Disput

Die vier U

Dieter Klein über die Transformation im Kapitalismus und über ihn hinaus. Ein Lesetipp

Von Wolfgang Triebel

Gesellschaftspolitische Umbrüche wie 1789 in Frankreich, um 1848 in weiteren Staaten Europas, 1917 in Russland, 1949 in China, 1959 in Cuba waren »klassische« Revolutionen. Andere von der europäischen Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts dem Kapitalismus abgerungene politische Ergebnisse wurden unter anderem durch strittige Entgegensetzung von Revolution und Reform nicht dauerhaft stabilisiert. Bei jüngsten Umstürzen haben manche Historiker und Politiker Revolutionen und Konterrevolutionen verwechselt und ideologische Verwirrung gestiftet. In gesellschaftlichen Prozessen zur Veränderung der Herrschafts- und Machtverhältnisse des gegenwärtigen Kapitalismus sollten »die Schwächen beider Alternativen überwunden und die Stärken bei wechselseitiger Ergänzung in Gestalt einer doppelten Transformation zur Geltung gebracht werden«, heißt es in Dieter Kleins Buch »Das Morgen tanzt im Heute. Transformation im Kapitalismus und über ihn hinaus« (S. 110). »Transformation« wird als schrittweises Hinausführen aus der gegenwärtigen Gesellschaft in andere, bessere, gerechtere, menschlichere Arbeits- und Lebensbedingungen verstanden, in denen auch bisher benachteiligte Gesellschaftsschichten an Errungenschaften der Menschheit teilhaben. Eine auch international zu wünschende solidarische Gemeinschaft gleichberechtigter Völker und Staaten würde Natur und Umwelt vor gewissenlosem Raubbau zum Vorteil nationaler oder internationaler Wirtschafts- und Finanzkapitäne schützen.

Ein Traum? Nur so lange Völker Regierungen wählen, die Politik »weiter wie bisher« zum Nutzen weniger Profiteure betreiben. Die Bundestagswahl 2013 hat nicht zur Transformation des deutschen Kapitalismus beigetragen. Aber das muss nicht so bleiben.

Dieter Klein dekliniert den Kapitalismus westlicher Provenienz dergestalt, dass dessen Transformation über den Kapitalismus hinaus geführt werden kann – das nennt er »doppelte Transformation«. Sozialismus bleibe »Ziel, Bewegung und orientierendes Wertesystem. … Der Begriff doppelte Transformation bezeichnet einen bei veränderten Kräfteverhältnissen zu erwartenden und in Ansätzen durchaus bereits zu beobachtenden Verlauf progressiver gesellschaftlicher Entwicklung.« (S. 16/17) Der aus der Grammatik entliehene Begriff meint die Formenabwandlungsmöglichkeiten des Kapitalismus von heute.

Klein skizziert »Fünf Szenarien möglicher Zukünfte« (S. 35). Das erste, nicht erwünschte Szenarium »weiter so wie bisher« kann man im aktuellen Koalitionsvertrag von Christ- und Sozialdemokraten nachlesen. Die vier anderen möglichen Szenarien sind Schritte, die zum oben genannten Ziel führen können, wenn linke Kräfte ihre Politik inhaltlich an diesem Ziel orientieren, nicht Ismen buchstabieren. Das gilt ebenso für die »vier Leitlinien« und die »vier U einer modernen linken Erzählung von der freien Persönlichkeitsentfaltung einer und eines jeden.« (S. 65/66) Die vier U sind: Gerechte Umverteilung von Lebenschancen und Macht, sozial-ökologischer Umbau, demokratische Umgestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft und umfassende Friedenspolitik und internationale Solidarität. Diese innen- und außenpolitischen Politikfelder sind Gegenstand linker Politik. Die Chancen zur Umsetzung dieser und ähnlicher Vorstellungen sind trotz nationaler, regionaler und internationaler Widersprüche dennoch günstiger als vor zehn Jahren. Entwicklungen in Lateinamerika, in Afrika, Südeuropa und selbst die Occupy-Bewegung in den USA lassen erkennen, die Allmacht des Kapitalismus und des US-Kapitalismus im Besonderen sind durch Volksbewegungen unterschiedlicher Art geschwächt. Und das lässt hoffen.

Mit der »doppelten Transformation« knüpft Dieter Klein an Denkstrukturen von Marx an. Er analysiert bestehende gesellschaftliche Machtverhältnisse und macht dabei auf erkennbare Chancen aufmerksam, um diesen rücksichtslosen Kapitalismus zu überwinden. Seine »Fünf Szenarien möglicher Zukünfte« zeigen ungeeignete Wege und sinnvolle Schritte, um Szenario fünf, eine »Solidarische gerechte Gesellschaft im Einklang mit der Natur…« zu erreichen.

Dennoch gibt es offene Fragen und noch unbefriedigende Antworten. Dieter Kleins Buch ist reich an anregenden Überlegungen. Seine Voraussagen leitet er aus vielen Analysen ab. In einem Punkt stimmt er mit anderen internationalen Denkern überein: Dieser Kapitalismus verändert sich nicht von selbst. Menschen haben ihn geschaffen, wie er ist, also müssen auch Menschen ihn so verändern, wie sie meinen, dass er verändert werden muss. Dazu sind immer mehr Gleichklänge grundsätzlicher Art herauszufinden.

Die Kraft der Völker ist keine Illusion, sondern eine Macht in der Politik. Es gilt, sich dessen bewusst zu werden und die Errungenschaften des Kapitalismus als Instrumente ihrer Emanzipation zu nutzen.

Dieter Klein: Das Morgen tanzt im Heute. Transformation im Kapitalismus und über ihn hinaus. 212 Seiten, VSA: Verlag Hamburg 2013, 16,80 Euro