Disput

Visionen und kleine Schritte

Linke Politik: mit und nicht nur für Menschen

Von Torsten Löser, neugewähltes Mitglied des Parteivorstandes

An ein Leben ohne Politik kann ich mich nicht erinnern. Ich bin in einem politischen Elternhaus groß geworden. Mein Vater: ein überzeugter Kommunist, meine Mutter stritt immer auch zu Hause dafür, dass die Gleichberechtigung nicht nur in der Verfassung steht: Beide sorgten dafür, dass ich mich immer mit der Welt um mich herum auseinandersetzen musste. Streit - heftiger Streit - gehörte bei uns dazu, spätestens seit Gorbatschow mich mit seinen Ideen vom Sozialismus mit menschlichem Antlitz faszinierte und ich meine Eltern mit Umweltverschmutzung in der Lausitz und Nazis in der DDR konfrontierte.

Kurz in der Bürger/innenbewegung aktiv, trat ich 1990 in die PDS ein und fand meine Heimat in der AG Junge GenossInnen. Von 1990 bis 1999 war ich Mitglied im Landesvorstand der PDS Brandenburg, arbeitete für das, was wir »Erneuerung der Partei von unten« nannten, fand die Idee klasse: »Soviel Partei wie nötig und soviel Bewegung wie möglich!« Ich stritt im Großen gegen die Fusion mit Berlin, im Kleinen gegen »national befreite Zonen«, die Abbaggerung von Horno und lernte an der Seite von Bisky, Vietze, Markov und vielen anderen, wie mensch Politik organisiert. Nach dem Studium nahm ich mir eine politische Auszeit im Westen, auch um dort anzukommen.

Seit 2007 mache ich Politik in der LINKEN in Köln mit vielen tollen Leuten, streite immer noch um den richtigen Weg, bin im Kreisvorstand und genieße auch ein Leben unter Nicht-LINKEN. Zuletzt habe ich mich darüber gefreut, dass wir bei der Kommunalwahl am 25. Mai in der viertgrößten deutschen Stadt fast sieben Prozent der Stimmen und sechs Mandate geholt haben. Anerkennung und Verpflichtung zugleich!

Meine politische Heimat in der LINKEN ist das »forum demokratischer sozialismus«, weil ich es richtig finde, gesellschaftliche Opposition zu verbinden mit konkreten reformpolitischen Alternativen.

Ich träume immer noch von einer offenen Partei, die dazu einlädt mitzumachen, die Spaß macht und sich selbst nicht immer so furchtbar ernst nimmt. Ich wünsche mir lebendige Strukturen, Debatten, in denen wir einander zuhören und nicht schon die Antwort kennen, bevor andere ausgeredet haben. Eine sozialistische Partei, wie ich sie mir wünsche, ist eine Partei der Kultur und des Respekts vor denen, die wie ich in dieser Partei sind und die gemeinsam die Idee eines demokratischen Sozialismus verbindet. Mir ist wichtig, dass sich die Partei in die Gesellschaft begibt, die wahrnimmt, was Menschen in diesem Land bewegt, ohne gleich mit dem moralischen Zeigefinger daherzukommen. DIE LINKE sollte aus meiner Sicht eine Partei großer Visionen und Utopien sein, aber auch eine Partei, die den Alltag der Menschen zum Positiven verändert und die kleine Schritte nicht kleinredet.

In der LINKEN sind Menschen auf ganz unterschiedliche Weise aktiv. Die einen arbeiten vor Ort in Initiativen, Vereinen und Verbänden, in Gewerkschaften, den Kirchen, bei der Sozialberatung, »Recht auf Stadt«-Inis oder Umweltgruppen. Sie wirken konkret und manchmal im Kleinen. Auf der anderen Seite ist unsere Partei in Parlamenten aller Ebenen vertreten. Dort werden Rahmenbedingungen gesetzt. Wenn es uns gelingt, dieses Engagement zu verknüpfen, könnte das ein streitbares und erfolgreiches Miteinander werden. Für mich wäre das linke Politik: mit und nicht nur für Menschen.

Im Parteivorstand will ich erst einmal zuhören! Als Neuling finde ich es wichtig, meine 43 Mitstreiterinnen und Mistreiter kennenzulernen, ihre Themen und Positionen wahrzunehmen und dabei irgendwo auch meinen Platz zu finden. Zwei Jahre sind eine kurze Zeit, und die Themen sind vielfältig. Für mich sehe ich zwei große Baustellen. Ich würde mich gern intensiv in die Debatte um die Entwicklung der Partei einbringen und dabei vor allem darüber mitdenken, welche Rolle unsere Kreisverbände künftig in der Partei spielen sollen. Das ist nicht nur ein Thema im Bund. Das ist überall Thema - zum Beispiel wenn sich im Juli VertreterInnen des Kreisvorstandes Köln mit ihren Partnerkreisvorständen Berlin Treptow-Köpenick und Oder-Spree aus Brandenburg treffen.

Zum Zweiten bewegt mich die Haushalts- und Finanzpolitik. Ich möchte gern daran mittun, dass wir die in der Partei vorhandene Kompetenz auch endlich öffentlich machen und in konkrete Politik übersetzen. Was hat etwa die Reform des Länderfinanzausgleichs aus linker Sicht mit den Kommunalfinanzen zu tun? Wie bringen wir unsere Vorstellungen einer europäischen Finanzpolitik in gesellschaftliche Diskurse ein, und nicht zuletzt: Wie bereiten wir die Bundestagswahl 2017 vor, bei der wir uns auch mit SPD und Grünen in diesen Themenbereichen auseinandersetzen müssen - auch, aber nicht nur, wenn es darum geht, den Irrsinn der Schuldenbremse nachzuweisen.

Torsten Löser, geboren am 1. Juli 1970 in Cottbus, Fraktionsgeschäftsführer in Köln