Disput

Ich muss mich beweisen

Die ersten Erfahrungen der jüngsten LINKE-Abgeordneten im sächsischen Landtag

Von Anja Klotzbücher

Ich lasse den Blick schweifen. Um mich herum: Bücher, Studien, Stapel von kleinen Anfragen und - wo versteckt sich denn schon wieder meine Kaffeetasse?

Ja, ich bin angekommen. Angekommen in einem Beruf, der mich die nächsten fünf Jahre herausfordern, prägen und wohl auch einige Male an den Rand der Erschöpfung treiben wird. Angekommen inmitten fremder und Neugier weckender Persönlichkeiten, angekommen inmitten von Erwartungen und neuen Herausforderungen, die nun alle auf mich einstürmen.

Ich bin Anja Klotzbücher, 19 Jahre alt und seit September 2014 das jüngste Mitglied des 6. sächsischen Landtages. Momentan kann ich noch nicht sagen, ob mein Alter eher ein Privileg oder ein Stigma darstellt. Meine Unbedarftheit ist kein Problem, ich genieße sehr viel Verständnis und Unterstützung. Ich habe Fragen über Fragen. Mir wird zugestanden, vieles noch nicht zu kennen und zu wissen. Ich werde nicht schief angesehen, wenn ich mich in den strukturellen Abläufen und Phrasen des Parlamentsalltages noch nicht immer zurechtfinde. Ich kann und werde Fehler machen, mich provokanter ausdrücken als manch andere/r oder auch mal mit einer Laufmasche in der Strumpfhose auf den Landtagsfluren anzutreffen sein.

Trotzdem ist es für mich auch eine Herausforderung, mich mit meinen 19 Jahren in den Kreisen der institutionellen Politik zu behaupten. Ich habe in den vergangenen Wochen eine Vielzahl von Interviews gegeben. Sei es für Zeitungen, Rundfunk oder auch für den »MDR-Sachsenspiegel«. An inhaltliche Fragen kann ich mich nicht erinnern. Ich glaube, mehr darum kämpfen zu müssen als andere, ernst genommen zu werden. Sei es wenn ich im kollektiven Händeschütteln übersehen werde oder meine Ansicht mit einem »Ach, als ich so jung war wie du, hatte ich auch noch Ideale« abgetan wird. Ich muss mich beweisen. Ich muss beweisen, dass ich trotz meines Alters den Erwartungen an Politiker/innen gerecht werden kann, und das sind nicht wenige.

»Anja, du bist doch jetzt in der Politik. Kannst du mir erklären, wie sich Menschen auf ihre preußische Staatsbürgerschaft berufen können und warum sie für sich nicht das Grundgesetz, sondern die preußische Verfassung von 1848 geltend machen wollen? Was für eine Position hat DIE LINKE dazu?«, sind Fragen, die ich zunächst nur mit einem Schulterzucken zu beantworten wusste. Es ist vermessen zu glauben, dass Politiker und Politikerinnen zu allen Themen einen Standpunkt beziehen könnten. Natürlich bemühe ich mich, meinen Horizont stetig zu erweitern, alle Anliegen weiterzutragen und mich nicht allein auf meine Themen und Ansichten zu versteifen. Aber für die sächsische Karpfenpopulation und die Gefahr, der die sächsische Bevölkerung durch Chemtrails ausgesetzt ist, sind andere zuständig. Und das ist auch gut so.

Ich bin für die Themen der Jugend- und Bildungspolitik angetreten und habe mich dazu bereit erklärt, in den kommenden fünf Jahren auch Fragen der Europapolitik zu bearbeiten. In diese Themenfelder stecke ich derzeit alle Energie. Diese Bereiche werde ich mit Herz und Kopf vertreten. Und ja, das kann ich auch mit meinen 19 Jahren.

Das Parlament begreift sich als ein repräsentatives Gremium. Demnach ist es nur richtig, dass auch junge Menschen mit zugegebenermaßen weniger Lebenserfahrung und einem noch nicht abgeschlossenen Studium dort stellvertretend ihre Interessen und Bedürfnisse einbringen können. Ich kenne den Alltag der Schülerinnen und Schüler in Sachsen, und ich bin es, die tatsächliche Mitbestimmungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen nicht aus den Augen verlieren wird.

Heute grüßen mich schon die ersten Menschen mit Namen und einem Lächeln, mit manchen bin ich beim »Du«. Ein Glück, irgendwie ist diese Förmlichkeit manchmal auch fehl am Platz.

Noch bin ich beschäftigt, mich in Beschlusslagen und aktuelle Arbeitsstände einzulesen, mir die Grundzüge des EU-Rechts anzueignen, mich auf allen Ebenen zu vernetzen und viel zu viel Kaffee zu trinken. Aber es geht los. Und, das kann ich versprechen, ich gebe mein Bestes.

Anja Klotzbücher, geboren in Augsburg, lebt in Dresden, wird am 23. Dezember zwanzig und ist seit 2014 Landtagsabgeordnete.