Disput

Entscheidend ist aufm Platz

Kolumne

Von Matthias Höhn

Seit ein paar Tagen rollt der Ball also wieder, König Fußball scheint die Welt zu regieren - diesmal von Brasilien aus. Millionenteure Beine in millionenteuren Stadien inmitten von überwiegender Armut und sozialem Protest. Medialer Ausnahmezustand auf allen Kanälen - alles andere tritt für vier Wochen in den Hintergrund.

Nicht der Experte für die Ballkunst auf dem Rasen, habe ich einmal eine interessante Theorie gehört: So gebe es eine Einteilung in linken und rechten Fußball - der rechte sei destruktiv, rein ergebnisorientiert und auf das Stören des gegnerischen Spiels angelegt, der linke hingegen sei konstruktiv, weil auf den eigenen Spielaufbau abzielender, schöner und fantasievoller Fußball.

Was auch immer man für Beweise für die Stimmigkeit dieser Theorie anbringt, sei einmal dahingestellt. Zur Halbzeitpause des politischen Jahres bietet sie mir doch die Möglichkeit, auf Erreichtes in der ersten Jahreshälfte zu blicken und unsere Aufstellung zu prüfen.

Manch einer mag am Abend des 25. Mai gedacht haben, dass die 7,4 Prozent bei der Europawahl nicht das Ergebnis ist, das wir uns vorgestellt haben. Sicherlich: Mehr Prozente, mehr Freude. Allerdings gibt es keinen Grund, übermäßig enttäuscht zu sein. Wir haben ein stabiles Ergebnis erreicht. Gegenüber 2009 haben wir mit der leicht gestiegenen Wahlbeteiligung 200.000 Wählerinnen und Wähler mehr für uns gewinnen können. Das ist gut - und wir sollten das nicht kleinreden. Aber ja, es bleibt auch ein prozentuales Minus von 0,1 Prozent. Es zeigt sich: Wir sind noch nicht in optimaler Turnierform, aber wir spielen wieder solide mit. Die sieben Vertreterinnen und Vertreter der LINKEN im Europaparlament werden unsere insgesamt größere Gruppe dort mit ihrer Arbeit aktiv stärken.

Sorgen müssen uns jedoch andere Spieler auf dem europäischen Rasen bereiten: In Großbritannien, Frankreich, Dänemark - und eingeschränkt auch in Deutschland - gewannen Rechtspopulisten und Rechtsextreme gefährlich stark an Bedeutung. Diese Form von Wahlprotest oder Protestwahl muss uns zu denken geben - und mehr als das: Wir dürfen Europa nicht nur nicht den Reichen überlassen, sondern auf gar keinen Fall denen, die es mit nationalistischen Motiven und Parolen zerstören wollen.

In zehn Bundesländern wurden parallel zur Europawahl auch die kommunalen Vertretungen neu gewählt. Im Osten und Westen des Landes agieren wir von unterschiedlichen Niveaus aus: Im Osten locker Volkspartei mit Blick auf den Ministerpräsidentenstuhl in Thüringen und in Regierungsverantwortung, sind wir im Westen noch bei kleineren Brötchen, die aber nicht weniger wichtig sind. Erfolge, wie das Zulegen in westdeutschen Großstädten wie Köln, Hamburg und Hannover sind umso höher zu bewerten, weil sie zeigen, dass wir auch dort eine feste politische Größe geworden sind. Wenn es uns allerdings im Gegenzug nicht gelingt, in der Fläche über fünf Prozent zu kommen, wissen wir, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben. Im Osten hingegen stimmen die Ergebnisse unter anderem aus Thüringen optimistisch für die Landtagswahlen im Spätsommer. Zwar gibt es hier und da Schwankungen, insgesamt aber liegen wir gut im Rennen.

Eine Wahl vom 25. Mai sei noch kurz erwähnt: der Berliner Volksentscheid zum Tempelhofer Feld. Seit der Stilllegung des Flughafens ist das ehemalige Flugfeld für alle Berlinerinnen und Berliner zu einem zentralen Platz für Sport, Spiel und Spannung geworden - mit dem gewonnenen Volksentscheid, für den die Berliner LINKE gekämpft hat, ist eine geplante Bebauung vom Tisch und der Erhalt als Erholungsgebiet gesichert.

Gerade beim Volksentscheid zum Tempelhofer Feld zeigt sich, dass es weniger auf die kurzen und heftigen Wahlkämpfe ankommt. Sorgen und Nöte auch zwischen den Wahlen ernst zu nehmen, führt zu Glaubwürdigkeit, die wir dann, wenn es soweit ist, auch in Stimmen und Sitze für uns ummünzen können. Das ist so vor Ort, im Land und in Europa. Und das deckt sich dann abschließend mit einer letzten Fußballweisheit: Entscheidend ist aufm Platz. Wie richtig!