Disput

4. August 1914 - Bericht einer Zeitzeugin

Die russische Revolutionärin Alexandra Kollontai (1872-1952) erlebte den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und den moralischen Fall der deutschen Sozialdemokratie aus nächster Nähe in Berlin

Ich beschließe, zum Reichstag zu fahren. Dort werde ich die Unsrigen finden, sicherlich ist Haase dort und Liebknecht …
In den Wandelgängen des Reichstages ist es leer. Mir entgegen kommt Kautsky. Ganz taprig und konfus ist er! Beide Söhne sind zur österreichischen Armee eingezogen, seine Frau ist in Italien. Ich frage ihn nach seiner Meinung zu den Ereignissen: »Was wird denn nun weiter?«
Und auf einmal seine völlig überraschende Antwort: »In so einer schlimmen Zeit muß eben jeder sein Kreuz zu tragen wissen.«
»Sein Kreuz«? Ist der alte Mann etwa nicht ganz bei Troste?
Göhre setzt sich zu uns. Er ist durch und durch naiv patriotisch. Wenn man ihnen so zuhört, begreift man gar nichts mehr: Entweder haben sie alle den Verstand verloren, oder ich bin nicht mehr normal. Doch die Wand des Nichtverstehens wird immer dicker.
»Denken Sie nur, wer hätte das geglaubt, daß es unter unseren Sozialisten so viel Patriotismus, so viel Begeisterung geben würde! Viele ziehen als Freiwillige in den Krieg. Ja, ja, Deutschland ist uns allen teuer. Man hat uns überfallen, nun werden wir das Land verteidigen! Wir werden zeigen, daß auch die Sozialisten für das Vaterland zu sterben wissen.« …
Stadthagen ist nervös. Er ruft mich beiseite. Vertraulich informiert er mich über »ungeheuerliche, beispiellose Meinungsverschiedenheiten« in der Reichstagsfraktion. Auf der gestrigen Sitzung der sozialdemokratischen Fraktion sei es beinahe zu Handgreiflichkeiten gekommen. Eine Minderheit habe sich herausgebildet, vierzehn Leute, unter ihnen Haase und Liebknecht. Sie haben den Beschluß der Mehrheit angefochten, für den Etat zu stimmen.
»Wie bitte? Für den Etat stimmen?« Ich traue meinen Ohren nicht …
Der entscheidende Augenblick ist gekommen. Ich glaube noch nicht an die Stimmabgabe. Mir will immer noch scheinen, daß sich die Fraktion in letzter Minute anders besinnt.
Die zweite Hälfte der Sitzung beginnt um fünf Uhr. Erneut strömt das Publikum auf die Empore. Doch die Spannung ist nicht mehr so groß wie vormittags. Im Gegenteil. Die Mienen sind irgendwie besänftigt, fast zufrieden. Es wird sogar gescherzt.
Haase verliest die »Erklärung« der Fraktion. Er wird von allgemeinem Beifall unterbrochen. Auch die extreme Rechte applaudiert. Stürmische Begeisterung bewirken die Worte, die Sozialdemokratie lasse in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich.
Mir ist, als stürzte ich in einen Abgrund.
»Ausgehend von allen genannten Gründen, spricht sich die sozialdemokratische Fraktion für den Kredit aus …«
Was nun kommt, haben die Mauern des Reichstages noch nicht erlebt! Das Publikum springt auf die Stühle, schreit, fuchtelt mit den Armen. Vizepräsident Paasche erklärt, der Kredit sei »einmütig votiert« worden. Daraufhin erneut großes Geschrei. Ein neuerlicher Sturm »patriotischer« Hysterie. Ich bemerke, daß man auch auf den linken Bänken in einem Anfall von »Patriotismus« tobt.
Es ist geschehen. Und doch will ich es nicht glauben. Ich laufe in die Wandelgänge. Vielleicht ist das noch nicht endgültig?
Ich stoße auf Wurm.
»Wie sind Sie denn hierhergekommen? Sie sind doch gar nicht berechtigt, einer solchen Sitzung des Reichstages beizuwohnen - schließlich sind Sie Russin!«
Nein, wirklich, daran habe ich »noch gar nicht gedacht«! Ich bin hierher zu den »Meinigen«, zu meinen Genossen, gekommen, jetzt weiß ich, daß ich mich geirrt habe!
Bei Liebknecht steht ein Grüppchen; man streitet heftig mit ihm. Wendel blickt böse zu Liebknecht hin.
»Ein Verrückter, ein Wahnsinniger! So einer gehört hinter Gitter. Jetzt sind jegliche Sentimentalitäten fehl am Platz.«
Offenbar sieht er in Liebknecht einen wirklichen »Verräter« seines lieben, militaristischen Vaterlandes.
Zu mir treten Frauen von Abgeordneten. Wir kennen uns. Sie sind sehr zufrieden mit dem Ausgang der Sitzung. Sie fürchteten den Einfluß der »Vierzehn«.
»Wenn sie nämlich die Oberhand gewonnen hätten, wäre mein Mann einfach als Verräter erschossen worden!«
Na herrlich! - möchte ich ihr als Antwort ins Gesicht schreien.
»Ja, wir Deutschen verstehen es, einig zu sein. Welch großer feierlicher Augenblick der Einigkeit!« höre ich jemand sagen.
»Einigkeit« mit wem? Mit General Kessel? Mit den Dummköpfen aus dem Oberkommando? Mit den »rechten Bänken«? Ich glaube vor ohnmächtiger Wut, vor Verzweiflung ersticken zu müssen …
Der Reichstag ist aufgelöst. Ausgelöscht das letzte Fünkchen von Volkskontrolle über die Handlungen einer Regierung, die sich auf Bajonette stützt.
Ich verlasse den Reichstag zusammen mit Liebknecht, wir gehen lange durch den Tiergarten. Straßenbahnen sind selten, die Omnibusse mobilgemacht.
»Was wird aus der Internationale? Der heutige Tag hat sie vernichtet. Es muß eine neue, eine andere Generation heranwachsen, um sie zu neuem Leben zu erwecken. Uns deutschen Sozialdemokraten wird die Arbeiterklasse der Welt unser heutiges Handeln niemals verzeihen.«
Auch mir ist, als hätte ich einer Hinrichtung beigewohnt.
Erneut vernehme ich die Stimme Liebknechts, der zu Aktivität aufruft: »Aber wir lassen es nicht dabei bewenden! Wir müssen sofort zu handeln beginnen. Müssen für sofortigen Frieden kämpfen, die Heuchelei der Regierung bloßstellen! Wir müssen ihnen die Maske vom Gesicht reißen.«
Sogleich wird mir leichter ums Herz, ist alles nicht mehr ganz so hoffnungslos …

Aus: Alexandra Kollontai: Ich habe viele Leben gelebt. Autobiographische Aufzeichnungen. Dietz Verlag Berlin 1980