Disput

Lust auf mehr Politik

Eine gute Empfehlung. Erfahrungen aus dem Mentoringprogramm

Die Teilnehmerinnen des Mentoringprogramms der Partei DIE LINKE trafen sich im November 2013, um abschließend über ihre Erfahrungen zu berichten. Im Beisein von Bundesgeschäftsführer Matthias Höhn zogen die Frauen ein Resümee über die vergangenen Monate als Mentees. Das Programm, so ihr Kurzfazit, habe ihnen nicht nur feministische Inhalte und politisches Handwerkszeug vermittelt, sondern sie insbesondere persönlich gestärkt und damit die Lust auf mehr Politik geweckt. Hier einige Einschätzungen der Teilnehmerinnen.

Simone Dehn (Mecklenburg-Vorpommern): Das letzte Jahr war für mich ein besonderes Jahr, weil ich mit 13 anderen Frauen am Mentoringprogramm der LINKEN teilgenommen habe. Wir hatten einige Seminare zu den unterschiedlichsten Themen und sprachen zum Beispiel mit ExpertInnen zum Thema Eurokrise. Begleitend zum Programm, waren wir beim Bundesparteitag in Dresden dabei und besuchten den Bundestag. In dem Jahr lernten wir uns untereinander immer besser kennen, und auch die MentorInnen teilten mit uns ihre Erfahrungen in der politischen Arbeit. Durch das Programm wurden wir für unser politisches Handeln gestärkt. Ich empfehle es daher allen engagierten Frauen in unserer Partei.

Sofia Leonidakis (Bremen): Warum braucht DIE LINKE ein Frauenmentoringprogramm, hat sie doch mit 37 Prozent mit den höchsten Anteil weiblicher Mitglieder unter den Parteien? Von einer Gleichstellung sind wir trotzdem noch weit entfernt. Je höher das Amt, desto schwieriger scheint es für Frauen zu werden. In den acht Landesverbänden, die keine Doppelspitze haben, sind die Vorsitzenden mit einer Ausnahme Männer, ebenso in der Bundestagsfraktion. Auch an der Basis hapert es. Viele Teilnehmerinnen des Mentoringprogramms haben selbst Sexismuserfahrungen in der Partei gemacht. Durch den Austausch haben wir erkannt, dass das nicht individuelle, sondern strukturelle Ursachen hat. Diese Erkenntnis und der Zusammenhalt haben aufgebaut. Deswegen, aber auch wegen eines absolut ermutigenden Mentors habe ich mir gesagt: Einfach mal machen - und habe für die Wahlliste zum Europaparlament kandidiert.

Tatjana Stein (Hessen): In der Rückschau muss ich sagen, dass es ein tolles Jahr war. Wenn mich jetzt jemand nach dem Wichtigsten für mich fragt, kann ich das wirklich nicht beantworten. Vielleicht waren es die Bildungselemente und die Referentinnen. Oder die Erfahrung in der Zeit im Bundestag. Oder dass wir viel gesehen haben rund um die Fraktion und das Karl-Liebknecht-Haus. Der Kontakt zu meiner Mentorin hat mir neue Politikfelder eröffnet, sie hat mir vieles verständlicher gemacht. Ganz sicher ist aber, dass die anderen Frauen und der Erfahrungsaustausch mit ihnen das Entscheidende war. Was ich von und mit ihnen gelernt habe über das Politikgestalten als Frau in der LINKEN, wird mich noch lange stärken und begleiten.

Sahra Mirow (Baden-Württemberg): Bei unserem ersten Treffen in Berlin trugen wir zusammen, was genau wir erwarteten und was dieses Programm unseres Erachtens nach leisten sollte: Wie bereite und halte ich eine Rede, und wie präsentiere ich mich, um meine Inhalte interessant und überzeugend nach außen zu tragen? Aber auch die Kommunikation in die Partei war ein wichtiger Aspekt. Welche Möglichkeiten habe ich, und wie gehe ich mit Problemen um? In den Gruppengesprächen kristallisierte sich schnell heraus, dass wir in unserer bisherigen politischen Arbeit mitunter recht ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Am Ende des Programms konnten wir feststellen, dass sich unsere Erwartungen überwiegend erfüllt haben. Der gemeinsame Erfahrungsaustausch über dieses Jahr hinweg hat uns bestärkt und uns auch neue Perspektiven eröffnet, wie wir den Anforderungen und manchmal auch Problemen in- und außerhalb des Parteilebens entgegentreten können.

Judith Maringer (Brandenburg): Warum ein Mentoringprogramm nur für Frauen? Es gibt statistisch gesehen mehr Frauen als Männer auf dieser Welt. Interessanterweise sind jedoch immer genügend Männer in der Politik zu finden. Wer sich eine moderne und aufgeschlossene Partei wünscht, der braucht nicht nur die Frauen in feministischen Gremien, sondern benötigt unterschiedliche Charaktere von Frauen, die so gefördert werden, dass sie ihre »evolutionären Defizite«, wie die »übernatürliche Fürsorge«, hinter sich lassen, um im anstrengenden öffentlichen, politischen Leben gute Politik machen zu können. Genau dafür steht dieses Programm, welches durch gezielte thematisch hoch qualifizierte Seminare Frauen darauf vorbereiten soll, sich argumentativ und qualitativ den politischen Herausforderungen zu stellen. Die Seminare bieten die Möglichkeit, handfestes Wissen zu erlangen, welches dann wiederum in politischen Diskussionen angewandt werden kann. Dieses erworbene Wissen ist dabei behilflich, politische Zusammenhänge zu begreifen. Es gab innerhalb des Argumentationstrainings die Erkenntnis, dass nichts einfacher ist, als keine Ahnung zu haben und doch darüber zu reden. Diese Erkenntnis hatten wir auch im politischen Argumentationstraining. Wir stellten fest, dass die Mehrheit der Teilnehmerinnen der Meinung sind, nichts zu wissen, obwohl sie Wissen haben. Nur neigen vorzugsweise Frauen dazu, davon auszugehen, dass sie nie das wissen, was sie gerade wissen sollten, um mit diskutieren zu können. Dank einer tollen Teamerin wissen wir heute, dass Wissen nicht notwendig ist, um zu reden, dass wir aber erstens Wissen haben und es zweitens immer angenehmer zu diskutieren ist, wenn wir dieses Wissen auch bewusst einsetzen können, weil wir an uns glauben. Dieser letzte Satz mag vielleicht etwas seltsam klingen, aber er beschreibt genau das, was ungefähr in der Mitte dieses Jahres bei vielen Frauen eingesetzt hat: das Wissen, dass sie mit ihrem Wissen Politik gestalten können und wollen. Und genau das ist es, was DIE LINKE benötigt, wenn sie in Zukunft erfolgreich sein will.

Etwas Schönes, das dieses Programm mit sich bringt, ist die einsetzende unbewusste soziale Akzeptanz der Frauen untereinander, die dadurch entsteht, dass alle aus völlig unterschiedlichen Lebenszusammenhängen kommen. Darüber bauen sich gesellschaftliche Grenzen durch gemeinsames Verstehen ab. Am Ende ist es egal, wer studiert und wer eine Ausbildung hat, es ist egal, ob jemand vegan oder von Zigaretten lebt - es wurden politische, gesellschaftliche und persönliche Dinge deduziert und diskutiert bis in den Morgen hinein, um dann frisch und fröhlich (die meisten zu spät) beim Seminar mit einem Käffchen in der Hand zu sitzen.