Disput

Die Welt erkennbar halten

Roland Steckel, vor einem Vierteljahrhundert aktiv im Neuen Forum und seit einem Jahr in der LINKEN

Du standest vor 25 Jahren in Opposition zur herrschenden SED-Politik, wolltest grundlegende demokratische Veränderungen, warst einer der Mitbegründer des Neuen Forums und von Bündnis 90 in Sachsen und du hast dich selbstverständlich an den legendären Montagsdemonstrationen in Leipzig beteiligt. Was hatte dich vorher geprägt?

Zum einen die Geschichte meiner Familie, was zu erläutern hier zu weit führen würde. Zum anderen bin ich nachdenklich geworden, als ich mit 18 Jahren zur Armee kam und an der Mauer eingesetzt wurde. Da ist mir die Gefahr des Militärischen, dass man zu Dingen gezwungen ist oder Dinge passieren können, die man eigentlich nicht will, bewusst geworden. Deshalb wurde ich einer, der grundsätzlich was gegen das Militärische hat – denn es löst keine Probleme, sondern verschiebt oder verschärft sie immer nur. Aus diesen Gründen wurde ich aufmerksam für die Dinge, die bis in die Familien hinein durch politischen Irrsinn verursacht werden können.

Beruflich ist ein Metallbildhauer aus dir geworden, der ehrenamtlich viel mit Kindern arbeitet. Was war dein erster Berufswunsch, sollte es schon immer die Kunst sein?

Ich hatte ein paarmal Mittelohrentzündung; ich lag darnieder und fing an zu zeichnen. Und um dann materiell was zu machen, ist das in Richtung Kunstgewerbe gegangen, worüber sich Verwandte und Freunde gefreut haben, wenn man ihnen was gab. Daraus entstand eine gewisse Produktion und Eigenständigkeit; ich habe mich schon frühzeitig selbst getragen. Aus dieser Produktivität heraus entstand dann der Wunsch, auch etwas kreativ Produktives zu machen.

Außerdem war ich verliebt– ganz platonisch – in eine Schulkameradin, die zur Burg Giebichenstein, zur Hochschule für industrielle Formgestaltung, ging. Also dachte ich mir: Da musst du auch hin!

Zum Stellenwert von Kunst: Wie empfindest du die Unterschiede zwischen der DDR-Zeit und jetzt?

Ich denke, dass Kunst eine friedliche Weiterbildungsmöglichkeit ist, eine Informationsquelle, ein Genussmittel. Und dass Kunst, weil der Mensch ein gesellschaftliches Wesen ist, mit der Gesellschaft verbunden sein sollte, erkennbar und hilfreich für viele.

Die DDR hatte ein bisschen zu viel Zwang zum Realismus, währenddessen jetzt manchmal geradezu »Realismuszensur« stattfindet. Das ist so das andere Extrem. Durch den gesellschaftlichen Wandel sind wir zu stark von einem Extrem in das andere übergegangen.

Hat sich die Wertschätzung von Kunst verändert?

Sie hat sich verstärkt. Kunst hält den Menschen tätig, kreativ und human. Das ist auch mein pädagogischer Ansatz: Menschen zu Erfolg zu führen durch sich selbst, ihnen nur einen Stups zu geben.

Jeder Mensch hat Talent, und das Maß an Energie, das man zum Fördern von Talent braucht, ist ungefähr genauso groß wie das, was man braucht, um es endgültig zu verschütten. Es kommt auf den ersten Vorgang an. Die Jugendlichen, die hier mit mir Metallbildhauerei gemacht haben, hatten vorher noch nie Metall in der Hand. Und trotzdem haben sie alle einen riesigen Erfolg erzielt. Alle haben etwas fertiggestellt. Ich sorge dafür, dass es nicht elitär, sondern gleich zugeht. Und die Sehnsucht, mal Erfolg zu haben durch eigene Energie, die bleibt.

Diese Sehnsucht nach Erfolg aus eigener Kraft, siehst du die auch in unserer Partei?

Ich bin ganz bewusst, im Oktober 2013, in DIE LINKE eingetreten. Diese Partei ist nicht nur eine demokratische Bereicherung Deutschlands.

Heimat ist etwas, das durch Verlust erst sichtbar wird. Ich will damit sagen, dass diejenigen, die immer nur siegen, sich gar nicht verändern oder dadurch verstehen können, worum es wirklich geht. Und so sieht das alltäglich aus. Ohne DIE LINKE in Fraktionsstärke im Bundestag würde es ein unvorstellbares Stühlerücken nach rechts geben.

Die Gefahr dieses Stühlerückens nach rechts besteht bereits – wir haben es bei den Europa- und Landtagswahlen gesehen. Was kann man aus deiner Sicht dagegen tun?

Jeder kann an seinem Platz dafür sorgen, dass er sich nicht verwirren, vernebeln und verkitschen lässt von falschen Bedürfnissen und hochglanzpolierten Oberflächen, und versuchen, ein bisschen mitzudenken.

Was ist für dich links?

Die Welt erkennbar zu halten für viele, sie nicht nur für Eliten handhabbar zu machen.

Gab es einen konkreten Anlass für dich, in DIE LINKE einzutreten?

Es gab schon mehrere Anlässe, wo ich versucht war und ich beobachtete.

Ich bin 1998 bei den Grünen ausgetreten, weil ich denke, dass eine politische Gruppierung verpflichtet ist, den Menschen zu sagen, wie die Lage ist, und nicht rumzutricksen. Leider sind wir in eine Welt geraten, die hunderte Klauseln, Ausnahmen und Hintertürchen aufbaut, um nicht konsequent aus der Geschichte zu lernen. Und auf dem Wege droht manches, sich zu wiederholen. In Buchenwald, in der KZ-Gedenkstätte, steht im Gästebuch: »Es wird sich alles wiederholen.« Ich will aber keinen Pessimismus verbreiten.

Ich wollte schon in die Partei eintreten, als gegen Bodo Ramelow Geheimdienstaufsicht geübt wurde und als gegen Stefan Heym drei Stunden vor seiner Rede als Alterspräsident des Bundestages irgendwas gegen ihn gesucht wurde. Wir leben eben auch mit Menschen, die versuchen, jemanden, der unangenehme Wahrheiten nennt, zu diskreditieren.

Du hast damals geschrieben: »Die DDR sollte vorerst einmal einer vernünftigen, demokratischen und wirtschaftlichen Generalreparatur unterzogen, nicht gleich aufgelöst werden.« Auch wenn nicht wenige genau diesen Wunsch hegten, so ging es mit der Wiedervereinigung dann doch sehr schnell.

Die Auflösung dieses Gleichgewichts bekommt uns auch nicht. Es hätte durchaus das Gute von Ost und West fusioniert werden können und Deutschland würde dann ganz anders dastehen. Mit einer wirklichen Verfassung – einer neuen – , die bitter nötig ist, und einem wirklichen Friedensvertrag, der wirklich nötig ist. Und wir würden auch nicht wieder ins Kielwasser von Menschen geraten, die ihren Kurs mithilfe militärischer Mittel durchzusetzen versuchen. Denn das ist eindeutig der Fall.

Du schreibst auch von der »Selbstfindung des ostdeutschen Bewusstseins«. Was verstehst du darunter?

Die Menschen in Ostdeutschland haben die Widersprüche gemerkt und waren der Meinung, dass sie ihre individuelle Vernunft einbringen müssen, um das Ganze vernünftiger zu machen. Dieses Zutrauen an die Zeitgeschichte hatten sie. Ist dieses Zutrauen jetzt noch so da? Das bezweifele ich sehr. Wesentliche Dinge, die alle betreffen – wie die Einführung finanztechnischer Dinge, die Einführung des Euro, militärische Außeneinsätze, die Bewaffnung, Drohnen –, werden eingeführt ohne Volksbefragung. Das lässt natürlich diesen Willen, sich einzubringen, bei vielen Menschen gefrieren und erstarren.

Wo siehst du im Moment die krassesten Widersprüche?

In der erneuten Salonfähigkeit des Militärischen, die der Westen glaubt zu brauchen. In der Nichtklärung und Nichtuntersuchung weltverändernder Ereignisse, in dem Mangel an Suche nach öffentlicher Wahrheit als Grundlage für Freiheit überhaupt. Ohne die aufrechte Suche nach Wahrheit werden wir jede Freiheit wieder verlieren. Und auf dem Wege sind wir. Da gibt es zum Beispiel einen riesigen Nebel um den NSU-Ausschuss und um die NSA. Wir haben doch nicht Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet, um militärische Instrumente wieder für einsatzfähig zu halten. Wir haben auch nicht Bespitzelungsdienste abgerüstet, um in ganz neue totalitäre Bespitzelungsdienste zu fallen. Bespitzelungsterror zum Kampf gegen Terror – was ist denn das? Eine Katastrophe. Dagegen war die Stasi ja ein Kindergarten.

Alle diese NSA-Daten können ja gar nicht ausgewertet werden. Das dient doch nur dazu, eine angstgesteuerte Gesellschaft aufzubauen. Eine Gesellschaftsstruktur zwischen Herrn und Untertan wollen sie errichten durch die Angst, die die Kommunikation verhindern soll und den Dialog, durch den wir überhaupt erst zu gesellschaftlichen Veränderungen gekommen sind. Es kommt darauf an, dass der Bürger mündig bleibt und nicht zugemöbelt wird mit einer Lautstärke und einem Kitsch, der ihm jedes Denken beseitigt bzw. gefährdet.

Stichwort Regierungsbeteiligungen: Du hast mal geschrieben, »Regierungsbeteiligungen dürfen keine Grundwerte zum Preis haben – eine gute Opposition regiert mit«. Wie sieht das für dich aus, und was erwartest du von einem möglichen ersten LINKEN Ministerpräsidenten in Thüringen?

Kompromisse sind nötig, wenn man mit Menschen klarkommen will. Kompromisse sollten dabei keine Grundwerte beschädigen.

Welche sind für dich unverrückbar?

(lacht) Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Hinter diese historischen Ergebnisse der Revolution von vor 225 Jahren sind wir weit zurückgefallen. Das ist eine Katastrophe. Wenn wir wenigstens wieder das erreichen, wenn wir die Wiederherstellung des Grundgesetzes erreichen, von dem dauernd mit Ausnahmen abgewichen wird, wäre ich schon einverstanden.

Natürlich brauche ich Mehrheiten, um bestimmte Beschlüsse und Anträge durchzukriegen. Jeder muss begreifen, dass es da keinen Idealzustand gibt. Wer das fordert, ist unrealistisch.

Wäre Mitregieren prinzipiell eine gute Sache?

Auf jeden Fall, das ist jetzt unbedingt mal dran.

Ich habe eine Verwaltungsklage gegen das D'Hondtsche Zählsystem gestartet. Ein Kernpunkt von '89 war die Forderung nach freien Wahlen. Aber D'Hondt macht die Wahlen unfrei. Es verstärkt die großen Parteien und mindert die kleinen Gruppierungen.

Der Reichtum des Volkes besteht in seiner Vielfalt, nicht in seiner Einfalt. Das war eine Parole von ‘89. D'Hondt verfälscht die Wahlen total. Besonders bei Kommunalwahlen, weil die ja meist durch bestimmte Personen charakterisiert sind. Wo es Offenheit gibt, wirkt das belebend. Und dann wirkt das auch klärend, weil man dann miteinander spricht, und dann wird auch ein Weg gefunden. Der »Runde Tisch« von 1989 – das waren ja keine Profis – hat doch nachgewiesen, dass das Volk nach einer kurzen Einarbeitung sehr wohl fähig ist, Dinge selbst zu lösen und zu beantworten.

Eine Frage, die fast jeder sofort und ohne nachzudenken beantworten kann: Wo warst du, als die Mauer fiel, was hast du dabei empfunden?

Ich war total schockiert. Als Soldat hatte ich immer gehört, was da so los war. Und ich bin ja auch exmatrikuliert worden – wegen etwas ganz Banalem, aber Politischem. Trotzdem bin ich der DDR nicht so böse angesichts der Spielchen, die jetzt laufen. Ich war total schockiert, weil ich gewusst habe, wie viele Biographien zerstört wurden, um diese Abtrennung herum, auf beiden Seiten. Die Akten hätten nicht einseitig in politisch eindeutiger Absicht geöffnet werden sollen, sondern beidseitig. Dann hätte sich das Schwarz-Weiß-Denken für immer verabschieden können. Das Ganze wird ja immer nur funktionalisiert, einseitig. Und auch jetzt werden in dieser Welt Mauern errichtet, zehn Meter hoch. Da sterben täglich viele, sehr viele. Vorsicht mit Schuldzuweisungen! Die sollen nur ablenken.

Um wieder einen Bogen zurück zu dir zu schlagen: Was hast du dir als Nächstes vorgenommen, was wird das nächste Projekt – wir machen ja alle heutzutage immerzu »Projekte«?

Als Nächstes kommt eine Ausstellung mit Metallbildern im weitesten Sinn von den Jugendlichen hier aus den letzten zehn Jahren. Das sind so drei- bis vierhundert Repros und Originale, die sichtbar werden lassen, dass man nicht Spezialist sein muss und dass man mit Menschenliebe viel erreichen kann. Manche der Kinder studieren später sogar Kunst – da gab es schon einige. Ich wünsche den Kindern, dass sie an die Erkennbarkeit der Welt glauben und an die Gestaltbarkeit der Welt.

Was bedeutet Glück für dich?

Zu lieben und geliebt zu werden – im weitesten Sinne.

Interview: Antje Kind

Roland Steckel ist freiberuflicher Metallbilderhauer aus Markranstädt, geboren am 27. Juni 1948, verheiratet, drei Kinder. Er machte 1967 seinen Facharbeiter als Maschinenbauer. Er leistete ab 1967 zwei Jahre Grundwehrdienst mit Einsatz an der innerdeutschen Grenze und studierte von 1970 bis 1975 an der Hochschule Burg Giebichenstein für Formgestaltung in Halle (Sektion Angewandte Kunst, Metallgestaltung). Nach seiner Exmatrikulation arbeitete er als Ofenheizer im Kino Markranstädt: »Ein Heizer, der den Heizkeller renovierte und dort am Schreibtisch saß, das Kino sicher warm hielt und mit den Schulklassen nach den Filmen Bilder malte«.