Disput

Da bin ich ganz bei dir

Sprachglosse

Ein schönes Frühstück am Sonntag - diesmal auf der Couch vor der Glotze, die Schale heiße Milch in der Hand. Während ich der Talkshow folge, höre ich: »Da bin ich ganz bei ihnen …« Und ich bin außer mir, trete etwas beiseite und schaue mir entsetzt beim Haareraufen zu, was lange dauert, da sie ziemlich lang sind. Danach sind einige Haare nicht mehr ganz bei mir, sondern liegen auf dem Boden.

Und schuld ist die Wahnsinnsformulierung: »Da bin ich ganz bei ihnen.« Wahlweise und im sich dauerduzenden Kreis Gleichgesinnter: »Da bin ich ganz bei dir.« Schlimmer nur noch mit einem vorangestellten, meist gehauchten »Du«. Dieses pseudo-verständnisvolle Gelaber - nur, um dann in der Regel doch das Gegenteil zu behaupten. ABER … ist dann das Zauberwort, das sich dem »ganz bei dem anderen sein« anschließt.

Wenn man früher sagte, dass man der Meinung seines Gegenüber sei, war das auch so. Man war der gleichen Meinung, der gleichen Ansicht, stand - meinetwegen - auf derselben Seite. Nichts davon ist so distanzauflösend und aufdringlich wie das »ganz bei dir sein«. Trotz identischer Ansichten möchte der Mensch nicht immer vereinnahmt werden - sondern selbst auch mal ganz allein bei sich sein, für sich sein und in sich ruhen. Nichts und niemanden (gerade niemanden) ganz bei sich haben.

Aber ach … dann sind Talkshows oder Podiumsdebatten der eindeutig falsche Ort für den Aufenthalt der Existenz. Vielleicht hilft es, dem Gegenüber, demjenigen, der ganz bei mir ist, ins Gesicht zu schleudern: »Diese Talkshow ist zu klein für uns beide … Kommen sie zu sich, bleiben sie bei sich - da isses doch auch schön, oder?« Vielleicht hilft das.

Neulich rief Mutti an, sie wollte mal wieder Berlin besuchen. Erst ein paar Freundinnen, und dann aber, am Wochenende, sagte sie: »… bin ich ganz bei dir!« Und wieder fielen ein paar Haare auf den Boden.

DISPUT stellt sich allmonatlich den Sprechblasenfragen unserer Zeit. Dafür die kleine Sprachglosse.