Disput

Die Angst ist weg. Die Energie auch?

Kolumne

Von Matthias Höhn

In der Berliner Innenstadt, entlang der ehemaligen Mauer, stiegen am Abend des 9. November weiße Ballons auf. Sie sollten den Fall der Mauer vor 25 Jahren symbolisieren und zudem ein »Symbol der Hoffnung für eine Welt ohne Mauern« sein. Eine schöne Idee und ein berührender Moment - ist doch der 9. November 1989 für jede/n ein Datum, das sie oder er mit ganz persönlichen Erinnerungen und Gefühlen verbindet.

Damit endet wohl der Reigen offizieller Veranstaltungen, die an den Herbst 1989 erinnern und die ihren Schwerpunkt etwas sehr offensichtlich auf den Fall der Mauer setzten. Etwas zu kurz kam - meiner Meinung nach - ein Ereignis, das mich in der Rückschau aus vielen Gründen ähnlich bewegt: die Großdemonstration in Berlin auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989.

Am 4. November 1989 versammelten sich um die 500.000 Menschen auf dem zentralen Platz der Hauptstadt der DDR. Sie taten dies freiwillig, bunt, manche laut, manche leise, sie taten es voller klugem Witz und beißendem Spott, sie waren kreativ, sie waren jung und alt, und sie waren, vor allem, friedlich. Sie taten es für sich, weil sie etwas bewegte, weil sie etwas bewegen wollten. In den vorausgegangenen Wochen war die Angst gewichen, den Mutigen aus Leipzig folgten mit jeder Woche mehr und mehr Menschen, die sich für ihre Anliegen auf die Straße trauten. Und spätestens am 4. November war die Angst plötzlich weg! Ganz weg.

Schaut man auf die Bilder von damals, kann man sich vorstellen, wie gut es sich anfühlt: gemeinsam mit vielen Gleichgesinnten die Straßen auszufüllen, den Platz bis zum letzten Fleckchen zu füllen. Es sind frohe, ja erwartungsfrohe Gesichter, optimistisch-nachdenkliche Gesichter. Gesichter, die ganz bei der Sache waren. Hier, auf dem Alex am 4. November 1989, ging es um etwas, und jeder wollte dabei sein, teilhaben - weil es auch um sie oder ihn ging. Heute sind uns eher die oft gezeigten Zitate aus Reden in Erinnerung. Sätze wie der von Stefan Heym und den aufgestoßenen Fenstern, Sätze, die Stimmung und Herzen trafen. Aber auch der Wunsch von Lothar Bisky: »Wir brauchen nicht nur Lautsprecher, sondern auch Zuhörgeräte.«

Die Angst davor, die eigene Meinung laut zu sagen, sie ist auch heute weitestgehend abwesend. Jede/r darf alles sagen - leider, möchte ich sagen, hört man zu oft auf das Dumpfe, das nicht still zu kriegen ist. Aber auch das gehört zum damals Eingeforderten. Umso erschreckender ist dann oft die Stille, die Teilnahmslosigkeit, wenn es um unsere Stimmen geht, um unsere Meinung, um unsere Teilhabe.

Schaut man auf die Wahlbeteiligungen von den Bundestagswahlen abwärts in Richtung Kommunen, scheint es, als würden die Menschen müder und müder, je näher, je fassbarer und konkreter Politik ihnen kommt. Immer mehr Menschen verzichten auf ihre Teilhabe am demokratischen Prozess oder verweigern sich ihm sehr bewusst.

Und blicken wir auf die Demonstrationen gegen drohende Kriege, gegen Sozialabbau, für Frieden oder eine bessere Flüchtlingspolitik - mehr als wenige Hundert »Daueraktive« kommen meist nicht zusammen, selbst dann nicht, wenn die Zahl der Betroffenen im Millionenbereich liegt.

Das lässt Raum für die gefährlichen »Lautsprecher« - für wenige, die mit lauten und hohlen Parolen meinen, für uns zu sprechen. Und die es tun, wenn niemand widerspricht, wenn keiner mehr seine Stimme erhebt. Die mit einfachen Antworten aufwarten, die verfangen, weil das Nachdenken und Mitmachen oft schon zu schwer ist.

Darum habe ich, wenn ich in diesen Tagen an den 4. November 1989 in Berlin erinnert werde, hauptsächlich Fragen und Wünsche. Fragen nach der Energie, die diesen Tag geprägt hat, und wohin sie verschwunden ist. Fragen nach Mut und Lust auf den Kampf um Veränderung. Und Wünsche nach der Rückkehr dieser Begeisterung, an etwas mitzuarbeiten, dabei zu sein, wenn es darum geht, eine Meinung zu haben und diese zu vertreten, gemeinsam mit anderen … für ein besseres Hier und Jetzt.