Disput

Ändere die Welt!

Wenn nach Leipzig, dann zur Buchmesse. Eine kleine Nachbetrachtung

Von Gert Gampe

Die Aufforderung »Ändere die Welt!« war natürlich nicht der Titel der alljährlichen Buchmesse in Leipzig, die unbestritten ein kulturelles Großereignis ist, welches immer mehr Menschen anzieht. Die Bilanz mit über 250.000 BesucherInnen bei »Leipzig liest« - Europas größtes Lesefest - und über 180.000 auf der Messe selbst Mitte März ist beeindruckend. Was macht die Faszination aus?

Die Popkultur, der Mainstream sagt, das Buch ist out. Blogs, Shitstorms, sogenannte Netzwerke feiern sich. Dann kann Leipzig nur ein besonderer Ort sein, wo »andere Regeln« herrschen und das Marketing ideenreich und klug arbeitet.

Unangefochten war Leipzig über zwei Jahrhunderte die deutsche Buchhauptstadt, bis 1943 das grafische Viertel zerbombt wurde. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels wurde hier gegründet, wichtige Buchmessen fanden statt, die erste Nationalbibliothek entstand, und wichtige Verlage hatten in Leipzig ihren Sitz. Hier wurden und werden Drucker, Gestalter und Händler ausgebildet. In der DDR war Lesen Pflicht und Kür. Bücher waren nicht nur gut gestaltet, sondern erschwinglich für jedermann. Aber nicht jeder Autor wurde gedruckt. Nach der Wende gelang es Leipzig wieder, den Vorhang für Bücher, Büchermacher und Leser/innen weit zu öffnen und speziell als Verbrauchermesse junge und ältere Leser/innen anzusprechen und eine Vielzahl von Verlagen und relevanten Firmen (2.263 Aussteller aus 42 Ländern) sowie über 3.000 Mitwirkende in 3.200 Veranstaltungen zu präsentieren.

Für den Erstbesucher etwas irritierend sind die mehr als 90.000 Mangabesucher/innen, aufwendig kostümiert und schrill anzusehen. Das ist schon ein besonders gelungener Spagat, die Comic- und Mangaszene mit ins Boot zu nehmen, auch wenn sperrige Kostüme in der Straßenbahn die Anreise zur Messe oft erschweren.

Man hätte annehmen können, dass die diesjährige Messe, die sich jedes Jahr einen Schwerpunkt setzt, sich dem 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus widmet. Das Thema Krieg und Frieden ist in der Literatur ein fester Bestandteil, immer aktuell und auch eine Erwartung. Diesem Thema ist man ausgewichen.

50 Jahre deutsch-israelische diplomatische Beziehungen haben 40 Autoren aus beiden Ländern zu Wort kommen lassen. Russland war mit nur zwei Verlagen vertreten, die Ukraine nicht dabei. Das neue Format »Die Unabhängigen« brachte frische Luft in die Messehallen und Lesecafés mit konzernunabhängigen Verlagen und schrägen Autoren, die dann schon wieder die Popkultur bedienen.

Politisch wird in Leipzig immer gedacht, und so verwundert es nicht, wenn mit geballter Ladung, mit einem Sonderstand der Bundesregierung, der Bundeszentrale für Politische Bildung und anderen, »25 Jahre deutsche Einheit« präsentiert wird und massenhaft bunte Broschüren verteilt werden. Glücklicherweise bewegen sich die Lesungen und Gesprächsforen dann wieder in einer widersprüchlichen Realität. Und so schätzt das Publikum den Talk mit Gregor Gysi und Friedrich Schorlemmer zu ihrem Buch »Was bleiben wird« oder auch eine »Versteh-Debatte« zu Russland mit Gabriele Krone-Schmalz.

Die Leipziger Lesenacht ist mein Favorit, weil, meist bei freiem Eintritt, tolle Autorinnen und Autoren auftreten, selbstverständlich signieren und inzwischen auch für Selfies zur Verfügung stehen. Volker Braun und Günter Grass in der Universitätsbibliothek, Flake, der sogenannte Tastenficker von Rammstein, im interessantesten Studentenklub der Republik, der Moritzbastei, Jussi Adler-Olsen mit dem neuesten Krimiwerk oder Jochen Distelmeyer von Blumfeld. Das Angebot ist bunt, vom Sachbuch bis Ratgeber, an insgesamt 410 oft spektakulären Orten öffnet sich Leipzig der Literatur und dem Publikum.

Und da war da noch der Mann mit über 5,5 Millionen Euro Schulden (Prozesskosten gegen Konzerne), 80 Jahre alt und voller Energie, um mit friedlichen Mitteln, Verweigerung und internationaler Solidarisierung die »kannibalistische Weltordnung zu stürzen«. Er braucht natürlich Mitstreiter/innen, um die Welt zu ändern, die Verteilungsverhältnisse zu demokratisieren und gegen den Welthunger anzugehen. Daher sieht Jean Ziegler sein Buch »Ändere die Welt« als Waffe in diesem Kampf. Auf die Frage, was es bisher gebracht hat, sich gegen Globalisierung aufzulehnen, sagt er mit Brecht: Ohne uns hätten sie es leichter gehabt. Und er bleibt unermüdlich unterwegs in unserer Sache, in Leipzig von Lesung zum ND-Stand und immer weiter.

Und dann wechsle ich die Lesebühne zum Rammstein-Keyborder Flake, »Der Tastenficker«, und staune über die Lebensbetrachtungen eines Träumers und »Schiefdenkers«, seinen sympathischen Umgang mit der DDR-Geschichte und den gewonnenen Erkenntnissen im realen Unterhaltungskapitalismus: »Ich finde, dass es im Leben nicht unbedingt wichtig ist, der Beste zu sein …«.

Fazit: Wenn nach Leipzig, dann zur Buchmesse, und wenn schon, denn schon - dann als Kollektiv. Dann kann man die gekauften Bücher untereinander austauschen und hat bei strategischer Beratung oder Brainstorming bestimmt anregende Ideen.