Disput

Nächstenliebe!

Kolumne

Von Matthias Höhn

Am Ende blieb ein Platz im Stall - neben Esel und Ochse, auf Stroh. Am Ende blieb ein Platz im Stall - weil niemand seine Türen öffnete für Leute aus der Ferne, noch dazu hochschwanger. Am Ende blieb ein Platz im Stall - immerhin.

Jetzt im Dezember, wenn die Menschen enger zusammenrücken in den Familien, wird die Geschichte von der Geburt Jesu, der Suche von Maria und Josef nach einer Bleibe wieder gern erzählt. Auch ganz ohne religiösen Hintergrund ist die Botschaft hinter der Geschichte so einfach zu verstehen: Menschen in Not ist Zuflucht zu gewähren. Nicht, weil da Gottes Sohn geboren wird, nein, weil wir unsere Menschlichkeit beweisen, indem wir anderen Menschen helfen.

Die Wirklichkeit hat damit rein gar nichts zu tun. Von rechten Hetzern angestachelt, protestieren Menschen vor Asylunterkünften, sammeln Unterschriften gegen geplante Flüchtlingsheime - in Berlin, Dresden oder Hannover. »Flüchtlinge ja. Aber nicht in meiner Nachbarschaft!« - das ist die bemühte Floskel, mit der sich falsche Wutbürger versuchen reinzuwaschen. Es ist aber auch der Tonfall, der den Boden bereitet für Schlimmeres: In diesem Jahr gab es mehr Anschläge auf Flüchtlingsheime als 2012 und 2013 zusammen.

Gut ist, dass sich Protest formiert gegen den Protest, DIE LINKE gemeinsam mit anderen da ist, erklärt, aufklärt - gegen den Hass redet, sich gegen Unkenntnis stellt.

Jenseits der Stammtische sieht es allerdings keinen Deut besser aus. Der mit Abstand zynischste Satz dieses Jahres kommt vom Vorsitzenden der CDU-Fraktion im Bundestag, Volker Kauder, zur Situation syrischer Flüchtlinge: »Ja, wir müssen weitere Flüchtlinge aufnehmen, wenn sie es bis zu uns schaffen.« Mit Hilfe des Grünen-Ministerpräsidenten Kretschmann aus Baden-Württemberg wurde in diesem Jahr das Asylrecht eingeschränkt - was kaum zu größeren Protesten beim Grünen-Parteitag Ende November führte. Länder, in denen Sinti und Roma massiv bedroht sind, gelten nun als »sichere Dritt-Staaten«, in die zügig »zurückgeführt« werden darf.

Kriege, Katastrophen und wirtschaftliche Not sorgen dafür, dass Menschen auf der Flucht sind - weltweit 50 Millionen, darunter viele, viele Frauen und Kinder. Es darf getrost davon ausgegangen werden, dass niemand freiwillig seine Heimat verlässt, Freunde und Familie zurücklässt, sein Leben riskiert. Und nur der allerkleinste Teil der Menschen, die auf der Flucht sind, kommt nach Deutschland, »schafft es bis zu uns« im Kauder‘schen Sinne.

Hier angekommen, empfängt sie ein Klima der Ablehnung, die ganze unsägliche Palette von bürokratischen Hürden bis hin zu rassistischen Parolen, Sortierung nach Nützlichkeit und in Sammelunterkünfte - von der geforderten Willkommenskultur ist kaum etwas zu sehen. Ich frage mich ernsthaft, wie man angesichts dessen, was die Menschen bis hierhin erlebt haben, ja oft erlitten haben …, wie man sich angesichts der Not und des Leids überhaupt zum Protest gegen sie erheben kann?

Die »Toten Hosen« sangen 1993 in ihrem Lied »Willkommen in Deutschland«: »Dies ist das Land, in dem man nicht versteht, dass FREMD kein Wort für FEINDLICH ist, in dem Besucher nur geduldet sind, wenn sie versprechen, dass sie bald wieder gehen.« Und weiter: »Es ist auch mein Zuhaus, selbst wenn's ein Zufall ist und irgendwann fällt es auch auf mich zurück, wenn ein Mensch aus einem anderen Land ohne Angst hier nicht mehr leben kann.« Ja, es ist auch mein Land, und deshalb muss etwas geschehen, im Kleinen und Großen. Im Großen müssen wir uns dafür einsetzen, dass es einen Wechsel gibt, hin zu einer menschlichen, menschenrechtlich orientierten Flüchtlingspolitik. Das beinhaltet für uns die Aufhebung der Residenzpflicht, ein Ende der Sammelunterkünfte, Zugang zu Arbeit und sozialen Sicherungssystemen, weg mit dem demütigenden Asylbewerberleistungsgesetz.

Im Kleinen reicht zunächst eigentlich eines: Nächstenliebe. Nächstenliebe - ganz besonders in diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern eine besinnliche Zeit und einen guten Wechsel nach 2015.