Disput

Die erste Internationale

Vor 150 Jahren wurde in London die Internationale Arbeiter-Assoziation gegründet

Von Ronald Friedmann

Am 28. September 1864 trat in der Londoner St. Martin's Hall der Gründungskongress der Internationalen Arbeiter-Assoziation zusammen, die sehr bald als Erste Internationale bekannt wurde. Die mehr als 2.000 Teilnehmer waren aus Frankreich, England, Irland, Italien, Deutschland, Polen und der Schweiz gekommen.

Erste Pläne, einen internationalen Dachverband der Arbeitervereinigungen in aller Welt zu schaffen, waren bereits zwei Jahre zuvor, am Rande der Weltausstellung in London, beraten worden. In diesen Plänen kam die Erkenntnis zum Ausdruck, dass die kapitalistische Gesellschaft einen internationalen Charakter hatte und deshalb auch die Arbeiterbewegung, die den Kapitalismus überwinden wollte, einen internationalen Charakter haben musste. Im November 1863 wandten sich englische Gewerkschaftsfunktionäre an ihre französischen Kollegen: »Die Vertreter Frankreichs, Italiens, Deutschlands, Polens, Englands, ja aller Länder, wo sich ein Wille zum Wohle der Menschheit regt, sollen zusammentreten […] Laßt uns unsere eigenen Kongresse haben! Laßt uns über die großen Fragen sprechen, von denen der Friede der Völker abhängt!« In der französischen Antwort vom April 1864 hieß es, die »Arbeiter aller Länder [müßten] sich vereinigen, um einem verhängnisvollen System eine unüberwindliche Schranke entgegenzusetzen.« Sie schloss mit der Aufforderung: »Retten wir einander durch Solidarität!«

Der Londoner Gründungskongress beschloss nach einer lebhaften Debatte, das französische Antwortschreiben zur vorläufigen programmatischen Grundlage zu machen: »Da [… dieses] Programm von Vorteil für das arbeitende Volk ist, akzeptieren wir es als Grundlage einer internationalen Vereinigung und beauftragen hiermit ein Komitee mit der Vollmacht, weitere Mitglieder zu ernennen und Statuten und eine Geschäftsordnung einer solchen Assoziation zu entwerfen.«

Zu dem 32-köpfigen (provisorischen) Generalrat, der in London gewählt wurde, gehörte Karl Marx. »Marx«, so schrieb Franz Mehrung in seiner 1918 verfassten Marx-Biographie, »dachte von seiner wissenschaftlichen Arbeit hoch genug, um sie aller Vereinsspielerei voranzustellen, die von vornherein aussichtslos erschien, aber er schob sie gern zurück, wo nützliche Arbeit für das Proletariat zu verrichten war. Diesmal erkannte er, dass ›wirkliche Mächte‹ im Spiel waren.«

Ende Oktober 1864 legte Marx seinen Entwurf der Statuten und der »Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation« vor, die am 1. November 1864 vom Generalrat mit geringfügigen Änderungen einstimmig beschlossen wurden.

In der Inauguraladresse, einer Art Prinzipienerklärung, hatte Marx die Eroberung der politischen Macht zur »großen Pflicht der Arbeiterklassen« erklärt. Vor allem aber warnte er davor, dass die »Mißachtung des Bandes der Brüderlichkeit, welches die Arbeiter der verschiedenen Länder verbinden und sie anfeuern sollte, in allen ihren Kämpfen für Emanzipation fest beieinanderzustehen, [… unvermeidlich] die Vereitlung ihrer zusammenhangslosen Versuche« durch die herrschenden Klassen zur Folge hätte.

Marx forderte, anders als Lenin knapp sechzig Jahre später im Hinblick auf die Dritte, die Kommunistische Internationale, zwar eine zentrale, aber eben keine zentralistische Führung der lokalen Arbeiterorganisationen. Trotzdem rief er so den massiven Protest der Anarchisten hervor, die jede Form einer zentralen Führung prinzipiell ablehnten.

Die Auseinandersetzungen zwischen Marx und seinen Anhängern auf der einen und den Anarchisten, ab 1868 unter dem maßgeblichen Einfluss von Michail Bakunin, auf der anderen Seite bestimmten den gesamten weiteren Weg der Internationalen Arbeiter-Assoziation: Konnte man sich im September 1867, auf dem Kongress in Lausanne, noch auf den Kompromiss einigen, dass »die soziale Emanzipation der Arbeiter unzertrennlich von ihrer politischen Emanzipation ist«, so wurde spätestens mit den zwei getrennten Kongressen im September 1873 in Genf endgültig klar, dass der Zerfall der Ersten Internationale nicht mehr aufzuhalten war.

Trotz ihrer kurzen, nur neunjährigen Existenz war die Internationale Arbeiter-Assoziation eine wichtige und notwendige Etappe in der Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung, denn sie lieferte nicht zuletzt die Erkenntnis, dass eine politische Organisation ohne wirkliche Klarheit über Weg und Ziel auf Dauer nicht bestehen kann.