Disput

Schmerzhafte Erinnerung

Gedenktafel am Karl-Liebknecht-Haus erinnert an antifaschistische Opfer des »Großen Terrors«

Von Florian Müller

An die antifaschistischen und kommunistischen Opfer des »Großen Terrors« in der Sowjetunion erinnert seit dem 17. Dezember 2013 eine Gedenktafel. Am Karl-Liebknecht-Haus in Berlin, bis 1933 Zentrale der Kommunistischen Partei Deutschlands, ist nunmehr zu lesen: »Ehrendes Gedenken an Tausende deutsche Kommunistinnen und Kommunisten, Antifaschistinnen und Antifaschisten, die in der Sowjetunion in den 1930er bis 1950er Jahren willkürlich verfolgt, entrechtet, in Straflager deportiert, auf Jahrzehnte verbannt und ermordet wurden.«

Enthüllt wurde die Tafel durch LINKE-Vorsitzende Katja Kipping und die Zeitzeugin Ursula Schwartz. Katja Kipping betonte: »Hier, an diesem Ort, können wir ein Zeichen setzen, dass es unsere Genossinnen und Genossen waren, die dem stalinistischen Terror zum Opfer gefallen sind.«

Die jetzt 93-Jährige Ursula Schwartz, die mit ihren Eltern und Brüdern beim Aufbau der Sowjetunion helfen wollte und in den Jahren des Terrors Schreckliches erleiden musste, berichtete von jenen schweren Jahren (sie selbst konnte erst im Frühjahr 1956 aus der Verbannung in Karaganda nach Berlin zurückkehren), aber auch vom Schweigen in der DDR über die Verbrechen Stalins. Wie eine Befreiung habe 1989 die Botschaft des Außerordentlichen Parteitages gewirkt, unwiderruflich mit dem Stalinismus als System zu brechen. Der »Arbeitskreis Sowjetexil«, unter dem Dach der Berliner VVN-BdA gegründet, sehe es als Verpflichtung an, dafür zu wirken, dass den Opfern ein würdiges Gedenken gewährt wird: »Die Einweihung dieser Gedenktafel erfüllt mich mit tiefer Genugtuung.«

Zuvor war die Ausstellung »Ich kam als Gast in euer Land gereist … (Deutsche Hitlergegner als Opfer des Stalinterrors. Familienschicksale 1933-1956)« eröffnet worden. Inge Münz-Koenen, Sprecherin des Arbeitskreises, äußerte sich dabei auch zur Geschichte dieser Wanderausstellung (siehe DISPUT 5/2013), die bis Ende Januar im Karl-Liebknecht-Haus zu sehen ist. Die Ausstellung gäbe einigen vergessenen Opfern unter den von Hitler und Stalin Verfolgten wieder Namen und Gesicht: »Was die Familientafeln in der Ausstellung nicht erzählen können, zeigen vier thematische Tafeln. Dort sind die Fakten nachzulesen und die Dokumente anzuschauen, die Auskunft geben über den staatlich verordneten Terror …«

In einer Veranstaltung betonte Theodor Bergmann: »Bestimmt werden sich unter uns heute in der LINKEN, meiner Partei, unter uns unorganisierten Kommunisten manche bewegt oder gar verärgert fragen, ob diese Tafel am Karl-Liebknecht-Haus angebracht werden sollte. Lasst mich vorweg sagen, dass ich als 97-jähriger kritischer Kommunist finde, diese Gedenktafel gehört gerade an diesen historischen Ort.« Die Tafel sei ein Zeichen dafür, dass wir der vermeidbaren Opfer unserer Kämpfe gedenken und dass wir gelernt haben. Der Kampf für eine bessere Welt werde von einer neuen Generation ohne unsere Irrwege und mit neuer Kraft fortgesetzt werden.

Anja Schindler, Ulla Plener und Wladislaw Hedeler berichteten in einer Podiumsdiskussion über den Stand ihrer historischen Forschungen. Ulla Plener setzte sich dabei mit dem Vorwurf des Antikommunismus gegenüber dem »Arbeitskreis Sowjetexil« auseinander: Antikommunisten seien jene gewesen, die den Massenterror in der Sowjetunion befohlen und verübt haben. Matthias Höhn bezeichnete die Gedenktafel, die auf einen Beschluss des Parteivorstandes zurückgeht, als längst überfällig: Ohne wache Erinnerung, so schmerzhaft sie auch sei, könne die Linke keine bessere Gegenwart oder Zukunft gestalten.