Disput

»Schmerzlich Willkommen!«?

Feuilleton

Von Jens Jansen

Unser reiches Vaterland hat Mühe, ein gutes »Mutterland« zu werden. Das meint nicht die fehlenden Kitas, die unfairen Frauenlöhne oder die Unzahl von Gewalttaten gegen Frauen. Es geht um Deutschlands Funktion und Verantwortung als Einwanderungsland. Also um jene Menschen, die vor Krieg und Terror, Verfolgung und Hunger geflüchtet sind. Sie klopfen in wachsender Zahl auch an unsere Türen. Eine Mutter wird fremde Kinder in Not nicht abweisen. Aber die Männer, die rechts-außen an den Stammtischen sitzen, rufen: »Das Boot ist voll!« Und sie rufen es umso lauter, je voller sie sind.

Nun ist Deutschland tatsächlich ein dicht bevölkertes Land. Aber der Anteil der Flüchtlinge liegt derzeit bei 1,5 Prozent. »Ja, aber die Fremden fressen uns doch die Haare vom Kopf!« In Wahrheit wollen die allermeisten Migranten nicht Almosen kassieren, sondern dringend nötige Arbeiten verrichten. Ein Drittel sind Facharbeiter, zehn Prozent sind Akademiker. »Aber die Wohnungen reichen doch nicht mal für uns Deutsche!« Von den früheren »Gastarbeitern« und Migranten haben heute zwei Drittel einen deutschen Pass. Die sind also nicht »fremder« als etwa die Bayern und Schwaben - die ja auch mit dem Hochdeutsch hadern. »Aber man liest doch in der Zeitung, was die hier klauen!« Stimmt! Aber wahr ist, dass der Ausländeranteil an den Straftaten bei 20 Prozent liegt. Die Überlegenheit unserer Landsleute ist offensichtlich. Zu den Ursachen zählen also kaum die Herkunft, sondern meist das soziale Umfeld und die Bildung. Doch dann folgt als Trumpfkarte am Stammtisch: »Ja schön, aber wer betrügt, der fliegt!« Bravo! Dann schmeißt doch den Hoeneß raus. Oder die über hunderttausend Steuerbetrüger. Oder die Mafia der »Leiharbeiter«-Vermittler auf den Baustellen. Oder die Chefs aller Großprojekte, deren Kosten sich verdreifacht haben. Oder die Erfinder der »bereinigten Arbeitslosenstatistik«, die aus fünf Millionen jeden Monat drei Millionen machen. Oder den ADAC-Vorstand. Oder die Erfinder der »Riester-Rente«, die ein Plus erst zum 100. Geburtstag bringt …

Es könnte einsam werden in Deutschland! Auch, weil uns jährlich 60.000 Babys fehlen, um die Sterbequote auszugleichen. Und wer holt dann nachts das Gemüse vom Großmarkt? Wer macht die Frühschicht im Pflegeheim? Wer kennt einen Arzt, der die Akkupunktur beherrscht?

Einstmals sind fünf Millionen verarmte, perspektivlose Deutsche nach England, Australien und Amerika ausgewandert. Die haben uns nach den zwei Weltkriegen ihre Überlebenspakete geschickt. Es gab auch fünf Millionen Ostdeutsche, die vor und nach der Mauer in den Westen zogen. Über die und über die Einwanderer aus Frankreich und Holland verliert niemand ein Wort am Stammtisch. Begründung: »Die riechen anders.« Aber das stinkt nach Rassismus! Flüchtlinge riechen nach dem Fischkutter, mit dem sie beinahe gekentert sind, nach den Containern und Asylen, in denen sie oft jahrelang kampieren, nach der Angst, mit der sie hier über die Straße gehen. Flüchtlinge sind auch Menschen mit unantastbarer Würde! Wären sie nicht nur geduldet, sondern akzeptiert, dann lebten sie in den Wohnhäusern, wo sie von den Nachbarn unsere Sprache, unsere Fragebogen und unsere Sitten und Gebräuche vermittelt bekämen.

In Berlin hat nun der Senat 150.000 Euro gestiftet, damit ein »Beirat für Freundlichkeit« eine Begrüßungskultur mit den Bevollmächtigten einübt. Welch ein Aufwand! Eigentlich geht es nur um die Gesinnung, mit der meine Oma alle Fremden begrüßt hat: »Herzlich Willkommen!«