Disput

Unrecht Gut gedeihet nicht!

Feuilleton

Von Jens Jansen

Der Zimmermann Bruno Folchert aus Schwerin legte dieser Tage ein Geständnis ab. Er war in den Nachkriegsjahren mit seinen Kollegen, gemäß dem Befehl 209 der russischen Besatzer, dabei, in den Dörfern Mecklenburgs für die vielen Umsiedler aus Pommern und Ostpreußen Neubauernhäuser mit Hof und Stall zu errichten. Zum Beispiel dort, wo die Grafen von Oertzen Feld und Wald beherrschten. Die waren während des Krieges im Auftrag von Hitlers Reichsnährstand dabei, die Ukraine als »erweiterte Kornkammer« des Deutschen Reiches auszuplündern, was dann durch die Bodenreform mit ihrer Enteignung geahndet wurde. Damit sich die Umsiedler nicht als Vertriebene fühlten, erhielten sie zehn bis fünfzehn Hektar Land mit etwas Viehzeug und Gerätschaft. Wer die Kuh vor den Pflug spannen musste, hatte kaum Milch und Käse. Das Wichtigste war aber das Dach über dem Kopf. Und ehe die Zimmerleute anrückten, musste ein Fundament gemauert werden. Doch wie soll man mauern ohne Ziegel? Und da sagte der Zimmermann Bruno Folchert zu den Neubauern: »Dann holt euch doch die Steine von der großen Scheune des Junkers!« Und schon rief der ehemalige Kutscher des Grafen: »Dat geit nich! Wat sagt de gnädige Herr, wenn er zurückkommt? Unrecht Gut gedeihet nich!« Worauf der Zimmermann entgegnete: »Dann fahren wir eben wieder nach Hause! Oder in die anderen Dörfer, wo sie es längst so gemacht haben. Also sorgt, dass Montag euer Fundament steht! Wir lassen euch dann unsere Axt da, falls der gnädige Herr alle Steine wiederhaben möchte. Aber hängt ihm nicht noch Girlanden ans Herrenhaus, wo jetzt die Opfer seines Krieges und der Kindergarten untergekommen sind.«

So ungefähr lief das damals, als Bruno zum Mitbegründer dieses bösen Unrechtsstaates zwischen Elbe und Oder wurde. Und erst in diesen Tagen, also 25 Jahre nach der Rückkehr der Grafen, konnte Bruno durch eine ganzjährige, flächendeckende Entlarvungskampagne gegen das Unrechtsregime einsehen, welchen Frevel er am heiligen Gut der Gutsherren begangen hatte. Zwar hatten schon die alten Römer eine Landreform begonnen. Aber man sieht doch, wo Italien heute steht. Gewiss hatte der Prediger Thomas Müntzer recht, als er vor 500 Jahren rief: »Die Herren machen es selber, dass ihnen der arme Mann Feind wird.« Auch die Schwaben hatten im Bauernkrieg die Zügelung der Gutsherren verlangt. Ebenso die Latinos vor 50 Jahren gegen die Latifundistas. Das wurde aber alles abgeschmettert, weil das Recht immer und überall dem Willen der Herrschenden dient. Nein, dieses Unrecht wäscht kein Regen von der DDR ab. Schon die Vorstellung, wie die Nussbaum-Täfelung im Schloss leidet, wenn der Kindergarten darin rumtobt! Frau Gräfin hatte immer zu Weihnachten Mützchen und Handschuhe an ihr Gesinde verteilt, damit die Gören auch draußen spielen können. Der Zimmermann Bruno Folchert musste endlich einsehen, dass die primitive Logik, wonach der Boden jenen gehört, die darauf arbeiten, zu primitiv für einen Rechtsstaat ist. Es waren doch die adligen Ritter, die einst mit Schwert und Bibel den Slawen das Land abgejagt hatten. Die Alteigentümer als Glücksritter der Neuzeit haben Fördermittel für die Renovierung ihrer Schlösser erhalten. Und der Bau von Kindergärten wurde jetzt zum Herzensanliegen der Kanzlerin und von Frau von der Leyen. Bruno und seine Neubauern mögen sich als Mahnung den Spruch des Kutschers an die Wand hängen: »Unrecht Gut gedeihet nicht!«