Disput

Ich wollt schon immer was bewegen

Denkt vor und packt an. Und das Zuhören hat er auch gelernt: Bürgermeister Detlef Klietz

Von Stefan Richter

Kletzin klingt, irgendwie, nach Klietz. Nach Detlef Klietz, 55, Diplom-Agraringenieur - und Bürgermeister.

Zu Kletzin mitten in Mecklenburg-Vorpommern gehören außerdem die Ortsteile Ückeritz, Pensin und Quitzerow. 732 Einwohnerinnen und Einwohner leben hier. Wie sie hier leben und ob sie hier bleiben (sie waren immerhin mal 900), das beschäftigt Detlef Klietz nicht erst, seit er im Amt ist.

»Ich wollt schon immer was bewegen.« In der Jugend mischte er mit, war schon zu DDR-Zeiten in einem Gemeinderat und danach auch; Parteimitglied ist er seit vielen, vielen Jahren. Als Linker hält er recht einsam die Fahne hoch; seine vier Mitgenossen sind jenseits der 75.

»Natürlich wägt man eine Kandidatur ab.« Als er vor zehn Jahren erstmals kandidierte, um als ehrenamtlicher Bürgermeister Verantwortung zu übernehmen, war Hartmut Kunkel, ein Mann vom Baufach, sein Kontrahent. Am Wahlabend lag Klietz vor Kunkel, um eine Stimme. Fünf Jahre darauf lautete das Duell erneut Klietz kontra Kunkel, der Vorsprung betrug nun 50 Stimmen.

In Bürgermeisters Kleinwagen fahren wir von Ortsteil zu Ortsteil; Detlef Klietz hat viel zu zeigen und zu berichten. Von gesunden Dorffinanzen (auch weil der Windpark seit zwei, drei Jahren kräftig Steuern in die Kasse bläst), von sanierten Schmuckstücken (und einem einzelnen Schandfleck), wir erfahren ausnahmslos asphaltierte Dorfstraßen und halten an der Kita in Pensin, deren Dach, Heizung und Fassade erneuert werden sollen - entweder mit Fördergeldern oder, schrittweise, mit eigenen 200.000 Euro. Er erzählt vom neuen Feuerwehrauto, tritt mit uns ans historische Schulgebäude und in das (mit EU-Mitteln) beinahe luxuriös gestaltete Kulturzentrum.

Am Ufer der Peene, von wo aus Wasser- und Radwanderer die Idylle entdecken, treffen wir - schöner Zufall - jenen Hartmut Kunkel. Er ist hier so was wie die gute Seele. »Aus aller Herren Länder kommen die Leute«, sagt Kunkel gelassen-stolz und zählt auf: »Aus Holland, der Schweiz und Hessen.« Wobei vor allem die Schweizer die Preise überhaupt nicht verstünden. Was er damit meint, verrät die Speisekarte des »Kronenwirts«: Soljanka »nach Art des Hauses« für 2,50 Euro, Würzfleisch »mit Käse überbacken« für 2,60.

Bürgermeister Klietz hatte uns Kunkel vorab bereits als »guten Mann« beschrieben; wie er generell jede mögliche Anerkennung für die Erfolge in Kletzin verteilt: »Einer allein schafft das nicht. Und wenn Leute in der Gemeindevertretung wären, die daneben schießen, könnte man das auch nicht schaffen. Da würde ich meine Zeit nur unnötig vertrödeln.« Parteienstreit gäbe es nicht in der Gemeindevertretung.

»Arbeitsplätze kann ich nicht schaffen. Aber für alles andere kann ich mit sorgen.« Früher arbeiteten in der Gegend 380 Frauen und Männer in der Pflanzen- und in der Tierproduktion. Heute sind es zehn. Diese Entwicklung traf auch den Bürgermeister: Neun Jahre leitete er eine große Mastanlage, 60 Kilometer entfernt - vor wenigen Tagen bekam er die Kündigung. Leute zwischen 30 und 40 fehlen im Ort mittlerweile fast völlig, für die kommenden Jahre befürchtet er weiteren Wegzug.

»Was wir als Gemeinde machen können, um dies aufzuhalten, machen wir. Wir denken an die Zukunft, darauf basieren sämtliche Investitionen.« Dazu zählt er den Ausbau des schnellen Internets ebenso wie Erwerb und Anlage einer schönen Streuobstwiese, die Unterstützung der beiden Dorfvereine und der Gaststätte. »Investieren« will er in das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gemeinde. Das habe in den vergangenen zwanzig Jahren gelitten, weil es im Ort kaum Arbeitsplätze gibt und man sich im Prinzip nur noch am Wochenende sieht.

»Als Bürgermeister musst du eigentlich immer da sein.« Detlef Klietz - wir erleben es unterwegs - kennt und mag »seine« Mitmenschen, er kennt Förderprogramme und Spielregeln. Er gehört Vereinen an. Und in der Kreisliga gibt er regelmäßig den Pfeifenmann, dort, wo außer dem Ball zuweilen manch heftiges Wort durch die Luft fliegt.

In seiner Schulzeit wurde Detlef bescheinigt, sehr impulsiv zu sein. Es selbst beschreibt sich als ehrlich und resolut. Als einen, der in den Bürgermeisterjahren gelernt hat zuzuhören - selbst dann, wenn es nicht leicht fällt. In der neunköpfigen Gemeindevertretung bleibt er, gegen manche »Ermahnung« durch andere, dem Sozialen besonders verpflichtet. Und dem Rechnen. »In erster Linie müssen wir auf finanziell gesunden Beinen stehen. Ansonsten wird das nichts. Das ist mein Grundprinzip - privat wie in der Gemeinde.«

In zwei Monaten wird Detlef Klietz abermals kandidieren, über einen Gegenkandidaten ist nichts bekannt. Auf der Liste der LINKEN bewerben sich diesmal mehr als früher für die Gemeindevertretung: fünf Parteilose, ein kleiner Erfolg schon vor dem Wahltag.

Für DIE LINKE (oder dank ihrer Unterstützung) wirken bundesweit 123 ehrenamtliche Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Solche wie Detlef Klietz, Kletzin. Hinzu kommen in den Kommunalvertretungen insgesamt 6.500 Ehrenamtliche. Sie alle verdienen Anerkennung und brauchen Unterstützung. Am 25. Mai wird vielerorts in Städten und Gemeinden gewählt.