Disput

Was will ich mit Millionen?

Joachim Sroka, ein linker Unternehmer

Wenn dich jemand als Kapitalist bezeichnet …
Ich bin einer. (lacht)
Die Frage ist, was er damit bezweckt. Kapitalist im Sinne von machtgeil und nach Höchstprofit strebend? Wer mich kennt, weiß, dass ich so nicht bin. Wer mich damit provozieren will – mir kann keiner so dumm kommen, wie ich‘s brauche. Und ansonsten: Man muss, um in dieser Marktwirtschaft überleben zu können, ein wenig Kapitalist sein.
Der »Kapitalist«-Vorwurf gegenüber Unternehmern steht ja bei Linken permanent. Vor Jahren war es ein Reizwort, inzwischen hat sich das etwas beruhigt. Vielleicht auch, weil wir mit OWUS ein wenig entgegenwirken konnten – »aus wirtschaftlicher Vernunft und sozialer Verantwortung«.

»Sroka Stahl- und Anlagenbau«, so steht es an eurer großen Halle in Lehnin (Brandenburg). Wie viele seid ihr, was stellt ihr her?
Unser Stamm, das sind mit mir fünf Kollegen und eine freiberufliche Mitarbeiterin. Wir produzieren hauptsächlich für den gesamten deutschsprachigen Raum, haben aber auch schon nach Schweden und Island geliefert. Unsere Hauptprodukte sind Betriebsmittel, Schwerlastregale und Ladungsträger für den Lager- und Logistikbereich. Außerdem sind wir Fachbetrieb für Auffangwannen (nach dem Wasserhaushaltsgesetz). Das ist alles Einzel- oder Kleinstserienfertigung; wir besetzen Produktnischen.

Wie stellst du fest, wo es welche Nischen gibt?
Gute Frage. Es ist fast immer Zufall dabei. Ich kann gut zuhören, hab' vielleicht ‘ne Antenne für solche Sachen.

Antenne ist ein Stichwort: In deinem »ersten Berufsleben« warst du technischer Offizier bei der NVA, bei den Luftstreitkräften ...
Aber bereits 1988 fiel meine Planstelle weg, und ich begann mit vielen anderen eine längere Umschulung in Richtung Wirtschaft. Managementassistent nannte sich das.

Die Bundeswehr war kein Thema für dich?
Nein, absolut nicht. Beim erklärten Feind um Lohn und Brot betteln und dann noch möglicherweise degradiert zu werden – nicht mit mir!

Wie hast du in der Wirtschaft angefangen?
Als Betriebsleiter einer LKW-Instandhaltung. Danach habe ich für eine Klärwerks-Entwicklungsgesellschaft gearbeitet: Kleinklärwerke auf Containerbasis. Eine interessante Sache. Alles war wirtschaftlich durchgerechnet und hätte für die Nutzer in ostdeutschen Kommunen akzeptable Abwasserpreise zur Folge gehabt. Aber spätestens, wenn es an die Auftragserteilung ging, hielt mancher Bürgermeister die Hand auf: Was legst du ‘n rein? Wir hatten jedoch nichts, nichts außer unserem guten Willen und unserem Wissen zur Schaffung kostengünstiger Abwassersysteme. Das war einfach zu wenig, um Aufträge zu bekommen. Und dann fuhr eben der eine Bürgermeister ein neues Auto, und der andere hatte einen neuen Anbau an seinem Haus. Ein schmieriges Geschäft.

Schmierig oder schwierig?
Schwierig auch.
Ich musste mich neu orientieren. Ein großes Düsseldorfer Unternehmen zog ein Franchise-System für hochpreisige Häuser auf – für Kunden, die absolut individuell bauen wollten. Das interessierte mich, und die Schulung zum Verkäufer war ein großes Glück für mich. Großen Spaß machte auch das Entwerfen der Häuser gemeinsam mit den Kunden. Man hat gesehen, wie was entstand. Irgendwann stellte ich jedoch fest: Das Klientel der Kunden ist nicht so meins, die Arroganz mancher war nicht mein Ding. Ich war zwar erfolgreicher als andere, aber ich war nicht der gnadenlose Spitzenverkäufer, der womöglich noch seine Oma verkauft hätte … Also hab ich mich verabschiedet.

Und wo bist du angekommen?
Als Bauleiter im Hochbau geriet ich an eine Firma mit einem interessant-kriminellen Geschäftsmodell. Die haben Leute an Generalunternehmen vermietet: Maurer, Zimmerleute, Eisenleger … Das war letztlich Leiharbeit, auf Stundenbasis.

Wie lief das ab?
Die kamen mit 20 Leuten auf die Baustelle, dort wurde durchgezählt: 1, 2, 3 … 20. Eine halbe Stunde später waren zehn Mann von denen auf der nächsten Baustelle. Die wurden immer an mehrere Auftraggeber gleichzeitig verliehen. Und die Firma hat eine Menge Kohle verdient! Ich schlug mich allmählich auf die Seite der Bauleiter, die haben mir leidgetan – das war eine Schweinerei.
Später habe ich für mich meine erste Marktlücke entdeckt. Im Hochbau wurden zuverlässige und erfahrene Turmdrehkranführer gebraucht, die Kräne bis 120 m Höhe fahren konnten.
Zeitweise hatte ich um 30 Mitarbeiter und war juristisch gesehen im Graubereich tätig. Das Schließen der juristischen Lücke durch Amt und Gericht führte zu folgenschweren Umstrukturierungen im Unternehmen. Trotz tariflicher Löhne musste ich den Schwerpunkt des Unternehmens auf bau-gewerbliche Leistungen verlagern – also Maurer, Putzer, Zimmerleute und Flechter einstellen und für Generalunternehmen tätig werden.

War das der Tiefpunkt?
Der war 2003, 2004: Ich war Subunternehmer bei einem Generalunternehmer. Dieser ging (selbst Subunternehmer bei einer ganz großen Baugesellschaft) in Insolvenz und hat mich gleich mit plattgemacht mit allem, was nur ging.
Aber das wurde damals auch der Anfang vom Stahlbau. Ich habe Maschinen und Anlagen aus einer anderen Insolvenz gekauft, habe Schweißer übernommen und praktisch mit nichts weiter angefangen. Wir hatten keine Kunden, wir hatten kein Produkt, wir hatten kein Knowhow. Wir hatten gar nix – außer gute Leute und gute Technik.
Das war die Quelle dieses Stahlbaus. Wir haben durchgehalten und peu à peu unseren Kundenkreis erweitert, neue Marktstrategien aufgebaut und uns klein, aber fein etablieren können. Bis 2010 die schwere Maschinenbaukrise kam. Der Export ging in die Knie und Investitionen wurden auf Eis gelegt. Das haben wir stark zu spüren bekommen. Wir fielen von einem Tag auf den anderen in ein tiefes Loch. Das war noch einmal eine bittere Zeit, bis 2011. Wir haben die Strukturen verändert, mussten das Verhältnis zwischen produzierendem und nicht produzierendem Personal ändern. Und es war der Punkt, neue, andere Bereiche abzudecken. Zum Beispiel Klein-Windanlagen. Mit denen hatten wir es 2002 das erste Mal versucht. Nun begannen wir, das neu zu beleben, als zweites Standbein.

Wie steht ihr heute da?
2012 und auch 2013 schrieben wir wieder deutlich positive Zahlen, so dass wir ganz optimistisch in die Zukunft schauen können.

Was hast du gelernt in den vergangenen 20 Jahren als Unternehmer?
Dass du nur Erfolg haben kannst, wenn du bissig genug bist, auch Krisen durchzustehen, und wenn du Spaß an der Sache hast. Sonst wird das nichts. Aber das trifft genauso für Angestellte im Betrieb oder im öffentlichen Dienst zu. Wenn du richtig was bewegen willst, kriegst du das nur hin, wenn dir durch Spaß an der Aufgabe neue Ideen einfallen, wenn du besser bist als der Wettbewerb. Und du musst deinen Stil finden.

Wie sieht deiner aus?
Ich bin nicht der Typ, gnadenlos durchzuziehen. Ich setze mehr auf Innovation, Mitdenken, Mitbestimmen. Deswegen kann ich mich auch auf meine Mitarbeiter verlassen, selbst wenn ich nicht im Betrieb bin. Sie »hauen« auch in angespannten Zeiten in die Tasten und ziehen durch.

Du hast dich mit deiner Firma hinsichtlich des Gemeinwohls bilanzieren lassen. Worum geht es dabei?
Unternehmen bewegen sich in einem gesellschaftlichen Umfeld und tragen damit auch gesellschaftliche Verantwortung. Insbesondere in Familienbetrieben kann man diese Verantwortung spüren.
Auch wir stellen uns der Verantwortung. Wichtig sind uns nicht nur Umsatz und Gewinn, sondern auch die Auswirkungen unserer Arbeit auf Mitarbeiter, Kunden, Zulieferer, Umwelt. Der österreichische attac-Mitbegründer Christian Felber und andere Wissenschaftler haben dafür Kriterien definiert. So kann man den Gemeinwohlbeitrag eines Unternehmens erfassen.
Ich habe hier die Gemeinwohlgeschichte mit auf den Weg gebracht. Wir sind das erste gemeinwohlbilanzierte Unternehmen im Landkreis Potsdam-Mittelmark. Da finden Leute zueinander, die unabhängig davon, ob sie rechts, links oder liberal sind, die Auffassung haben, dass die Art und Weise des Wirtschaftens, wie sie jetzt gemacht wird, nicht ewig gehen kann. Das sehe ich auch so. Erfolg ja, Leistung ja – aber nicht um jeden Preis. Nicht um des Profits willen, sondern zum Wohl der Gemeinschaft. Dieser Idee können sich viele anschließen, deswegen ist das auch so interessant.
Die Idee der Gemeinwohlbilanz wird wohl noch Jahrzehnte brauchen, um sich vielleicht ansatzweise etablieren zu können. Sie ist ein alternatives Wirtschaftsmodell.

Worin liegen konkret eure Stärken?
In der Kollegialität, Fairness untereinander und im Verhalten im sozialen Bereich. Wir reagieren schnell auf Kundenwünsche und fertigen mit hoher Qualität und Termintreue. Wir arbeiten, wo es möglich ist, intensiv mit regionalen Firmen zusammen. Wir unterstützen das Umfeld: Vereine, die im Raum Lehnin und Brandenburg besonders für Kinder und Jugendliche aktiv sind.
Und die Spanne in unserem Lohngefüge ist in Ordnung.

Wie groß ist diese Spanne?
Zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Lohn ist bei uns das Verhältnis 1 zu 2 bis 3.
Mit Mindestlohn haben wir kein Problem. Wir zahlen zwar nicht den des Metallhandwerks, aber im Verhältnis zu den hier üblichen Löhnen liegen wir im Level: zwischen 8,75 und 10,50 Euro.

Und wenn der Mindestlohn flächendeckend kommt …
… werden wir unsere Löhne deutlich steigern müssen. Meine qualifizierten und erfahrenen Mitarbeiter müssen einfach mehr verdienen als eine Hilfskraft. Inwieweit man das nachher auf die Kunden umlegen bzw. durch höhere Effektivität ausgleichen kann, muss man sehen. Aber es wird nichts anderes übrig bleiben.

Wie sieht eure Bilanz insgesamt aus?
Wir erhielten (ohne das überzubewerten) 399 Punkte und liegen damit im mittleren Bereich.

Fällt es dir als Unternehmer schwer, Mitglied der LINKEN zu sein?
Ich hatte im Grundsatz nie ein Problem, Mitglied dieser Partei zu sein. Die Idee einer gerechteren und friedlichen Gesellschaft ist trotz aller Querelen noch da und nicht schlecht. Ich stehe nach wie vor dazu.
Nur mit manchen Gepflogenheiten und Interna der LINKEN habe ich so meine Probleme.

Womit?
Bei dem, was ich so mitkriege, frage ich mich manches Mal, was die Aufgabe dieser Partei ist. Mit Sicherheit nicht Selbstzerfleischung und mit Sicherheit auch nicht ein Kurs des Anbiederns an die SPD und der Aufgabe von Grundüberzeugungen, beispielsweise in der Friedensfrage.

Schaust du, nur mal als aktuelles Beispiel, in den Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD?
Dazu fehlt mir die Zeit. Aber was ich mitbekomme ist, dass die Handschrift der Großindustrie unverkennbar ist, so deutlich wie nie zuvor.

Die Leute in deinem Umfeld wissen, dass du bei der LINKEN bist?
Wenige. Dass ich linke Auffassungen vertrete, wissen viele.
Ich bin im Vorstand des Unternehmerverbandes OWUS aktiv. An der Parteibasis habe ich aus Zeitgründen seit zwei Jahren nichts mehr gemacht, außer dass ich meine Technik zur Verfügung stelle und wir ab und zu ein Sommerfest bei uns machen.

Stoßen sich Kunden an deiner politischen Position?
Die kriegen das nicht so mit – bei sehr konservativer Kundschaft wird's dann schwierig; man will ja Kunden nicht verprellen, davon hängt unser aller Wohl und Wehe ab.
Es gab mal eine Begebenheit: Ein bayerischer Interessent wollte telefonisch wissen, wo wir sitzen: Ich: »Nahe Berlin.« Er: »In Preußen, da wo die ›roten Socken‹ sind?!« – »Genau«, sag ich, »da, wo die ›roten Socken‹ sind.« Wir haben uns dann ein freundliches Wortgefecht geliefert – den Auftrag hab ich trotzdem gekriegt. Auch so was gibt's.

Redet ihr in eurer Halle über Politik?
Ja, selbstverständlich.

Du machst einen recht zufriedenen Eindruck, du klagst kaum.
Na ja, das Jammern gehört zwar zum Geschäft, aber bei allen Tiefs, die wir erlebt haben, konnten wir eine Entwicklung nehmen, die stabilisierend ist.
Und: Geld ist nicht alles. Ja, vor zehn Jahren sah ich manches noch ein bisschen anders. Da hätte ich schon gerne irgendwo eine Firma zwecks Expansion kaufen wollen. Das hat sich geändert. Ich bin ruhiger geworden, ich springe nicht mehr auf jeden Zug. Es macht Spaß, mit den Leuten zu arbeiten, und ich arbeite bestimmt viel.

Wieviel ist viel?
Manchmal 80 Stunden in der Woche, unter 60 eigentlich nie. Aber weil ich Spaß habe, ist das keine übermäßige Last, zumal der Ausgleich vorhanden ist.
Meine Frau und ich, wir ergänzen uns, das schafft eine menschliche Ruhe. Wir sind im Karnevalsverein und haben eine kleine Landwirtschaft mit Pferden – nicht weil jeder Unternehmer Pferde haben muss, sondern weil ich gut mit Tieren kann, egal was da rum rennt: Hühner, Katzen, Schafe, Hunde, Pferde. Wenn ich bei meinen Tieren bin, ist das eine wunderbare Erholung! Dafür brauche ich seit drei Jahren kein Fernsehen; Urlaub machten wir 2013 erstmals nach sechs Jahren.
Über Millionen habe ich nie nachgedacht. Sicherlich: Das eine oder andere mehr an Wohlstand hätte ich mir gewünscht. Aber wenn man in der Welt sieht, wie andere Leute leben, sag ich mir: Eigentlich geht's dir gut, du bist gesund, die Familie ist intakt, du sicherst dein Einkommen ausreichend. Was will ich mit Millionen?

Hast du Vorbilder?
Eigentlich nicht. Große Achtung habe ich vor meinem Vater, er war das Maß aller Dinge. Er hat uns vier Kinder, Jungs, allein großgezogen. Insofern mussten wir uns durchboxen. Doch Vorbilder? Kann ich nicht sagen. Ich habe meinen Platz gefunden. Ich bin so, wie ich bin.

Gespräch: Stefan Richter