Disput

Gelobt und vergessen

Zum 8. Mai 1945

Von Petra Pau

Am 3. Mai 2010 starb Stefan Doernberg. Ich habe das Datum gut in Erinnerung. Fünf Tage später wurde in meinem Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf eine Ausstellung eröffnet. Sie erinnerte an die Befreiung Berlins vom Faschismus, also an den 8. Mai 1945. Stefan Doernberg sollte sprechen. Er, Deutscher, Kommunist, Jude, war dazu berufen, denn er hatte als junger Mann in den Reihen der Roten Armee gegen das mörderische Nazi-Regime gekämpft.

Kurz vor seinem Tod hatte er noch ein Interview gegeben. Darin erinnerte Stefan Doernberg an den Zweiten Weltkrieg, der von Deutschland ausging und 50 Millionen Menschen ums Leben brachte, die meisten in der Sowjetunion. Und er beschrieb, was aus seiner Sicht das Wesentliche an dem Sieg über den Faschismus war. Natürlich ging es um Krieg oder Frieden. Aber, so Stefan Doernberg, der Zweite Weltkrieg wurde um viel mehr geführt. Nämlich um die Frage, ob es in der Menschheit künftig noch so etwas wie Zivilisation geben wird oder ob eine faschistische Diktatur alles Menschliche unterdrückt und zerschlägt.

Ich war nicht dabei, aber diese Episode wurde mir glaubhaft erzählt: Anfang der 1990er Jahre wurden die zu DDR-Zeiten in Deutschland stationierten sowjetischen Militäreinheiten in Berlin-Treptow verabschiedet. Dort, wo ein Monument an den Sieg über den Faschismus erinnert. Auch Veteranen des »Großen Vaterländischen Krieges« waren gekommen, namhafte Repräsentanten der Bundesregierung nicht. Es war kein Abschied, sondern ein Rausschmiss. Stefan Doernberg, der seinerzeit für ein menschliches Deutschland in den Reihen der Roten Armee gegen Faschisten sein Leben eingesetzt hatte, standen Wuttränen in den Augen. Soviel Ignoranz, soviel Arroganz, soviel deutsche Vergesslichkeit.

Am 31. Januar 2015 starb Richard von Weizsäcker im Alter von 94 Jahren. Tage später fand ihm zu Ehren im Berliner Dom ein Staatsakt statt. Ich war dabei und erinnerte mich an das eine oder andere Gespräch mit ihm. Festredner und Kommentatoren würdigten vor allem die Rede, die von Weizsäcker als Bundespräsident im Jahre 1985 zum 8. Mai gehalten hatte. Er sprach damals etwas aus, was in der offiziellen Bundesrepublik Deutschland bis dato als unaussprechlich galt: »Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.«

Ich weiß nicht, seit wann Richard von Weizsäcker dieser Überzeugung war, die er nun als Staatsoberhaupt bekundete, ja vorgab. Man darf bei alledem nicht vergessen: In jungen Jahren war Richard von Weizsäcker Offizier der Wehrmacht Er war beim deutschen »Polenfeldzug« dabei, seine Einheit kämpfte an der Westfront, sein Regiment stand kurz vor Moskau, auch an der Blockade von Leningrad war es beteiligt. Später hatte er Kontakte zum Umfeld der gegen Hitler agierenden Stauffenberg-Gruppe. Kurz vor Kriegsende desertierte Richard von Weizsäcker de facto. Aber er war aktiver Militär der faschistischen Wehrmacht und bezeichnete 40 Jahre später, 1985, den alliierten Sieg über diese - und damit wohl auch über sich - als »Befreiung«.

Gleichwohl hätte ich mir gewünscht, dass seine als »historisch« gepriesene Rede etwas weniger gelobt und stattdessen einmal mehr gelesen würde. Ich tat es jüngst erneut und kann dies aus aktueller Sorge nur empfehlen. Denn sie enthält nicht nur den viel zitierten Satz über die Befreiung. Sondern auch diese:

»Wir gedenken heute in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft.

Wir gedenken insbesondere der sechs Millionen Juden, die in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden.

Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben, vor allem der unsäglichen vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen, die ihr Leben verloren haben.

Als Deutsche gedenken wir in Trauer der eigenen Landsleute, die als Soldaten, bei den Fliegerangriffen in der Heimat, in Gefangenschaft und bei der Vertreibung ums Leben gekommen sind.

Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen oder politischen Überzeugungen sterben mussten.

Wir gedenken der erschossenen Geiseln.

Wir denken an die Opfer des Widerstandes in allen von uns besetzten Staaten.

Als Deutsche ehren wir das Andenken der Opfer des deutschen Widerstandes, des bürgerlichen, des militärischen und des glaubensbegründeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten.

Wir gedenken derer, die nicht aktiv Widerstand leisteten, aber eher den Tod hinnahmen, als ihr Gewissen zu beugen.«

Soweit alles original aus der Rede Richard von Weizsäckers vor 30 Jahren im Plenarsaal des Deutschen Bundestages. Er würdigte zudem, dass kurz zuvor in Torgau an der Elbe (DDR) Angehörige der sowjetischen und der USA-Armee miteinander an den gemeinsamen Sieg über Nazi-Deutschland erinnert hatten.

Auch diese Passage aus seiner Rede hat es in sich:

»Aber es gab alsbald (nach dem 8. Mai 1945 - Petra Pau) auch große Zeichen der Hilfsbereitschaft. Viele Millionen Flüchtlinge und Vertriebene wurden aufgenommen. Im Laufe der Jahre konnten sie neue Wurzeln schlagen. Ihre Kinder und Enkel bleiben auf vielfache Weise der Kultur und der Liebe zur Heimat ihrer Vorfahren verbunden. Das ist gut so, denn das ist ein wertvoller Schatz in ihrem Leben.«

Richard von Weizsäcker schloss seine Rede seinerzeit mit einer mahnenden Bitte, allemal an junge Menschen:

»Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß.

Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.«

Heute, 2015, lese und erlebe ich:

Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland plant kein eigenes Gedenken an die Befreiung vom Faschismus.

Der Präsident von Russland wird zu internationalen Gedenkveranstaltungen zum 70. Jahrestag demonstrativ ausgeladen.

Die Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland weicht einer gemeinsamen Erinnerung am 9. Mai in Moskau aus.

Flüchtlinge und Migranten sollen der »Kultur und der Liebe zur Heimat ihrer Vorfahren« abschwören.

Antisemitismus wird zunehmend unverhohlener geäußert, Islamophobie geschürt und Fremdenfeindlichkeit demonstriert.

»Bild«, ARD und andere Medien zündeln Hass gegen Griechen, gepaart mit deutscher Überheblichkeit.

Gegen all das Vergessen schlägt Götz Aly (»Berliner Zeitung«) vor: Möglichst viele mögen am 9. Mai 2015 vormittags Blumen niederlegen: »Eine Blaskapelle sollte zuerst Trauermusik intonieren und dann Stücke spielen, die der Freude über die Befreiung Schwung geben.« Wo? Am sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Tiergarten.

Petra Pau (DIE LINKE) ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.