Disput

Der entscheidende Beitrag

Wladimir Michailowitsch Grinin, Botschafter der Russischen Föderation, antwortet auf Fragen von »DISPUT«

Wladimir Michailowitsch Grinin, 67, ist seit 2010 Botschafter in Deutschland, zuvor Botschafter in Österreich, Finnland, Polen. 1973-1980: Mitarbeiter der UdSSR-Botschaft in der BRD, 1986-1992: Botschaftsrat, Abteilungsleiter der UdSSR-Botschaft in der DDR, ab 1990 der Botschaft der UdSSR / der Russischen Föderation in der BRD.

Was bedeutete der Große Vaterländische Krieg für Russland bzw. die UdSSR?

Ins Bewusstsein der überwiegenden Mehrheit der Menschen, insbesondere derer, die den Krieg unmittelbar erlebt haben bzw. mit seinen Folgen konfrontiert wurden, brannte sich jener Krieg als die schrecklichste Tragödie ein, die unsere Nation je heimgesucht hat. Denn die Nazis hatten unserem Land eine vollständige Vernichtung zugedacht. Die Städte wie Moskau, Leningrad, Kiew sollten dem Boden gleichgemacht werden. Auf dem Gebiet der damaligen UdSSR wollte man vier Reichskommissariate, eine Art Provinzen, einrichten. Wie von nationalsozialistischen Befehlshabern vorgeschrieben, wurde das mit unmenschlicher Grausamkeit realisiert. Auch in den Richtlinien für Wehrmachtsoldaten und -offiziere wurde explizit zum Mord an allen Sowjetmenschen, einschließlich Frauen und Kinder, aufgefordert. Die Überlebenden sollten versklavt werden. Diese faschistische Invasion kostete unser Land fast 27 Millionen Menschenleben, ca. 30 Prozent des nationalen Vermögens, ganz zu schweigen von den Folgen, die diese Tragödie für das Volk und das Land hatte.

Gleichzeitig wird jener Krieg als die größte Heldentat unseres Volkes, unseres Landes, unserer Armee wahrgenommen. Und das stimmt auch. Wir konnten nicht nur unsere Unabhängigkeit verteidigen, sondern den entscheidenden Beitrag zur Rettung der ganzen Menschheit vor der braunen Pest leisten.

Heutzutage wird in der Öffentlichkeit fast nicht daran erinnert, dass nach der Zerschlagung unseres Landes, wofür maximal fünf Monate vorgesehen waren, auch andere Länder erobert werden sollten. Afghanistan wäre dran gewesen. Man wollte eine Großoffensive gegen Indien, englische Kolonien und einige unabhängige Länder im Mittelmeerraum und den Nahen Osten starten. Gefolgt wäre die Invasion auf die Britischen Inseln und dann Hand in Hand mit der japanischen militaristischen Maschinerie vielleicht auch auf dem amerikanischen Kontinent. Und das alles im Zeichen der Überlegenheit der arischen Rasse und einer keinen Widerstand duldenden Durchsetzung der faschistischen Ideologie.

Welche Lehren aus dem opfer- und siegreichen Kampf gegen den Faschismus sind für die Gegenwart wichtig?

Diese Lehren sind sehr zahlreich. Ich möchte hier jedoch die aus meiner Sicht wesentlichsten herausgreifen.

Keineswegs darf man weniger wachsam werden und in den Anstrengungen gegen Entstehung und Verbreitung von Ideologien nachlassen, die wenn auch kleinste Möglichkeit ihrer gewaltsamen Durchsetzung zulassen. Bedauerlicherweise ist dieses Problem nach wie vor präsent und spitzt sich gar zu.

Es gilt, Fehler der Vergangenheit zu erkennen und diese kontinuierlich zu überwinden. Insbesondere gilt das für die Ansprüche auf Exklusivität und Hegemonie. Vor allem in der Zeit, wenn sich eine multipolare Welt herauskristallisiert und neue Machtzentren entstehen, ist das wichtig. Der Wettbewerb bleibt ja nicht aus. Doch entfalten müsste sich dieser durch Entdeckungen und neue Entwicklungen und keineswegs durch versuchte Zurückdrängung bzw. Unterdrückung.

Man muss einander die Hand ausstrecken, Kooperationsmöglichkeiten suchen und dabei auch an die Vervielfältigung globaler Herausforderungen denken. Diese reichen vom Klimawandel über Epidemien bis hin zum grenzüberschreitenden Terrorismus und zur Entstehung der besagten neuen Formen ideologischen Obskurantismus. Im Alleingang und auch in einzelnen Staatengruppen wird man diese Herausforderungen nicht bewältigen können.

Im Prinzip gilt das Gleiche auch für die Gewährleistung der Sicherheit in Europa und im euroatlantischen Raum, ja in der ganzen Welt. Noch lange bevor der Erste Weltkrieg ausbrach, hatte Russland auf führende Weltmächte einzureden versucht, man müsse vom Recht des Krieges zum Recht des Friedens übergehen; der Frieden könne nur durch gemeinsame Anstrengungen erreicht werden. Es genügt der Hinweis auf die erste und zweite Haager Friedenskonferenz (1899 bzw. 1907), die auf russische Initiative einberufen wurden. Die gleiche Idee wurde auch von der UdSSR in der Zwischenkriegszeit lanciert. Unsere westlichen Partner machten jedoch von verschiedenartigen Tricksereien Gebrauch, indem sie sich unter anderem 1938 auf die Münchner Verschwörung mit Deutschland einließen. Dadurch versuchten sie mit allen Mitteln, der Zusammenarbeit mit uns bei der Gewährleistung der Sicherheit auszuweichen, die Hitler-Horden gegen die Sowjetunion umzukehren und sich dadurch aus dem Visier der Wehrmacht hinauszumanövrieren.

Das Denken in Einflusszonen, das unsere westlichen Partner trotz alledem nicht ablegen konnten, machte es leider nicht möglich, nach der Beendigung des Kalten Krieges ein wahres kollektives Sicherheitssystem zu entwickeln. Ich werde hier nicht alle unsere Vorschläge hierzu wieder aufzählen. Sie sind gut bekannt. Gut bekannt sind auch unsere Anläufe, eine wahre gute Nachbarschaft und Partnerschaft auch in weiteren grundlegenden Bereichen zu knüpfen. Doch aus den gleichen Gründen fielen auch sie dem Vergessen anheim. Es sei wenigstens an die erstarrten Gespräche über vier gemeinsame Räume zwischen der EU und Russland erinnert. Und noch ein Beispiel sei genannt: die nie in die Tat umgesetzte Meseberg-Initiative, die übrigens von der deutschen Bundeskanzlerin angestoßen wurde und sich auf die Einrichtung eines Russland-EU-Ausschusses für Außen- und Sicherheitspolitik bezog. Russlands Außenminister Sergej Lawrow sagte einmal, wenn man dieses Gremium hätte auf die Beine stellen können, wäre es zur augenblicklichen Krise in der Ukraine kaum gekommen.

In Russland pflegt man aber zu sagen, dass die Hoffnung zuletzt sterbe. Deshalb möchte ich auf das in letzter Zeit offenkundig gewordene Interesse einiger westlicher, auch deutscher Politiker hinweisen, die die russische Anregung für einen gemeinsamen wirtschaftlichen und humanitären Raum von Lissabon bis Wladiwostok unter die Lupe nehmen. Dieser muss ohne Zweifel auf gleicher und unteilbarer Sicherheit für alle beruhen. Das stimmt hoffnungsvoll.

Und einen letzten Punkt möchte ich in diesem Zusammenhang ansprechen. Auf keinen Fall dürfen wir zulassen, dass die Geschichte verdreht bzw. manipuliert wird, pseudowissenschaftliche Deutungen historischer Entwicklungen als Deckmantel für abenteuerliche politische Kalküle genutzt werden. Leider ist es so, dass diese Entwicklungen in letzter Zeit nicht nur beobachtet werden, sondern sogar ernsthafte Ausmaße annehmen. Die Menschheit sollte sich deren Schädlichkeit bewusst werden und diese Prozesse rechtzeitig stoppen können.

Was bedeutet dies auch für die Beziehungen zwischen der Russischen Föderation und der Bundesrepublik?

Ich glaube, dass wir den 70. Jahrestag des Endes des Krieges zum Anlass nehmen sollten, uns noch einmal zu erinnern und gründlich über die Ursachen nachzudenken, die zweimal im vergangenen Jahrhundert Russen und Deutsche in zwei schreckliche Gemetzel gestürzt haben - zwei Nationen, die jahrhundertelange gemeinsame Geschichte auch durch Blutsbande miteinander verbunden hat.

Man muss auch darüber nachdenken, wie eine Wiederholung jener Tragödien abzuwenden ist.

Besonders wichtig ist das in der heutigen Zeit. Denn nach meiner Beobachtung wird die ukrainische Krise manchmal mit Anzeichen des Fanatismus, der Besessenheit, der Verblendung vorgetragen bzw. wahrgenommen. Ein Nachdenken darüber ist umso dringlicher, als in manchen Geschichtsforschungen diese noch als schreckliche Faktoren beschrieben werden, die unter anderem zu den Kriegen geführt hatten.

Es gilt auch darüber nachzudenken, dass diese Auseinandersetzung nicht nur für unser eigenes Behagen, für unsere beiden Länder und für unsere bilateralen Beziehungen wichtig ist. Wichtig ist sie für unser aller Wohl. Denn die Geschichte der russisch-deutschen Beziehungen zeigt, dass von dessen Zustand stets viel in Europa abhängig war. Anders gesagt, wir müssen in uns ein Verantwortungsbewusstsein für uns selbst und für die ganze Welt erwecken und für den Zustand unserer Beziehungen Sorge tragen.

Wie sind der Erhalt und die Pflege sowjetischer Kriegsgräber und Gedenkstätten in Deutschland einzuschätzen? Warum sind sie auch künftig wichtig?

Der fürsorgliche Umgang mit sowjetischen Ehrenmalen aus dem Zweiten Weltkrieg auf deutschem Boden spielte eine immense, ja entscheidende Rolle mit, als die Beziehungen zwischen Russen und Deutschen wiederhergestellt wurden. Es gab natürlich auch weitere Faktoren.

Als ein besonders einprägsames und eindrucksvolles Ereignis aus dieser Reihe bleibt allen bestimmt die Wiedervereinigung Deutschlands erinnerlich, die ausschließlich der damaligen Position der Sowjetunion zu verdanken war. Es war fast unheimlich, was für eine Explosion der Sympathie gegenüber unserem Land und unseren Menschen sich in Deutschland ereignete. Ich konnte es mit eigenen Augen beobachten und unmittelbar spüren, denn damals habe ich in Berlin gearbeitet.

Nichtsdestotrotz war es aus meiner Sicht die Pflege der Kriegsgräber und Ehrenmale, die das festigende Element bei diesen Sympathien bildete und wahre Impulse für das Wiederaufleben der Toleranz, der Normalität, für das Einander-ins-Gesicht-Schauen in unseren Beziehungen setzte. Damit war die Grundlage für die Versöhnungspolitik zwischen unseren Ländern gegeben. Zwar mag diese Tätigkeit nicht so sehr auffällig gewesen sein und im öffentlichen Raum keine besondere Aufmerksamkeit erlangt haben. Ihr Übriges haben jedoch menschliche Psychologie, Austausch und Empfindungen, Kontakte zwischen Angehörigen und Verwandten von Millionen Gefallenen bei uns und auch in Deutschland getan. Ich habe gehört und weiß, dass die Pflege der bestehenden Gräber, die Weiterführung der Suche nach Gebeinen der Gefallenen, die Instandsetzung neuer Kriegsgräber, die Identifizierung der Toten das Bewusstsein unserer Menschen, die diese Gräber besuchen, beeinflusst haben und immer noch beeinflussen. Beeinflusst wurde vor allem im positiven Sinne ihre Wahrnehmung der Deutschen und Deutschlands insgesamt. Ich bin sicher, dass Ähnliches auch im Bewusstsein der deutschen Menschen stattfindet, die auch sehr viele deutsche Gräber in Russland besuchen, wo in den letzten Jahren zehn deutsche Sammelfriedhöfe angelegt wurden.

Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, ich war tief erschüttert, als man vor über einem Jahr einen für meine Begriffe entwürdigenden Appell abgesetzt hat, vom sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten in Berlin Panzer zu entfernen. Teilweise wurde das auch in der deutschen Politik unterstützt. Es fällt mir schwer darüber zu urteilen, ob die Initiatoren und Befürworter die Bedeutung dieses Denkmals nicht erkannt oder doch vorsätzlich böswillig gehandelt haben. Man kann nur froh darüber sein, dass die Vernunft gesiegt hat und das »Unterfangen« abgeblasen wurde.

Allen, die sich in dieser Materie nicht besonders gut auskennen, insbesondere jungen Leuten, würde ich sehr empfehlen, einmal den deutschen Sammelfriedhof in Sologubowka bei Sankt Petersburg zu besuchen. Ich habe mich schon mehrfach dazu geäußert. Aber ich finde es wichtig, es immer wieder zu betonen. Vor dem Eingang zu diesem Friedhof der Wehrmacht-Soldaten, deren Gebeine dort nach wie vor gesammelt beigesetzt werden, steht eine russisch-orthodoxe Kirche. Sie wurde von der Wehrmacht als Spital genutzt und bei deren Rückzug in die Luft gesprengt. Doch in unserer Zeit wurde sie mit den Spenden wiederaufgebaut, die vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gesammelt wurden. Ein eindrucksvolleres Zeichen für die Versöhnung zwischen Russen und Deutschen kann man sich schwer vorstellen.

Welche Bedeutung hat der 9. Mai 1945 im heutigen Russland?

Wissen Sie, zu diesem Thema kann man viele Gespräche führen und viel erinnern. Doch mit Blick auf die Tonalität unseres Gesprächs möchte ich nur einen kleinen persönlichen Aspekt einbringen. Mein Vater, der schon längst nicht mehr lebt, hat als Rotarmist den ganzen Krieg mitgemacht. Er hatte eine einzige Trophäe aus jenem Krieg - einen deutschen Soldatenlöffel, den er irgendwo aufgelesen hat. Von Zeit zu Zeit fiel dieser ihm auf. Jedes Mal nahm er den Löffel in die Hand und sagte dann immer wieder: Unter den Deutschen gäbe es doch viele kluge Menschen, so gute Löffel könnten sie machen, handlich und rostfrei.