Disput

Verweigerte Erinnerung

Linke Geschichtspolitik braucht nüchterne Analyse und das Benennen der sozialen Fragen

Von Stefan Bollinger

Muss der 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung feierlich begangen werden, eine deutsche Kanzlerin gar nach Moskau reisen, um die Siegermacht Russland zu ehren? Russland ist heute für die US-Politik, damit auch für die BRD, zu einem Störfaktor geworden, der die 1989/91 eingeleitete Neuordnung Europas und der Welt nicht mehr hinnehmen will, wie die Ukraine-Krise demonstriert.

Diese aktuelle Episode ist Teil des generellen Umschreibens jüngster Geschichte in Bezug auf die östliche Großmacht. Für Berlin geht es um das Schicksal des Vorgängerstaates, der in Blut und Trümmern unterging und nach Auffassung aller alliierten Sieger durch Demilitarisierung, Denazifizierung, Demokratisierung, Dezentralisierung umgebaut werden sollte.

Für radikale Linke und die DDR war es leichter, die Zäsur '45 als Neuanfang zu begreifen. Sie wollten einen Ausbruch aus einem Kapitalismus, der Faschismus mit Terror, Rassenvernichtung und Welteroberungskrieg hervorbrachte. Mit diesem Faschismus wollten verständigere Teile der herrschenden Klasse im Westen angesichts der katastrophalen Niederlage ebenfalls nichts mehr zu tun haben. Auch deshalb ist ihr antifaschistisch-antidiktatorischer Impetus unter Druck alliierter Reeducation (Umerziehung) ernst zu nehmen. Aber es blieb ein Bruch in Methoden imperialistischer Politik, nicht – wie im Osten erstrebt – ein Bruch mit der Kapitallogik.

Das Neuorientieren deutscher Politik blieb eingebunden in die Systemauseinandersetzung, die Zuschreibungen vereinfachte und das konkrete Verhalten der Akteure vorbestimmte: Sie zwang zur Wahl der Gesellschaftsziele, zu Unterordnung und Zuordnung zu den jeweiligen Supermächten – Amerikanisierung versus Sowjetisierung. Schnell waren innenpolitische Frontlinien zu ziehen. Der BRD mitsamt den neuen Verbündeten war klar: Antisowjetismus, Antikommunismus sind für die kurzzeitig ausgegrenzten Elitenangehörigen mit brauner Weste die Eintrittskarte ins bundesdeutsche Sicherheits- und Machtestablisment. Sie wahrten Kontinuität, kaum demokratisch kaschiert. Die Überwindung solcher Tradition dauerte Jahrzehnte und findet oft erst heute in Studien statt, in denen bundesdeutsche Ministerien, Wissenschaftsorganisationen oder Unternehmen sich ihrer unappetitlichen Vergangenheit nach 1945 stellen – mit Grenzen und Rechtfertigungen. Zudem: Alle Beteiligten sind lange tot.

Neuer Blick zurück

Die BRD brauchte im Kontrast zum DDR-Gegenentwurf bis 1985, damit ihre politischen Klasse zur Kenntnis nahm, dass es nicht nur um das Erinnern an eine Niederlage, eine Kapitulation ging. Der konservative Bundespräsident Richard von Weizsäcker damals: »Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg.« Trotz vieler Vorbehalte: »Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.«

Diese neue Sicht war zuallererst Folge einer neuen weltpolitischen Situation. Erfolgversprechende Politik in Zeiten eines neuen Kalten Krieges musste die zarten Pflänzchen der Entspannung hegen und pflegen. Mit der gerade begonnenen Perestroika bot sich – unabhängig von damals noch nicht absehbaren Wendungen – eine solche Möglichkeit, die auch ein korrigiertes Geschichtsverständnis erforderte. Der bislang ungeliebte östliche Sieger wurde ob seines Reformeifers akzeptabler.

Dies ist heute ebenso Geschichte. Wiederum sind 30 Jahre vergangen und die bipolare Welt von Jalta scheint vergessen. Russland bedrohe nun die neue Weltordnung, so die Parole. Wenn Deutschland jetzt in Europa und der Welt führen will, muss es seine Geschichte neu erfinden. Demut ob der Verbrechen ist sicher ernst gemeint, aber ebenso wie in Zeiten des Kalten Krieges interessengeleitet und selektiv.

Sukzessive wird ein Geschichtsbild aufgebaut, das zum neuen deutschen Nationalismus passt. Unter die ungeliebte Vergangenheit ist ein Schlussstrich zu ziehen und neu zu interpretieren:

  • Die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges wird umgedeutet. Das Versagen der westlichen Appeasementpolitik tritt hinter die sowjetische Flucht in die Verträge von 1939 zurück, die allein am fatalen Zweckbündnis zur Abgrenzung von Interessensphären gemessen werden. Moskaus Vorgehen gegen Polen und das Baltikum wird berechtigt angeprangert, das Schicksal der vom Westen zuvor geopferten Spanier und Tschechoslowaken kaum beklagt. Warum auch daran erinnern, dass Hitler zum Krieg gegen die UdSSR ermuntert werden sollte ...
  • Unter Bezug auf den D-Day 1944 wird die Westfront zur entscheidenden Front aufgewertet, vor allem zu Lasten der Ostfront gegen die Sowjetunion, an der die meisten deutschen Soldaten kämpften, an der die größten Verluste zu verzeichnen waren und Sowjetarmee wie sowjetische Zivilbevölkerung in ihrer nationalen Vielfalt von Russen, Ukrainern, Juden, Kasachen, Georgiern usw. unermesslich 27 Millionen Menschen verloren.
  • Betont werden die deutschen Opfer von der versenkten »Gustloff« bis zur Bombardierung Dresdens – nicht als zwangsläufige Folgen eines von Berlin ausgehenden verbrecherischen Krieges, sondern das subjektive Gefühl vieler Deutscher pflegend, die doch auch gelitten und verloren haben.
  • Als eine besondere Last werden Flucht und Zwangsaussiedlung als Vertreibung herausgestellt, die die Deutschen besonders betroffen hätten und sie in eine gleiche Opferrolle bringen wie vergleichbare Opfer in allen Kriegen. Deshalb wird der erstmals am 20. Juni 2015 zu begehende »Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung« wiederum zuvörderst die deutschen Opfer in den Mittelpunkt rücken – unter weitgehendem Ausblenden der historischen Ursachen.
  • Berechtigt wird der in Dimension und Konsequenz einmalige Mord an den Juden hervorgehoben. Dabei wird jedoch der Charakter des faschistischen Krieges zu einem Vernichtungskrieg gegen die Juden umgedeutet und der Holocaust zu der zentralen Erfahrung und dem Verbrechen dieses Krieges erklärt. Abgesehen davon, dass dies Ursachen und Bedingungen faschistischer Kriegstreiberei ins Irrationale verfälscht, gehen die konkreten imperialistischen Gelüste auf »Lebensraum« und Unterwerfung Europas wie der Welt ebenso verloren wie die Völkervernichtungsabsichten und vor allem die Völkervernichtungspraxis gegen Slawen, Sinti und Roma, politisch Missliebige, gegen alle anderen als »minderwertig« eingestuften Menschen.

All dies passt in eine Geschichtsschreibung und Erinnerungspolitik, die sich von klassischer Politikgeschichte ebenso löst wie von sozialökonomischer Analyse, geschweige denn einer marxistischen Auseinandersetzung mit Geschichte. Das Vorgehen bleibt interessengeleitet, zielt auf Relativierung deutscher Schuld und soll jeglichen Bezug auf die sozioökonomischen Grandlagen eines Faschismus, der eine gefährliche Abart des Kapitalismus bleibt, vernebeln. Warum sollte über Kapitalinteressen gesprochen, warum über die nationalistische, auch rassistische Latenz deutscher Eliten und Bildungsbürger gerichtet werden ...

Nicht umsonst gehört es zum Dauerrepertoire, dass vom Nationalsozialismus, nicht vom Faschismus gesprochen wird. Der Seitenhieb auf sozialistische Ideen und Politik ist ebenso beabsichtigt wie das Verhindern, nach Gemeinsamkeiten mit anderen diktatorischen, antidemokratischen, antilinken, nationalistischen, gelegentlich auch rassistischen Regimen zu suchen. Lieber wird auf das ewig Böse im Menschen, auf Irrationalismus, auf Emotionen gesetzt. Nicht soziale Gruppen, Klassen hätten gehandelt, sondern einzelne Personen, die mit ihrem Verhalten oder Versagen eher wie »Schlafwandler« ins Verhängnis hineinschlitterten.

Linke Geschichtspolitik muss mit nüchterner Analyse und dem Benennen der sozialen Fragen gegenhalten. Sie muss verdeutlichen, dass der Zweite Weltkrieg und sein Ende mit der Vernichtung des deutschen Faschismus wie des japanischen Imperialismus damit verknüpft sind, dass Linke, auch und gerade ihr radikaler kommunistischer Flügel, im Widerstand ihren antikapitalistischen Anspruch legitimierten. Es war ein Krieg gegen Völkermörder durch ein breitestes Bündnis von antifaschistischen, demokratischen Kräften über alle politischen und sozialen Grenzen hinweg. Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen, Konservative, Adlige hatten den gleichen Feind, der sie aufs Blut bedrohte und der aufs Blut bekämpft werden musste. Der Lernprozess dauerte lange, in Deutschland blieb es eine Minderheit. Die Befreiung musste hier trotz großer Opfer des inneren Widerstands von außen gebracht werden.

Die Befreiung eröffnete bei Kriegsende in Europa und Asien die kurze Chance eines demokratischen, vielleicht demokratisch-sozialistischen Aufbruchs, der aber schnell Opfer des Kalten Krieges wurde, in West wie Ost.

Die Befreiungstat war Ergebnis des Sieges einer Antihitlerkoalition, die verfeindete sozialistische wie kapitalistische Staaten, westliche Demokratie wie sowjetische Diktatur gegen einen Todfeind zusammenstehen ließ und die ihre Fortsetzung in den Ländern und im Widerstand fand. Das Sowjetvolk trug die Hauptlast und brachte eine Befreiung mit Chancen und neuen Risiken.

Dr. Stefan Bollinger ist Mitglied der Historischen Kommission beim Parteivorstand. In Kürze erscheint bei der Hellen Panke e.V. Rosa Luxemburg Stiftung Berlin seine Broschüre »Die Russen und wir. Probleme und Zusammenhänge deutsch-russisch-sowjetischer Nachbarschaft«.