Disput

Bodo der Erste

Am 5. Dezember wurde in Thüringen der erste Ministerpräsident von der LINKEN gewählt. Stimmen zu dieser Wahl

Bodo der Erste. Bodo Ramelow – der erste linke Ministerpräsident Deutschlands. Diese Wahl ist kein Tag der Schande für das wiedervereinigte Deutschland, wie es CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer formuliert. Diese Wahl bietet vielmehr die Chance, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer endlich für ein Stück Normalität zu sorgen im Umgang mit den SED-Nachfolgern. (…) Das rote Schreckgespenst schreckt nicht mehr.
Frank Capellan, Deutschlandfunk, 5. Dezember

Die Strategie, dass sich die Linke oder früher die PDS als kleiner Koalitionspartner in Landesregierungen im Osten schon entzaubern werde, ist nicht aufgegangen. (…) Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis die einstigen Schmuddelkinder aus dem Osten auch auf Bundesebene koalitionsfähig werden. (…) Kein Wunder, dass man in der CDU langsam nervös wird …
Peter Mücke, NDR, ARD-Hauptstadtstudio, 5. Dezember

Bodo Ramelow hat in Thüringen gesiegt. Im Erfolg zeigt er Bescheidenheit. Er bietet seinen politischen Gegnern einen fairen Umgang an, er entschuldigt sich bei den Opfern des DDR-Regimes. Das ist eine wichtige Geste.
Roland Nelles, Spiegel online, 5. Dezember

Aber mit Bodo Ramelow als Ministerpräsident kann eine neue Etappe linker Politik beginnen. Diese wird nicht nur den in Thüringen direkt Beteiligten viel abverlangen. Auch und gerade die Linkspartei, in der das Mitregieren umstritten ist, kann einen neuen »Geist von Erfurt« gebrauchen – eine Haltung, die Widersprüche nicht deckelt, die Lust auf neue Fragen hat, die in der Meinungsverschiedenheit einen Antreiber für bessere Gedanken sieht, die die eigenen Begrenzungen offensiv politisiert und die offen ist gegenüber einer Gesellschaft, in der linke Veränderung derzeit nicht ganz oben auf der Liste der Wünsche vieler Bürger steht.
Tom Strohschneider, neues deutschland, 6. Dezember

Immerhin könnte Ramelows Projekt der Radikalisierung derer vorbeugen, die sich aus Regierungsverantwortung herausgehalten und diskriminiert fühlen. Und er könnte einen Beitrag zur Versachlichung der Debatte um seine Partei leisten.
Jacqueline Boysen, Deutschlandradio Kultur, 4. Dezember

Es ist Zeit, sich zu versöhnen, statt die postkommunistische Keule zu schwingen oder das Schicksal der SED-Opfer als bequeme politische Allzweckwaffe zu instrumentalisieren. Es ist Zeit, stolz auf die errungene Parteiendemokratie zu sein und auf ihre Stärke. Sie ist solide genug, einen Linken an der Regierungsspitze auszuhalten.
Tilmann Stefen, Zeit online, 4. Dezember

Einen Kulturkampf auf dem Rücken von Ramelow auszutragen, ist jedenfalls unanständig. Das sei all denen gesagt, die nun befürchten, dass mit Ramelows Wahl der Untergang des Abendlandes bevorstünde. Und vor allem denen, die aus niederen Beweggründen nur so tun.
Axel Vornbäumen, Stern, 20. November