Disput

Weniger Eitelkeit, mehr Marx

Gespräch mit der Sogenannten Anarchistischen Musikwirtschaft, die sich 2012 neben der Bolschewistischen Kurkapelle rekrutiert hat

Kurkapellen sind Musikkapellen, die in Kurorten für Kurgäste spielen. Habt ihr schon mal in Kurorten für Kurgäste gespielt?

Aus der Kurgesellschaft des vergangenen Jahrhunderts wurden mittlerweile die Wellnessindustrie und die Rehabilitation der Sozialversicherungskassen, insofern hat sich das Thema Kuren völlig überholt.

Karl Marx schrieb: »Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre eigene Melodie vorsingt.« Die Kapelle existiert seit 1986. Die »Väter«: Hanns Eisler ein geachteter Komponist, und Blasmusik war auch in der DDR okay, und Erwin Piscator, der Mann des politischen Theaters und Avantgardist der Weimarer Republik. Unterstützung kam von der FDJ. Eine gute Ausgangslage oder?

Die Kurkapelle ist Geschichte, genauso wie die FDJ oder Erwin Piscator. Eisler ist Realität im Kunstbetrieb. Er war ein guter Schönberg-Schüler und Komponist. Er ist etwas Bleibendes, genau wie Brecht. Die Eisler‘schen Kompositionen und Arrangements sind zeitlos und ästhetisch interessant auf Dauer. Daran wollen wir uns orientieren.

Hervorgegangen aus »Karls Enkel«, einer bekannten Theatergruppe, die sich auf Karl Marx und Karl Valentin bezog, trötete sich die Bolschewistische Kurkapelle dann in die Auseinandersetzungen von Glasnost und Perestroika, spielte zum Tanz und machte einfach Blasnost. Zwischen Titeln wie »Keine Macht für Niemand« und »Schritt für Schritt ins Paradies« beteiligte sich der Klangkörper am Versuch, die DDR demokratisch zu retten. Beschreibe ich die Situation richtig?

Uns ist nicht bekannt, dass die Gründungsväter der Bolschewistischen Kurkapelle die DDR retten wollten. Die Reiser-Adaptionen waren auch nicht dafür gemacht. Irritation ist da eher das Stichwort. Damit kommen die Verhältnisse zum Tanzen. Die DDR war unrettbar.

Die Geschichte der Kapelle ist mit großen Namen verbunden, und bisher sind vier CD auf den Markt geworfen. Am wohlsten fühlt sich die Band offensichtlich bei Live-Auftritten. Da zählt dann neben den bearbeiteten Ohrwürmern aus Arbeiterliedern, Punk, Folklore und Rock die anarchistische Propaganda zur Verstärkung und Verunsicherung, damit es nicht zu gemütlich wird. Ist das euer Konzept?

Es kommt, wie es kommt. Gegen den Strich ist der kleinste gemeinsame Nenner, um nicht zu versinken. Jeder Titel hat seinen eigenen Zauber, und dazu gibt es keine festgelegten Genregrenzen. Wir spielen auch sehr ernste und traurige Lieder – nehmen wir zum Beispiel das Lied »Über den Selbstmord« von Brecht, ein Lied auf Verhältnisse und ein Lied mit Schönheit. Auf Schönheit kommt es letztlich in der Kunst an. Den Spießer zu irritieren, das ist nicht das erste Anliegen.

Die Kapelle hat fast 30 Jahre »überlebt«, junge Talente machen sich deutlich bemerkbar, haben ihre Soloauftritte und sind einfach gut, Sebastian oder Linda. Wie läuft die Generationendebatte in der Band ab? Verspüren die »Alten« den Druck? Gibt es Kaderprobleme?

Wir haben keine 30 Jahre überlebt. Wir haben uns vor über zwei Jahren gegründet als Sezession aus der Kurkapelle mit vielen neuen Leuten. Wir wollten etwas Neues sein. Ein Neuanfang, eine Chance zur Veränderung, wie eine neue Blüte. Es läuft sehr locker in dem Projekt. Der Spaß und die Lust an der gemeinsamen Musik sowie das Bekenntnis zur Jugend stehen allem voran. Diszipliniertes Probenleiten machen die Alten, das Kreative machen die Jungen, zum Beispiel Musik aufnehmen, Videos etc. Unsere Außenwelt verlangt Prozessdisziplin, wie Verträge machen, das erledigen auch die Jungen. Die Alten dürfen ihre Geschichten erzählen, die sind sehr spaßig.

Die Abspaltung aus der Bolschewistischen Kurkapelle (die weiterhin besteht) zur Sogenannten Anarchistischen Musikwirtschaft war 2012 eine problematische Phase. Ein neuer Namen musste her. Damit könnt ihr aber leben, wie es so schön heißt?

Wir haben mit der Bolschewistischen Kurkapelle vereinbart, die Dinge auf sich beruhen zu lassen. Nach der Teilung 2010 hatten wir vor, ebenfalls unter dem Namen Kurkapelle aufzutreten, doch der andere Teil hat uns immer wieder gebeten, darauf zu verzichten. Wir sind dem 2012 gefolgt, weil der Name Sogenannte Anarchistische Musikwirtschaft für uns eine wirkliche Chance bot, das Vergangene hinter uns zu lassen und eine spannende Entdeckungsreise beginnen zu können. Die bolschewistische Attitüde ist durch. Wir können nicht nur damit leben, der neue Name ist uns ein Herzenswunsch.

Die letzte CD erschien 2008 und trägt den Titel »Kämpfe«. Was soll jetzt folgen, in Zeiten von Stagnation, Zufriedenheit mit Frau Merkel und Kriegen? Wie lautet eure Antwort als politisches Kampforchester gegen Langeweile und Verblödung?

Die Antwort auf Merkel erwarten wir von der Politik und der Bevölkerung. Nach 25 Jahren »gesellschaftlicher Konjunktur« geraten die Bundesrepublik und die Europäische Union vor allem in eine geistige und kulturelle Krise. War die vorherige Finanzkrise noch staatliches Instrument zum Zwecke der Kapitaloptimierung, so werden die »Herrschenden« jetzt überrascht von einem geistigen Unwohlsein und einem Babylon. Das macht Spaß, weil jetzt wie bei Marx die Verhältnisse anfangen zu tanzen. Da taugen viele Lieder von Rio oder Brecht (wieder) was, und da sind wir zur Stelle.

Subversive Kunst, damit verdient man kaum Geld. Geld kann kein Motiv sein für euch weiterzumachen. Was treibt euch an, Narzissmus, Klassenkampf oder nur Glück?

Wir sind keine Band aus DSDS, und Geld brauchen wir nicht für unser Kollektiv. Jeder von uns hat irgendeinen Brotjob oder eine berufliche Selbstverwirklichung bzw. die Eltern. Wir sind als Band frei von ökonomischen Zwängen. Uns treibt die Kunst und die Liebe sowie der Respekt vor den verschiedenen Talenten.

Was wünscht ihr denn der LINKEN?

Den deutschen Linken wünschen wir ein wenig mehr Konzentration auf die Kernthemen der Kapitalismuskritik und eine anständige Auseinandersetzung in Bündnisfragen. Weniger Eitelkeit und mehr Marx.

Gespräch: Gert Gampe

Die Musikwirtschaft wird von 16 Musikern, im Alter zwischen 20 und 50, Laien und Semiprofessionellen, betrieben. Sie blasen in Holz- und Blechinstrumente, schlagen Gitarren, Bass und Schlagzeug. Sie sehen sich als »Reisegesellschaft«, die komponiert, arrangiert, produziert und auf jeden Einzelnen baut. Sie verstehen sich als ein »anarchopazifistische, permanente, lustorientierte und direkte Aktion.«