Disput

Immer noch!

Kampfdemo und Frauenpreis

Von Antje Kind

»Still loving Feminism« lautete das diesjährige Motto, unter dem ein breites Aktionsbündnis am Internationalen Frauentag den Frauenkampftag ausrief. Brauchen wir denn wirklich noch so einen Kampftag? Feminismus? Brennende BHs? Das war doch irgendwann in den 70ern. Muss man - Verzeihung: frau (!) - heutzutage wirklich immer noch um Gleichberechtigung kämpfen? Viele Frauen gerade der Generation 30 plus meinen doch: Was schert es mich, wir haben viel erreicht. Wir gehen arbeiten, verdienen unser eigenes Geld, fahren Auto, haben völlig selbstverständlich unser eigenes Bankkonto und das Wahlrecht und sind stolz darauf, kein Bügeleisen zu besitzen. Wir jonglieren bravourös Erfolg im Beruf und harmonisches Familienleben und meinen, über den Feminismus unserer Müttergeneration hinausgewachsen zu sein. Durch gegenderte Texte wird die Welt nicht gerettet, und so etwas hat frau doch heutzutage gar nicht mehr nötig, Punkt. Aber haben wir das wirklich nicht?

Momentan erleben wir überall in Europa eine erschreckende Kehrtwende hinsichtlich der Errungenschaften der Frauenbewegung. Gerade erst wurde der Gleichstellungsbericht der portugiesischen Abgeordneten Ines Zuber von einer konservativen Mehrheit im Europaparlament abgelehnt. Das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper, das Recht auf Abtreibung beispielsweise, wird in mehr und mehr EU-Ländern immer weiter eingeschränkt. Erschreckend wird das Thema Gewalt an Frauen entweder gar nicht oder nur selten thematisiert oder es wird verharmlost.

Nicht immer jedoch müssen es die ganz großen Themen sein, die neue Aufreger schaffen. Vor Kurzem erst hat beispielsweise der Blogger Luca Hammer ein Foto eines Prospekts veröffentlicht, das unter anderem mit Überraschungseiern warb. Eines trug den goldenen Schriftzug »Weltmeister« und eines den pinken »Spielerfrau«. Sein Kommentar dazu lautete: »Ihr fandet Mädchen/Jungs Ü-Eier doof? Ihr werdet Weltmeister/Spielerfrauen hassen«. Wie bitte, Jungs werden Weltmeister - und Mädchen sind die Spieleranhängsel? Ein Aufschrei ging durchs Netz. Zu Recht! Zur Fußballweltmeisterschaft der Frauen gab es keine Sonderkollektionen. Und immerhin wurden die letzten beiden Weltmeistertitel von Frauen gewonnen. Der Konzern selbst jedoch ist sich keiner Schuld bewusst und verweist darauf, dass das Spielerfrauen-Ei nur eines von insgesamt 20 Motiven der Sonderedition sei. Die konservative Rollenzuschreibung ist jedoch offensichtlich. Emanzipation erliegt kommerziellen Interessen.

Schön ist dabei, dass solche Fehlgriffe auffallen, diskutiert und angeprangert werden. Unter dem Hashtag #aufschrei posten Frauen seit mittlerweile einem Jahr bei Twitter über selbst erfahrene sexuelle Belästigung im Alltag. Das Echo darauf war groß. Ganz klar besteht ein Bedürfnis zu öffentlichem Protest, die immer noch vorhandenen Diskriminierungen werden als solche empfunden und (zum Glück) selbstbewusst und lautstark benannt. Alltäglicher Sexismus, im Großen wie im Kleinen, stößt immer mehr Frauen auf.

Insbesondere die jungen erkennen die Probleme und sind wieder bereit, sich zu engagieren, dafür auf die Straße zu gehen. Feminismus ist offensichtlich wieder »in«. 3.000 Menschen demonstrierten am Internationalen Frauentag allein in Berlin und ebenfalls Tausende in Madrid, in Istanbul und vielen weiteren Städten Europas: gegen Alltagssexismus, gegen Gewalt an Frauen, gegen Bevormundung, für das Recht auf Selbstbestimmung. In Frankfurt am Main protestierten hunderte Hebammen gegen immens hohe Haftpflichtprämien für ihren Berufsstand, die Hebammen und Geburtshelfer schlichtweg nicht mehr bezahlen können und damit Hausgeburten oder Wochenbettbetreuung unmöglich machen. Es gibt also weiterhin Herausforderungen, die gemeistert werden müssen.

Beispiele, die Mut machen, gibt es zur Genüge. Am Vorabend des Internationalen Frauentages vergab DIE LINKE bereits zum vierten Mal den Clara-Zetkin-Frauenpreis, der Frauen beziehungsweise Projekte ehrt, die sich dafür einsetzen, Gleichstellung zu fördern oder die Lebensbedingungen von Frauen zu verbessern. Mit dem Preis sollen die oft im Hintergrund agierenden Projekte in die Öffentlichkeit gerückt und ihr Engagement gewürdigt werden. In diesem Jahr erhielt ihn der Verein »Women in Exile«. Der Verein ist eine Initiative von Flüchtlingsfrauen, er ist in Potsdam ansässig und setzt sich seit 2002 für die Rechte von asylsuchenden Frauen ein. Das drängendste Problem von Flüchtlingsfrauen ist ihre doppelte Diskriminierung: Als Flüchtling und als Frau erfahren sie gleichermaßen Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit, sexuelle Gewalt und Ausbeutung - gerade in Flüchtlingslagern. Die Initiative versucht, diesen Frauen in der Öffentlichkeit Gehör und bessere Lebensbedingungen zu verschaffen.

Den Ehrenpreis 2014 überreichte Katja Kipping der Hartz-IV-Rebellin Inge Hannemann.

Wir sehen also: Es wird schon viel getan, und einiges wurde erreicht. Die Gefahr jedoch, dass diese Erfolge durch konservative Interessen wieder zunichte gemacht werden, ist aktueller denn je. Deshalb braucht es auch in Zukunft eine wachsame Frauenbewegung und einen Tag, an dem wir das thematisieren und laut werden. Wir brauchen einen Internationalen Frauentag - und ja, wahrscheinlich auch einen Frauenkampftag. Noch!