granitplatte, die das Grab bedeckt, trägt eine deutschsprachige Inschrift, die Goethes »Faust« entnommen ist: »Alles Vergängliche Ist Nur Ein Gleichnis«.