Disput

»Die Waffen nieder!«

Vor 100 Jahren starb die österreichische Pazifistin und Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner

Von Ronald Friedmann

Berta von Suttner war bereits 46 Jahre alt, als sie mit ihrem Roman »Die Waffen nieder!« innerhalb weniger Wochen internationale Bekanntheit erlangte. Dabei hatte es mehr als zwei Jahre gedauert, bis sich endlich ein Verlag fand, der bereit war, ihre Lebensgeschichte einer Frau aus niederem Adel zu veröffentlichen, die ihre beiden Ehemänner und die halbe Familie als Folge von Kriegen verloren hatte. Bertha von Suttner hatte die Romanform gewählt, weil sie überzeugt war, mit einem Prosatext einen deutlich größeren Leserkreis erreichen zu können als mit einem Sachbuch. Und der Erfolg gab ihr recht: Noch zu ihren Lebzeiten erschienen nicht weniger als 37 Auflagen in zwölf Sprachen.

In den einschlägigen pazifistischen Kreisen Europas war Bertha von Suttner Mitte der 1880er Jahre längst eine bekannte und anerkannte Persönlichkeit. Denn sie hatte mit eigenen literarischen Arbeiten, so dem 1886 erschienenen Buch »High Life«, in den internationalen Diskurs eingegriffen und sich dafür eingesetzt, in einen länderübergreifenden Dialog mit Gleichgesinnten zu treten.

Bertha von Suttner verstand den Frieden als den naturrechtlich verbürgten Normalzustand, in dem der Mensch leben sollte. Den Krieg hingegen sah sie als Ausdruck eines menschlichen »Irrwahns«. In diesem Sinne waren sie und ihre politischen Freunde begeisterte Anhänger von Charles Darwin, dessen berühmtes Buch »Über die Entstehung der Arten« in ihren Diskussionen eine zentrale Rolle spielte. Sie übertrugen den Darwin‘schen Gedanken der Entwicklung vom Niederen zum Höheren von der Tier- und Pflanzenwelt auf die menschliche Gesellschaft und kamen zu dem Schluss, dass sich der Mensch noch auf einer niederen Stufe seiner Entwicklung befinden würde. Mit der Selektion der »Edelsten« aber würde die Menschheit schließlich doch den Zustand ewigen Friedens erreichen.

Weder ihre Herkunft noch der Verlauf ihrer ersten Lebensjahrzehnte hatten vermuten lassen, dass Bertha von Suttner zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts werden sollte.

Die spätere Bertha von Suttner wurde am 9. Juni 1846 in einer böhmischen Adelsfamilie geboren. Der Vater starb noch vor ihrer Geburt. Die Mutter, eine Spielerin, brachte in kürzester Zeit das gesamte Vermögen durch. Bertha war nun keine »gute Partie« mehr, sie musste jetzt vielmehr selbst Sorge für ihren Lebensunterhalt tragen. Als Gouvernante im Hause Suttner in Wien lernte die inzwischen dreißig Jahre alte Bertha ihren späteren Ehemann kennen, den sieben Jahre jüngeren Arthur von Suttner. Dessen Eltern wollten die Ehe jedoch um jeden Preis verhindern und entließen Bertha. Sie vermittelten ihr allerdings eine Stelle in Paris - als Sekretärin von Alfred Nobel. Doch dauerte dieses Zwischenspiel nur wenige Wochen. Bertha kehrte nach Wien zurück, um in aller Heimlichkeit zu heiraten. Es folgten acht Jahre des freiwilligen Exils im Kaukasus, wo das Ehepaar Suttner als Gast einer georgischen Fürstin mehr schlecht als recht von schriftstellerischer Arbeit lebte. Als ein Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Russland drohte, kehrten Bertha und Arthur von Suttner 1885 nach Wien zurück und versöhnten sich mit der Familie.

Im September 1891 forderte sie in einem Artikel in der in Wien erscheinenden »Neuen Freien Presse« die Gründung einer »Österreichischen Gesellschaft der Friedensfreunde«, denn es sei »nothwendig, daß überall dort, wo Friedensanhänger existiren, dieselben auch öffentlich als solche sich bekennen und nach Maßstab ihrer Kräfte an dem Werke mitwirken.«

Die Mitarbeit in Friedensgesellschaften und die Teilnahme an (internationalen) Friedenskongressen nahm in den folgenden Jahren einen großen Teil ihrer Zeit in Anspruch. Doch mit dem selben Engagement widmete sie sich auch dem Kampf um die Rechte der Frauen und dem Tierschutz.

Zu ihrem großen Bekannten- und Freundeskreis gehörte nun wieder Alfred Nobel, den sie in seinem pazifistischen Denken und Handeln nachdrücklich bestärkte. Dass Alfred Nobel in seinem Testament, das er im November 1895 niederlegte, auch einen Internationalen Friedenspreis stiftete, ging in nicht geringem Maße auf den Einfluss von Bertha von Suttner zurück. Als er die Kriterien für die Verleihung des nach ihm benannten Friedenspreises formulierte - »der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat« -, dachte Nobel ganz offensichtlich an Bertha von Suttner.

Trotzdem erhielt Bertha von Suttner den Friedensnobelpreis erst im Jahre 1905, als der Preis bereits zum fünften Male vergeben wurde.

Am 21. Juni 1914 starb Bertha von Suttner. So blieb es ihr erspart, den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu erleben, den sie gefürchtet und vor dem sie viele Jahre nachdrücklich gewarnt hatte. Ein Weltfriedenskongress in Wien, der für den Herbst 1914 geplant war und zu dessen Organisatoren sie gehörte, fand nicht statt. Doch ihre Forderung »Die Waffen nieder!« hat die Zeiten überdauert und ist heute so aktuell wie zu Lebzeiten von Bertha von Suttner.