Disput

Ohne Obdach

Nach so einer Straßenwanderung sehe ich die Stadt mit anderen Augen

Von Antje Kind

In unseren Augen ist es nur eine Bank. Sicher, eine ist bequemer als die andere, denken wir, doch mehr als ein paar Minuten verweilt der Durchschnittsmensch schließlich nicht darauf. Die Wahrheit ist: Der Hüftknochen muss passen und nicht das Hinterteil. Ob die Sechser, die Elfer oder Zwölfer passt, ist anatomisch begründet. Nur der Abstand zwischen zwei Latten einer einfachen Parkbank macht den Unterschied und kann einem Menschen ohne Obdach die wenigen Stunden Schlaf erleichtern. Ganz schlimm sind Bänke mit Armlehnen, die das Liegen unmöglich machen (sollen). Scheinbare Nebensächlichkeiten wie diese erleichtern (oder erschweren) das Überleben auf der Straße. Das steht in keinem Buch, so was lernt man - auf der Straße.

Noch nie zuvor bin ich auf die Idee gekommen, Latten zu zählen, geschweige denn, die Abstände zwischen ihnen zu vergleichen. Überhaupt schiebt unsere Gesellschaft das Thema Obdachlosigkeit ja gern komplett aus dem Blickfeld, obwohl wir beinahe täglich damit in Berührung kommen. In der Regel gehen wir vorbei. Auf dem Weg zur Arbeit oder am Bahnhof, wenn wir Terminen hinterherhetzen. Meist mit angehaltenem Atem und abgewandtem Blick, peinlich berührt, und nur selten entbehren wir eine Münze. Wenn überhaupt, kaufen wir aus Mitleid mal ein Obdachlosenmagazin. Das schlechte Gewissen ist wieder beruhigt.

Fast jeder meint zu wissen, wie Erfolg zu bemessen ist, und Menschen mit einem anderen Lebensentwurf werden als Versager abgestempelt und von der Gesellschaft ausgestoßen. Um Vorurteile abzubauen und Berührungspunkte zu schaffen, gibt es seit einigen Jahren - zuerst in London, Hamburg, Kopenhagen und nun auch in Berlin - Stadtführungen mit ehemaligen Obdachlosen. Es geht nicht um Rechtfertigung, sondern um Erklärung eines »Lebensmodells«.

Nach so einer Straßenwanderung sehe ich die Stadt mit anderen Augen. Ein Deckenlager am Spielplatz im Park fällt mir wieder auf. Wo ist die Gruppe Trinker, die sonst immer am Bahnhof saß und kurz vor Weihnachten verschwand? Und endlich landen die ungenutzten Schlafsäcke aus dem Keller nun wirklich bei der Kältehilfe.

Wer bei diesen Temperaturen draußen überleben will, braucht eine Überlebensstrategie, und in jedem Winter gibt es welche, die es nicht schaffen. Nicht jeder geht den Schritt in eine der Notunterkünfte. Die meisten Obdachlosen schlafen lieber draußen. Überraschend für uns: draußen sei es schöner; nur der Himmel über einem, ein Schlafsack und zwei warme Decken, mehr braucht es nicht, erzählt Uwe. Nun ja, auch der Schnaps - der vermittelt zumindest das Gefühl von Wärme.

Uwe lebte jahrelang auf der Straße und ist mittlerweile einer der Stadtführer beim Verein Querstadtein. Wir erfahren, welche Nischen in Berlins Mitte mögliche Schlafplätze waren und sind. Anfang der 90er war das einfacher, hören wir. Da standen viele Häuser leer - unter anderen Bettenhäuser der Charité, die zwar unbeheizt, aber mit Dusche und Matratzen geradezu luxuriös waren. In den steinernen Wannen vor dem Eingang des Alten Museums waren sie damals noch geduldet.

Niemand, der auf der Straße lebt, schläft viel - zu kalt sind die Nächte im Winter, und zu unsicher ist das Leben draußen. Der Zusammenhalt auf der Straße ist nicht mehr so wie früher, hören wir. Es gäbe kaum noch echte, überlebenswichtige Freundschaften - jeder kämpft für sich allein. Und ein Kampf ist es - ein Kampf ums Überleben, bei dem jedes Jahr manche auf der Strecke bleiben. Doch was bleibt einem, wenn man von der Gesellschaft aufgegeben wurde? Sicher, es gibt in nahezu jeder Stadt mehr oder weniger gute Programme zum Wiedereinstieg in ein »normales« Leben. Für diejenigen jedoch, die nicht weg wollen von der Straße, die gar nicht zurück möchten in ein geregeltes Leben, gibt es wenig Toleranz. Doch brauchen gerade diese Menschen sie. So etwas kann und muss unsere Gesellschaft aushalten.

Viel verlangen sie nicht, die Obdachlosen - eigentlich gar nichts. Eine Nische, einen trockenen Schlafplatz und vielleicht ein Einkaufsnetz, um im Sommer das Bier in der Spree zu kühlen. Allein in Berlin leben laut Kältehilfe schätzungsweise 800 bis 1.200 Obdachlose. Das ist sehr grob geschätzt, Statistiken gibt es keine. Wir sehen (meist) lieber weg.