Disput

Nicht ohne Bildung

Ein Beitrag zur Parteientwicklung

Von Harald Werner

Wir würden wahrscheinlich weniger über Parteientwicklung reden, wenn die Partei nicht kontinuierlich Mitglieder verlieren würde. Die Zahl der Neueintritte hinkt hinter den Verlusten zurück, so dass wir heute nur 4.000 Mitglieder mehr haben als die PDS vor der Vereinigung mit der WASG. Warum wohl verlassen uns Mitglieder, weshalb brechen Strukturen zusammen, die zwangsläufig in Mitgliederschwund münden? Ist es wirklich organisatorische Handwerkelei, der mit Qualifizierungsmaßnahmen für Vorstände und mit Organizing begegnet werden kann, oder liegen die Gründe nicht doch deutlich tiefer?

Die von Brecht zitierten Mühen der Ebene waren für linke Parteien schon immer gefährlich, weil sich in solchen Zeiten die Begeisterung leider im gleichen Maße erschöpft, wie die Frustrationen zunehmen. Niemand führt jährlich zwei Wahlkämpfe, kämpft heute für den Mindestlohn und morgen gegen die Banken, ohne sich zunehmend die Frage zu stellen, warum der Kapitalismus trotzallem quicklebendig bleibt und Public Viewing deutlich mehr Menschen auf die Straßen treibt als die Protestbewegungen. Andere Parteien können auf Sicht fahren, die Mitglieder linker Parteien können es nicht - sie brauchen ein zuverlässiges Navigationssystem, um nicht den Sinn ihrer Anstrengungen aus den Augen zu verlieren. Wohlgemerkt, jedes einzelne Mitglied braucht eine solche Orientierungshilfe, und nicht nur »die Partei«. Woher aber soll sie kommen, wenn nicht aus systematischer, möglichst flächendeckender und in das Alltagsleben der Partei integrierter Bildungsarbeit? Wir haben an der Basis unzählige formale, nicht selten ermüdende Organisationspraktiken, warum aber keine regelmäßigen und spannenden Bildungsveranstaltungen?

Eines der größten Missverstände liegt darin, jedes aktuelle politische Referat für Bildung zu halten, obwohl es das Normalste einer politischen Partei ist, in ihr über aktuelle Politik zu reden. Meistens übrigens so, dass das Gesagte erst wirklich verstanden wird, wenn man selbst theoretisches Wissen besitzt. Wie zum Beispiel soll jemand die Euro-Krise verstehen, ohne von Marx gelernt zu haben, wie fiktives Kapital entsteht? Oder wie soll jemand nicht dem Irrtum des gerechten Lohns aufsitzen, wenn er nicht verstanden hat, dass mit dem Lohn nicht die Arbeit, sondern lediglich ihr Marktwert bezahlt wird? Wobei fast immer, wenn es um theoretische Grundlagenbildung geht, auf die Rosa-Luxemburg-Stiftung verwiesen wird. Was Rosa selbst kaum gefallen hätte. Sie war eine leidenschaftliche Verfechterin der Bildungsarbeit in den Ortsvereinen. So kritisierte sie 1908 auf dem Nürnberger Parteitag schroff die Theoriefeindlichkeit der Rechten und die Beschränkung der Parteibasis auf die Beschäftigung mit dem alltäglichen politischen »Stoff«: »Was der Masse nottut, ist die allgemeine Aufklärung, die Theorie, die ihr die Möglichkeit gibt, den Stoff zu systematisieren.« Noch im letzten Jahr vor dem Ersten Weltkrieg führte die SPD in ihren Gliederungen 197 längere Kurse und 1.043 Vorträge mit 27.089 Teilnehmenden durch. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung kann vieles stemmen, aber eine dem Vorbild der alten SPD entsprechende Bildungsarbeit wohl kaum.

Die Partei muss in Kooperation mit der Stiftung eine eigene Bildungsstruktur entwickeln, die der Beschäftigung mit der aktuellen Politik eine theoretische Basis gibt. Der Anfang ist mit der Kommission für politische Bildung beim Parteivorstand und der Einrichtung eines Bereiches in der Bundesgeschäftsstelle gemacht. Doch der Unterbau schwächelt, weil es mit Ausnahmen kaum regionale Strukturen und Angebote gibt.

Eine neue Qualität verspricht der zehn Monate dauernde Grundlagenkurs DIE LINKE 1. Nachdem erstmals der aus vier Wochenendseminaren und dem Lernen auf einer Internetplattform bestehende Kurs im Dezember erfolgreich abgeschlossen wurde, hat der nächste inzwischen begonnen. Dabei zeigt sich jetzt schon ein interessanter Schneeballeffekt. Von den 19 Mitgliedern, die bis zum Ende durchgehalten haben und dabei etwa 170 Lernstunden absolvierten, werden vier von ihnen unter Anleitung des bestehenden Teams demnächst selbst einen Kurs betreuen. Würden wir uns darauf beschränken, Jahr für Jahr rund 20 Mitgliedern einen solchen Grundlagenkurs anzubieten, wäre das nicht mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Es wäre genau das, was auch die Stiftung kann. DIE LINKE 1 aber ist das erste kompakte Bildungsangebot, das nicht nur theoretische Grundlagen unserer Politik anbietet, sondern immer mehr befähigen wird, dies selbst zu tun. Nicht isoliert, sondern als Mitglieder eines wachsenden Teams, das sowohl die Grundlagenbildung ausweitet als auch ihre Inhalte weiterentwickelt. Wer sich über den aktuellen Stand des ersten Teils des dreiteiligen Angebots informieren will, kann das übrigens auf unserer Lernplattform machen: lernplattform.die-linke.de. Zwar kann man sich als »Gast« nicht alles ansehen, doch die Lerntexte und das Quellenmaterial stehen allen zur Verfügung.