Disput

Auftrittsapplaus

Wie Gojko Mitic in die falsche Richtung ritt – und trotzdem super ankam. Die Lesereihe »geDRUCKtes« bietet Nachdenkliches, Ermutigendes und auch Trauriges

Von Tanja Behrend

Mit dem Jahresende gab es ein Jubiläum in der vor drei Jahren ins Leben gerufenen Lesereihe »geDRUCKtes« von Gesine Lötzsch. Mit Elke Bitterhof, José Miguel Márquez, David Sandova und ihrem literarisch-musikalischen Programm »Buenos dias, du Schöne - Frauen in der südamerikanischen Literatur« hatte sie zum dreißigsten Mal Künstler eingeladen, die im Rosa-Luxemburg-Saal des Karl-Liebknecht-Hauses in Berlin auftraten. Wie immer war der Saal rappelvoll, die Stimmung grandios.

Es geht in der Reihe um die Werke der Gäste, um Bücher, Musik, Politik, Theater und Film. Um viel Neues, Interessantes, Wissenswertes, Nachdenkliches, Ermutigendes und auch Trauriges.

So sagte Christoph Butterwegge, der Armutsforscher aus Köln, bei der Vorstellung seines Buches »Armut in einem reichen Land - Wie das Problem verharmlost wird«: »Das ist ein Thema wie der eigene Tod, das kann einen selbst jederzeit treffen und das schiebt man gern von sich weg. Frei nach dem Motto: Was ich nicht sehe, das ist auch nicht da.«

Die beiden ARD-Fernsehjournalisten Dagmar Hühne und Holger Balodis sind mit ihrem Sachbuch »Die Vorsorgelüge« auf der »Spiegel«-Bestsellerliste gelandet. Auch sie waren zu Gast in der Reihe »geDRUCKtes«. Eine spannende Diskussion zwischen den beiden Autoren, Gesine und dem Publikum entwickelte sich zum Untertitel des Buches: »Wie Politik und private Rentenversicherung uns in die Altersarmut treiben«. Eine solidarische gesetzliche Rentenversicherung, da waren sich die Anwesenden schließlich einig, ist nicht altmodisch, sondern die Lösung der Zukunft.

Zum Besuch von Friedrich Schorlemmer hier ein Zitat aus der Zeitung »neues deutschland«: »Gesine Lötzsch hatte zu ihrer traditionellen Lese- und Gesprächsrunde ›GeDRUCKtes‹ eingeladen, Schorlemmer stellte seine autobiografischen Essays ›Klar sehen und doch hoffen‹ vor ... Gesine Lötzsch wird geduldig im Hintergrund sitzen, es herrscht eine so konzentrierte wie gelassene Atmosphäre, die freilich ›nur‹ immer eines offenbart: Gute Atmosphären - herrschen nicht. Die Politikerin der Linkspartei fragt angenehm posenfrei, sie weiß, Schorlemmer braucht im Grunde keine Fragen für seine Antworten, die aber selber auf dauerhafter Suche nach dem Weiterfragen sind.«

Und es wurde weiter gefragt. Wie der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Ingo Schulze. Er sprach mit der Gastgeberin unter anderem über seine - inzwischen berühmte - Dresdener Rede »Gegen marktkonforme Demokratie - für demokratiekonforme Märkte«. Besorgt schaut er auf die gesellschaftlichen Entwicklungen, auf die zunehmende Privatisierung aller Lebensbereiche, auf den rasanten Abbau von Demokratie, auf die immer größer werdende Spaltung der Gesellschaft.

Daniela Dahn stellte ihr neues Buch »Wir sind der Staat - Warum Volk sein nicht genügt« - wie gewohnt überaus gut recherchiert, faktenreich, aufklärerisch, schonungslos - vor. Das Buch ist ein bestürzendes Dokument der weltweiten, nur schwer zu ertragenden Ungerechtigkeit, die von Regierungen, die für Gesetze verantwortlich sind, die den Schutz von Privateigentum deutlich über das Wohl der Allgemeinheit stellen, unterstützt und befördert wird.

Keine der Veranstaltungen war unpolitisch, die meisten darüber hinaus sehr unterhaltsam. Zum Beispiel als die »taz«-Journalistin Anja Mayer aus ihrem Buch »Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter«, in dem sie ihre Prenzlauer-Berg-Erfahrungen verarbeitet hat, oder Regine Sylvester aus ihren Kolumnen aus der »Berliner Zeitung« lasen. Oder der Bundesschatzmeister der LINKEN, Raju Sharma, der mit dem Buch »Inri - Die Schatulle von Thorsberg« einen spannenden Historien-Thriller, in dessen Mittelpunkt natürlich Geld steht, vorgelegt hat.

Sehr lehrreich und lustig auch die vielen Schauspielerbiografien - ob Franziska Troegner über ihren Dreh mit Johnny Depp für den Film »Charlie und die Schokoladenfabrik« erzählte oder Ursula Karusseit über ihre »Wege übers Land« oder Ernst Georg Schwill über seine Rolle im »Tatort« aus Berlin.

Von den 30 Veranstaltungen ist keine einzige schiefgegangen oder geplatzt. Ein paar Mal waren wir ganz nah dran. So hatte Jakob Augstein zwei Tage vor seinem Auftritt wegen Heiserkeit absagen lassen. Für ihn sprang der Musiker Tino Eisbrenner, ehemaliger Sänger der Band »Jessica«, ein, der schon in ziemlich jungen Jahren eine Biografie veröffentlicht hat. Es gab niemanden, dem dieser »Ersatz«-Auftritt nicht gefallen hätte.

Und dann Gojko Mitic. Die Zeit war ran, wir erwarteten ihn sehnsüchtig, als ein Kollege des Wachdienstes sagte, Gojko sei »noch mal nach Hause geritten«, weil er sein Manuskript vergessen habe. Nachdem wir den Schock - Gojko wohnt etwa 20 Kilometer vom Karl-Liebknecht-Haus entfernt - einigermaßen überwunden hatten, hielt Gesine Lötzsch das Publikum sehr erfolgreich bei Laune. Alle erzählten Geschichten, die sie mit Gojko verbanden, es gab eine Gratis-Runde Wein für den Saal und dann - kam er endlich. Eine Stunde zu spät. Und mit einem Auftrittsapplaus, den wir bis dahin noch nie erlebt hatten.

Volker Braun war am 10. Januar der erste Gast in diesem Jahr. Ihm werden Gerhard Seyfried (Autor und Grafiker, zum Beispiel der LINKE-Wahlkampfcomics) am 17. Februar und Adriana Altaras (»Titos Brille«) am 26. März folgen.