Disput

Das rocken wir

Das kleine Blabla

Von Daniel Bartsch

Die Nacht war lang mit Gitarre, Schlagzeug und Bass - deshalb gibt es das Frühstück erst um 16.00 Uhr. Im Radio die Nachrichten, ich höre ein dünnes Stimmchen: »Ich bin sicher, wir werden das rocken!« Meine Wallemähne gerät unrhythmisch ins Schwingen, ich stelle die Luftgitarre in die Ecke. Aktuell rockt es an allen Ecken und Enden - auch wenn man manchmal gar nichts hört!

Da steht sie nun, die angebliche Elite des Landes in feinen Blümchenkleidern oder Anzug, Schlips und Kragen - und lässt es krachen, »rockt das Ding!« Nichts liegt weiter auseinander (außer vielleicht die gegenseitigen Enden unserer Galaxie) als Händchen ohne Schwielen und die ewige Blässe, die Dauersitzungen mit sich bringen, auf der einen Seite und »etwas rocken« auf der anderen. Rocken gehört nach Wacken (Wacken = größtes Heavy Metal Open Air der Welt mit 70.000 Rockerinnen und Rockern) oder zu ähnlichen Festivals im Park oder am Ring.

Man kann eben nicht immer von der Bedeutung im wahrsten Sinne ausgehen, wenn man den Phrasendrescher bedient. To rock - wie der anglophile Weltenbürger sagt - meint erschüttern, schütteln oder schaukeln. Und genau deshalb ist dieser Begriff bei uns seit Bill Haley und Elvis Presley, seit 60 Jahren immerhin, besetzt, vergeben, fest verankert im Kopf und nicht mehr verfügbar. Niemand käme auf die Idee, eine Zahncreme »Tempo« oder »Johnnie Walker« zu nennen - niemand.

Es sei denn, man ist im Politikbaukasten zusammengesetzt worden, im Brutkasten der politischen Kaste großgezogen und in einem Parlament ausgesetzt worden. Wenn man dann Gefolgschaft braucht - möglichst jung, man will ja auch noch ein paar Mal wiedergewählt werden -, dann bietet sich gemeinsames Rocken an. Die Jugend »reclaimed« ja auch die Straßen - warum dann nicht auch die Begriffe? Sie glauben, sie werden es schon schaukeln - dabei erschüttern sie mich nur.

DISPUT stellt sich allmonatlich den Sprechblasenfragen unserer Zeit. Dafür die kleine Sprachglosse.