Disput

Aus Feinden wurden Freunde

John B. Emerson, Botschafter der Vereinigten Staaten in Deutschland, zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges

John B. Emerson: 61, Wirtschaftsanwalt und seit August 2013 der Botschafter der Vereinigten Staaten in Deutschland. 1997 bis Juli 2013: Präsident von Capital Group Private Client Services, eine der größten Investmentgesellschaften. 1993 bis 1997: hochrangiger Mitarbeiter im Stab von Präsident Clinton. 2010: Berufung durch Präsident Obama in das Beratungskomitee des Präsidenten für Handelspolitik.

In den Annalen der Geschichte ist die Tragödie des Zweiten Weltkrieges ohnegleichen. Millionen Soldaten und viele, viele weitere Millionen unschuldiger Zivilisten kamen während dieses Konfliktes ums Leben. Aber trotz des unsäglichen Leids der Völker und Nationen, trotz der unvorstellbaren Opfer der Alliierten und der unbeschreiblichen Zerstörung überall in Europa und Asien war unsere Beteiligung am Zweiten Weltkrieg eine Notwendigkeit. Das Dritte Reich und die Achsenmächte zu besiegen, war keine Garantie für Freiheit und Gerechtigkeit, aber unter Hitlers verheerender Herrschaft und solange große Teile Europas, Asiens und Nordafrikas unter Unmenschlichkeit und Tyrannei litten, wäre niemand wirklich frei gewesen.

Am 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges blicken wir nicht nur zurück, sondern auch in die Zukunft, damit wir aus der Vergangenheit lernen können, unseren Zusammenhalt gegen Aggressionen und für die Verteidigung der unveräußerlichen Rechte aller Menschen zu stärken.

In den vergangenen 70 Jahren wurden aus Feinden Freunde, die lernten, zusammenzuarbeiten. Dieser Prozess war - und ist - weder einfach noch unausweichlich, wie der Verlauf unserer gemeinsamen Geschichte gezeigt hat.

Zwei Ereignisse, die nicht nur auf die transatlantischen Beziehungen, sondern auch auf die Dynamik der Weltordnung maßgebliche Auswirkungen hatten, waren die friedliche Revolution, die zum Fall der Berliner Mauer führte, und die Wiedervereinigung Deutschlands. Sie gaben der Vorstellung von einem geeinten, freien und in Frieden lebenden Europa, die sowohl europäische als auch amerikanische Staats- und Regierungschefs - und die Bürger ihrer Länder - jahrzehntelang geleitet hat, Gestalt und Form.

In den entscheidenden Wochen und Monaten nach dem Fall der Berliner Mauer traf Präsident George H. W. Bush drei wichtige Entscheidungen, die die US-Außenpolitik bis heute genauso beeinflussen wie Entscheidungen, die seine Vorgänger nach dem Zweiten Weltkrieg getroffen haben. Erstens sprach er sich für die Wiedervereinigung Deutschlands aus. Zweitens unterstützte er die Europäische Union - eine Gemeinschaft, die auf politischer und wirtschaftlicher Integration beruht und die sich nicht über Krieg, sondern über Frieden definiert. Drittens wollte er positive und konstruktive Beziehungen zu einem neuen Russland aufbauen.

Ein Rückblick auf die prägenden Ereignisse der Geschichte zeigt, dass Einigkeit angesichts großer Widrigkeiten auch heute noch von grundlegender Bedeutung ist. Keine Nation hätte den Faschismus allein besiegen können. Das Ende des Kalten Krieges wurde allein durch die Entschlossenheit der Völker Osteuropas herbeigeführt, ohne dass auch nur ein Schuss abgegeben wurde.

Wir stehen neuen Herausforderungen gegenüber, die eine weltweite Zusammenarbeit und globale Lösungen erfordern. Gemeinsam müssen wir uns gegen Aggression, Terrorismus, Intoleranz, Bigotterie, Krankheit, Hungersnöte, Armut und Verzweiflung erheben, und gemeinsam müssen wir danach streben, eine Welt zu schaffen, in der alle Menschen wirklich gleichberechtigt sind.

Wir sollten an diesem feierlich begangenen Jahrestag aus der Geschichte lernen und uns daran erinnern, dass wir ihren Verlauf für zukünftige Generationen zum Besseren wenden können.