Disput

Der ganze Anblick schaurig

Aus den Kriegstagebüchern von Fritz Kleffel (1915/17), Dietzhausen

Kriegserlebnisse 1915

1.7. Transport kommandiert nach Russland.

5.7. Einkleiden. Besuch von Waldemar, meinem Bruder in Darmstadt. Wir sprachen über Erbschaftsangelegenheiten.

6.7. Früh ½ 8 Uhr ausrücken ins Feld mit Musik. Mein Bruder Waldemar begleitet mich vom Lager bis zum Bahnhof. Abschied war herzlich. 9 19 Abfahrt von Darmstadt.

In Hanau bekamen wir Kaffee. In Fulda wurde uns Himbeerlimonade verabreicht. In Bebra gab's Mittagessen Bohnen mit Fleisch. Ein Uhr nachts in Halle angekommen und in der Stadt verpflegt worden, Kaffee und belegtes Brot. Nachts im Bahnwagen geschlafen.

12.7. Des Abends hieß es, die große Offensive sollte am 13.7. nachts beginnen, sämtliche Maschinen müßten startbereit sein. Da wurde noch tüchtig geschafft, Benzin aufgefüllt, Bomben angebracht. ¾ 11 Uhr ging's schlafen und wir harrten der Dinge, die da kommen sollten. Punkt 11 Uhr fiel von unserer schweren Artillerie der 1. Schuß, dann rollte es die ganze Nacht und es regnete schauerlich dazu. Kalt war es auch, ich zog mir die Decke fester über den Kopf, aber jämmerlich gefroren habe ich doch. Ich war froh, als es Morgen war.

13.7. Mittags mußte ich auf Wache ziehen bis zum nächsten Mittag mit 2 Mann Ablösung. Als ich die Nachtrunde angetreten hatte, hörte ich vor mir 40 km den Donner der schweren Geschütze. Es ist doch ein schauriges Gefühl, wenn man so allein in Feindesland auf Wache steht und weiter vor mir ringen Völker miteinander auf Leben und Tod. Es ist eine schwere Schlacht im Gange.

16.7. Unterwegs sahen wir zerschossene Dörfer und so weiter, der ganze Anblick schaurig. Je näher wir Brassnitz kamen, begegneten uns gefangene Russentransporte. Fünf Kilometer vor Brassnitz sahen wir Anzeichen eines 2 Tage vorhergegangenen Gefechts. Die Dörfer zerschossen, es brannte noch teilweise, tote Pferde lagen im Straßengraben, desgleichen Russen. Deutsche Soldaten lasen das erbeutete Kriegsmaterial zusammen.

19.7. Um 10 Uhr ging's mit unserem Lastauto fort nach Neidenburg zu. Diese Fahrt werde ich nicht vergessen. Hinter dem zerschossenen Brassnitz kamen uns Verwundete aus den letzten Gefechten entgegen und wollten mitfahren. Die armen Menschen voll Blut und Dreck und zerschossen. Sie haben bis Mlama, wo sie in die Bahn zur Weiterbeförderung verladen wurden, genug gejammert und gestöhnt.

12.8. 4 Uhr Aufstehen. Nach dem Kaffeetrinken bin ich mit einem Kameraden in die eroberten russischen Schützengräben, wo ein wildes Chaos war. Gegen 40 tote Russen lagen noch in und vor den Gräben, meistens Kopfschüsse. Wir nahmen uns verschiedene Andenken mit. Des Nachmittags war Löhnungsappell und bekam dann jeder wieder Geld in die Hände, was allemal große Freude macht. Außerdem 75 Pfg. Beutezulage.

2.9. 5 Uhr Wecken. Nach dem Kaffeetrinken ging ich wieder mit zwei Kameraden Russen beerdigen. Nach ungefähr ¾ Stunden laufen kamen wir dort an. Es war ein russischer Schützengraben. Der Mann hatte im Graben gestanden und im Anschlag gelegen, eine Granate war gekommen und hatte ihm den Kopf mitsamt der halben Brust weggerissen, ein schauriges Bild, welches ich nicht vergessen werde. 5 m weiter war rechts wieder ein Loch. Dort lag der zweite Russe, derselbe hatte im gleichen Moment, wo die Granate geflogen kam, seine Notdurft verrichtet, einen Granatsplitter am Kopf bekommen und war dann kopfüber in seinen Stand gestürzt. Ich fand bei ihm ein Portomonaise mit 2 Rubelscheinen. Dann gingen wir in ein nahes Dorf und suchten in den Häusern umher.

9.9. 5.30 Wecken. Nach dem Kaffee wurde ich zur Küche eingeteilt, das Wetter war trübe. Ein Weib wurde von unserem Herrn Flugzeugführer Bodenburg im Walde mitsamt ihrem Kinde aufgefunden. Sie bekam Tee & Kaffee, das arme Kind schlief sofort fest ein. Auch dieses Weib mit ihrem Kinde wäre ein Opfer des Krieges geworden. Man sieht da wieder einmal, wie die Kultur mit Füßen getreten wird. Man sollte verzweifeln.

11.9. 5.30 Uhr Aufstehen. Des Nachmittags war Löhnung, es gab wieder 5,30 M. Der Hauptmann hielt eine Ansprache, daß es jetzt so wenig Brot gäbe und daß die Truppen vorne noch weniger hätten. Wir sollten noch zufrieden sein. Aber zum Donnerwetter, wenn man nichts zu essen bekommt, kann man nichts leisten. Es wäre am besten, (wenn) der ganze Krieg, welcher meiner klaren Überzeugung (nach) doch bloß für die Großkapitalisten ist, aufhörte.

15.9. 5.30 Aufstehen. Das Wetter war zum Fliegen gar nichts. Wir musizierten, sangen und erzählten und rauchten. Des Abends hatten wir ein interessantes Thema über den ganzen Krieg und sah da jeder von den Kameraden ein, daß der arme Mann doch bloß ein willenloses Werkzeug der Kapitalisten ist. Abends gab's Rum.

21.9. 6 Uhr Wecken. Brot gibt's nicht, wir müssen eben weiter hungern. Ich wurde eingeteilt zum Flugplatz ebnen.

27.9. 5.30 Uhr Wecken. Des Abends bekamen wir jeder ein ¾ Brot. Auch erhielt ich 3 Pakete und 1 Karte. Hier wäre schöne Gelegenheit zum Photographieren. Hoffentlich bekomme ich bald meinen Apparat.

28.9. 5.30 Uhr Wecken. Dann war große Lauserei, man kann sich tatsächlich nicht schlafen legen, ehe 10 - 12 Stück zerdrückt zu haben.

16.10. 6.30 Uhr Wecken. … Des Abends bekam ich Post, die Camera und ein Fläschchen Likör, welches mir sehr gut mundete.

12.11. 6 Uhr Wecken. Nach dem Kaffee getrunken ging's auf den Platz, wo ich den Maschinengewehr-Unterstand mit baute. Wir haben täglich 5 gefangene Russen vom hiesigen Gefangenenlager zum Arbeiten hier. Es sind alle 5 nette Kerle, 1 aus Sibirien, einer aus Moskau, sein Vater ist Arzt daselbst und er Student der Jura. Wir arbeiten zusammen, als wenn wir Brüder wären.

30.10. 6.30 Wecken. Mittags mußte ich einen Probeflug auf unserer Maschine mitmachen. Es ist dieses mein erster Flug in meinem Leben. Es ist in der Maschine ganz sicher und die Aussicht von oben, noch dazu jetzt Winter ist, wunderschön. Wir waren 500 Meter hoch gestiegen.

21.11. Nach dem Mittagessen bekam ich Post und zwar das letzte Paket zum Apparat. Ich ging dann und machte zwei Aufnahmen. Des Abends machte ich in unserem Unterstand eine Blitzlichtaufnahme. Selbige ist gut geraten.

1916

1.2. 6.30 Wecken. Des Nachmittags mußte ich auf Wache. Um 2 Uhr wurde ich abgelöst, mußte in Maschine 5 die Funkereinrichtung einbauen. Des Abends gab es Rum. Drei Kameraden hatten sich ordentlich betäubt. Dafür sollten sie Strafexerzieren machen. Ein Bursch Appenzeller bekam, da er den Wein nicht genug kalt gestellt hatte, ½ Stunde strafexerzieren. Man sieht also den Klassenunterschied im Felde zwischen Offizieren und Mannschaften. Wenn doch der gottverdammte Krieg bald zu Ende ginge, unser Morgen- und Abendgebet.

21.5. 4.30 Uhr Wecken. Ich stand auf, es war Regenwetter. Ich trank Kaffee und wärmte mich am Feldofen. Um ¾ 10 Uhr war antreten zum Kirchgang. Der Pfarrer war noch ein sehr junger Mann. Er predigte sehr, seine ganze Rede spielte hinaus auf durchhalten. Auch den Offizieren gab er Nüßchen zu knacken. Er erzählte von einem Unterseeboot, wo es bloß eine Küche gäbe und Offizier wie Mann aus einem Topf äßen. Des Mittags war Löhnungsappell. Der neue Hauptmann kam und sagte uns, wir sollten uns nicht bei jeder Gelegenheit krank melden, gegen unseren Vorgesetzten anständig sein u. s. w.

5.6. 4 Uhr Wecken. Maschine 5 und 1 starteten über den Feind zum Bombenflug. Es war eine unheimliche Hitze. Des Abends machte ich noch eine schöne Blitzlichtaufnahme in unserem Unterstand.

23.6. 6 Uhr Wecken. Um 11 Uhr fing es vorne an feste zu knallen. Eine Rollsalve hinter der anderen, es war einem unheimlich zu Mute und doch, wenn man zum Schlafen noch Geschützdonner hört, ist einem nicht wohl.

4.7. 6 Uhr Wecken. Maschine 3 startet, kam aber bald wieder herunter. Dieselbe wollte nicht steigen. Beim Aufsetzen gabs Achsenbruch. Dann kam Maschine 5 an die Reihe. Dieselbe raste um 7 Uhr beim starten in ein Kornfeld, wobei sie vollständig in Trümmer ging. Ich photografierte den Bruch.

29.7. Um 3 Uhr starteten die Maschinen 1, 2, 5, 6. Es kehrten alle heil zurück bis auf Maschine 2, welche einen Luftkampf zu bestehen hatte mit einem russischen Eindecker. Der Beobachter, Herr Leutnant Kromer war tot, der Flugzeugführer Feldwebel Nakons hatte einen Streifschuss am Bein. Er brachte die Maschine aber noch bis glücklich hinter unsere Linien, wobei sie sich bloß überschlug. Des Nachmittags kam das Auto mit dem Toten, er wurde in der Kirche aufgebahrt.

15.8. Um 5ä30 Wecken. Um 9 Uhr startete Maschine 5 zum Fluge zur Front. Um 11 Uhr kam die Nachricht, daß auch dieses Flugzeug durch Ballonabwehrgeschütze abgeschossen sei. Es hatte außen 32 Einzeltreffer noch 1 Volltreffer. Des abends um 10 Uhr startete Maschine 4 zum Bombenflug nach Apsa um einen russischen Flugplatz zu belegen. Nach 1 Stunde kehrte dieselbe zurück und flog dann nochmals hin, wo sie dann um 3 Uhr wieder kam. Die Offiziere haben wieder gesoffen wie die Schweine.

12.9. Das Wetter war schlecht, kalt mit etwas Regen. Ich blieb im Unterstand. Auch erfahre ich, daß den Herren Offiziere Abteilungsführer 15 Pfd. Butter Hauptmann Pärwald, 10 Pfd. Butter und Leutnant Ranot, 10 Pfd. Butter dem Koch Pocke mit nach Deutschland gegeben hatten. Wir bekamen heute Abend auch Butter und zwar 60 Gramm. 30 Pfd. waren auf dem Proviantamt empfangen. Die anderen 35 Pfd. sollten von unseren Kühen genommen werden. So werden wir arme Sklaven bei 5,30 Mark in 10 Tagen beschummelt. Diese Sorte verdient 1000 und 800 Mark den Monat. Auch die Äpfel werden alle sorgsam im Schloß aufgestapelt, das ist die gerechte Verteilung, die uns vorgeschmust wurde. 1 Pfd. der schlechtesten Krüpse, welche auch jetzt noch in Deutschland die Schweine fressen, haben wir bekommen. Und dazu muß man recht schön die Schnauze halten, es kommt aber die Zeit, wo wir diesen Spitzbuben über die Fresse fahren können.

1917

28.1. 8 Uhr Aufstehen. Um 11 Uhr ist Kirchgang. Der Pastor, ein Divisionspfarrer, welcher den Leuten wieder mal den Honig ums Maul geschmiert hat. Des Abends erfahre ich, daß dieser saubere Herr mit samt unseren schönen Offizieren so besoffen war, daß er ein paar mal unter den Tisch gelegen hatte. Wenn es so weiter geht, gewinnen wir den Krieg ganz sicher.

Die Tagebuchaufzeichnungen von Fritz Kleffel enden am 16. Februar 1917. (Die Notizen wurden geringfügig orthografisch bearbeitet.)