Disput

Der Lenz ist da!

Feuilleton

Von Jens Jansen

Ja schön, aber Putin und Hoeneß sind auch da, Kiew und Athen, der Euro und die Börse ebenso. Nur: Politiker und Topmanager kommen und gehen, doch der Lenz kommt alle Jahre wieder. Und nie war er so heiß wie heuer. Auch, weil derzeit West und Ost, Gut und Böse, Kleinmut und Größenwahn wieder hart aufeinanderprallen. Als der Hoeneß vor Gericht stand, kam sein Name auf den 140 Seiten des »Focus« nur zweimal vor, während es Putin über 200 mal erwischte, damit es sein letzter Lenz werden möge. Jedoch beim Wetter und bei der Weltpolitik hilft kein Wünschen. Anders bei der Liebe, wie der »Focus« mit neuen Umfragen beweist, denn: Je unwägbarer das gesellschaftliche Glück einer berechenbaren Zukunft, umso kostbarer das private Glück, mit jemandem durch dick und dünn zu gehen.

Darum wirbt der »Focus« für Apps im Smartphon: Ob Betthase oder Eheglück - ein Klick im Internet genügt! Jeder dritte Deutsche geht im Internet auf Partnersuche. Die größte Singlebörse hat eine Million Frauen und Männer in ihrer Datenbank. Senkrechtstarter sind aber die Dating-Apps zum Treffen und Flirten. Da vermitteln die Marktführer bereits zehn Millionen Kontakte am Tag. Schluss mit dem Anbaggern auf Arbeit, mit dem Abschleppen von der Disco, mit den Blümchen zum Valentinstag! Man kauft sich eine Dating-App, tippt den Flirt-Radar an - und schon weiß man, dass da zwei Dutzend triebgesteuerte potenzielle Partner in 400 Meter Umkreis auf der Lauer liegen, die man heranwinken kann. Welch ein Triumph der modernen Kommunikationstechnik!

Als in Bayern noch König Ludwig regierte, gaben die Hofdamen versteckte Zeichen mit ihren Fächern. Und wenn die Herren die Zeichen falsch deuteten, dann drohte ihnen ein Duell mit den adligen Platzhirschen. In Schwaben musste Mann auf die Kirmes warten, um am Kopfschmuck der weiblichen Gäste zu erkennen, wer da noch zu haben war. In München hat man deshalb später als verschlüsseltes Signal auf dem Oktoberfest die links oder rechts platzierte Schleife an der Dirndlschürze eingeführt. Und in Nordrhein-Westfalen hat ein Supermarkt besondere Einkaufszeiten für Singles angeboten, wo die bindungswilligen Kunden sich mit einem Band am Einkaufswagen kenntlich machen können.

Doch wie aufwendig und riskant war das alles, verglichen mit dem Flirt-Radar! Nun endlich kann der Mensch durch eindeutige elektronische Signale, ohne den Mund aufzumachen, über den ganzen Marktplatz rufen: »Wer möchte mal meine Bekanntschaft machen?« Das beherrschten bislang nur die Glühwürmchen mit ihrem leuchtenden Hinterteil! Natürlich ist die »Bruchquote« bei solchen Zufallsbekanntschaften erheblich. Deshalb wird auch empfohlen, spezielle Kanäle zu benutzen, die gezielter einzelne Sparten bedienen: Für Akademiker gibt es »Elite«-Agenturen. Für »bildungsferne« Schichten die Abschleppdienste. Gleichgeschlechtliche Bewerber haben eigene Nischen, Ostfrauen auch bald. »Bauer sucht Frau« wurde zum Fernsehhit. Da kommt zum Namen das Bild, der Ton, das Haus, der Trecker, der Anhang an Tieren. Da weiß man, was man hat. Aber wer das alles über Facebook mitliefert und sich im Internet nackend macht bis auf die Tätowierungen, der wird natürlich zum Lieblingskunden der Geheimdienste und Versandhäuser. Die Marktwirtschaft vermarktet in ihrer grenzenlosen Freiheit die Menschen so komplex, dass sie zu Sklaven aller Dienste werden. Die Partnersuche bringt in Deutschland 3,2 Milliarden Umsatz. Mehr als 2.000 Online-Dating-Dienste wärmen sich daran die Hände. Die Branche boomt.

Kein Zweifel: Der Lenz ist da! Doch wehe, wer sich nicht immunisiert. Auch Handys und Computer brauchen bissfeste Kondome!