Disput

Zeitnah

Das kleine Blabla

Von Daniel Bartsch

Hurra, Frühstück am Sonntagmorgen: Kaffee, Brötchen und Eier sind ausnahmsweise mal gleichzeitig fertig. Ich genieße und höre Nachrichten: »… werden zeitnah zu einer Lösung kommen.« Sicher könnte es mal wieder um die Rentenangleichung zwischen Ost und West gehen. Gleich schalte ich den Zwischenrufer aus der Nachrichtenredaktion ab.

Fern die Tage, in denen »zeitnah« noch keine Rolle spielte. Jetzt ist immer alles zeitnah, was zwischen gleich und irgendwann mal passiert - solange der Kalender nur den Hauch eines Zusammenhangs zwischen Ankündigung und Tat erkennen kann (siehe Rentenangleichung Ost und West). Dabei lässt das Wort fröhlich Distanzen schrumpfen, wenn man den Maßstab im Auge behält. Blickt man auf das Universum in zeitlicher Gänze so darf man getrost formulieren: Es gab den Urknall, und zeitnah wälzten sich Mikroben durch den Karst.

Das Schrumpfen des Zeitraums zwischen Ankündigung und Vollzug - dieses »Zeitnah« - baut Politikern eine willkommene Brücke so stabil wie der Rügendamm. »Da kümmern wir uns zeitnah drum!«, kann schon mal Legislaturperioden überdauern. Und ist im Ganzen bestenfalls so viel wert wie mein »gleich«, wenn Mama bat, den Müll runterzubringen. Und es wird noch bekloppter: Von dem in der Grammatik als Determinativkompositum geführten Wort lässt sich auch noch der Superlativ bilden: am zeitnächsten. Ich wusste es immer: Manches ist gleicher als gleich. Noch schneller als sofort, vermutlich.

Ein Roman von Michael Ende beschreibt, wie das Mädchen Momo den Menschen die von den grauen Herren gestohlene Zeit zurückbringt. In meiner Fantasie hält sie in ihren Händen das Wörtchen »zeitnah« - dreht es, wendet es, beguckt es laaaange von allen Seiten … und lässt es als unbrauchbar und unnütz zurück. Das wäre schön. Auf bald!