Disput

Nach dem Brandgeruch

Tröglitz: Die Asylbewerber werden kommen – das ist ein wichtiges Signal an die Brandstifter

Von Petra Hörning

»Ich bin aus Tröglitz«, bis vor Kurzem musste ich immer erklärend sagen: »Das liegt südlich von Leipzig.« Heute ist diese Aussage mit so viel Fremdschämen verbunden, dass es keiner weiteren Erklärung bedarf. Ja, Tröglitz ist dort, wo die Angst vor 40 erwarteten Asylbewerbern ein Dorf auseinanderreißt, wo deren zukünftige Unterkunft in Flammen aufgeht und dabei beinahe Hausbewohner in der Mansarde verbrennen, wo der Bürgermeister zurückgetreten ist und nun ebenso wie der CDU-Landrat und die Familie vor Mordanschlägen geschützt werden muss.

Matthias Keilholz, der Pfarrer von Tröglitz, meinte am 6. April, die Politiker seien schuld, sie hätten das Thema nicht früh genug aufgegriffen. Und ich frage mich, ob wir anders oder schneller hätten handeln können.

Als LINKE Kreisrätin, Fraktionsvorsitzende im Gemeinderat Elsteraue und stellvertretende Vorsitzende der Basisorganisation Elsteraue kannte ich von Anfang an die Überlegungen zum Unterbringen von Asylbewerbern in Tröglitz. Darüber hatte ich schon im November unsere Genossen sowie die Vorsitzenden der anderen demokratischen Fraktionen und die Verwaltung informiert. Unsere BO Elsteraue suchte sofort das Gespräch mit dem Bürgermeister, und die Bemühungen um ein breites Aktionsbündnis nahmen frühzeitig einen großen Raum ein.

Andererseits: Bereits seit Anfang Januar fand jeden Sonntag der sogenannte Lichterspaziergang auf Einladung der NPD statt. Der führte auch direkt an meinem Küchenfenster, keine hundert Meter von der geplanten Unterkunft für Asylbewerber entfernt, vorbei.

Wann fängt Bedrohung an? Als LINKE-Kommunalpolitikerin bin ich schon seit vielen Jahren Anfeindungen ausgesetzt. Von bösen Blicken, mutwilliger Beschädigung von Wahlplakaten, Sachbeschädigung bis zum nächtlichen »Klingelputz« reicht das Repertoire der Provokationen. Wo und wann ist die Schmerzgrenze erreicht, was muss man aushalten, was kann man seiner Familie zumuten? Genau diese Fragen stellen sich viele LINKE-Politiker/innen immer wieder. Nicht umsonst gehört ein Stückchen »Nun erst recht« dazu, auf der Liste der Linkspartei zu kandidieren. Genau aus diesem unbestimmten Gefühl der Bedrohung haben sich viele Tröglitzer zurückgezogen und waren zu keinem Interview bereit. Ich verstehe die Reaktion des Bürgermeisters und bedauere sie zugleich. Ich begrüße sehr, dass der Innenminister von Sachsen-Anhalt nun handeln und Kommunalpolitiker in Sachsen-Anhalt mit einer Bannmeile schützen will. Ich werde davon nicht Gebrauch machen, empfände das wie Öl ins Feuer gießen. In der Praxis wird davon eh nicht viel zu spüren sein.

DIE LINKE hat hier 17 Mitglieder, drei sind jünger als 60. Die Gemeinderatsfraktionen samt ihrer Vorsitzenden waren bei den Gottesdiensten, die parallel zu den rechten Aufmärschen stattfanden, spärlich oder gar nicht vertreten. Die Bürgermeister der umliegenden Ortschaften waren genauso selten zu sehen, schienen eher irgendwie »abzutauchen«.

Anfang März bestätigte der Kreistag des Burgenlandkreises die Anmietung der Asylunterkunft in Tröglitz. Die Kreisverwaltung hatte sich auf die Bürger/innen zubewegt. Die ursprüngliche Absicht wurde überdacht, man hat sich für weniger und für größere Wohnungen entschieden: nur noch 40 Menschen, vor allem Familien, statt 60. Das Haus befand sich in einem guten Zustand, es liegt zentral und ist für Familien mit Kindern geeignet. In Tröglitz ist, anders als der Bund es finanziert, bereits für 40 (statt für 100) Menschen ein Wachschutz vorgesehen, und ein qualifizierter Sozialpädagoge wird tätig sein. Wir können also von keiner zentralen Unterbringung im herkömmlichen Sinne reden. Erhebliche Kosten werden deshalb vom Landkreis allein getragen werden müssen, in einem Kreis, der wie die meisten anderen in Sachsen-Anhalt hoch verschuldet ist.

Ich denke, dass die drastische Zuspitzung der Ereignisse bei dem einen oder anderen Einwohner zu einem Umdenken führen wird, dass auch Mitläufer bei den wöchentlichen NPD-»Lichterspaziergängen« über ihren eigenen Gartenzaun hinwegschauen und die Dimension der Not erkennen. Denn irgendwie scheint ja, gefühlt, die halbe Welt in Flammen zu stehen. Fast ein Drittel der Familien in unserer Region waren nach 1945 selbst auf der Flucht. Wir leben also in einer Gegend, in der Integration von »Fremden« schon gelungen ist und die davon bis heute profitiert.

Der Brandgeruch über meinem Heimatort hat sich gelegt, und die Landesregierung stellt sich ihrer Verantwortung. Sie und auch die Kreisverwaltung geben ihre Vermietungspläne nicht auf und unterstützen den Hausbesitzer beim Wiederaufbau. Die Asylbewerber werden also kommen – das ist ein wichtiges Signal an die Brandstifter an Häusern und in Köpfen.

An uns liegt es, praktische Vorschläge zu erarbeiten und sie mit breiter Unterstützung umzusetzen, um den Neustart für alle so leicht und konfliktarm wie möglich zu gestalten. Inzwischen schloss sich in Tröglitz eine Gruppe von Hilfewilligen zusammen. Unter dem Motto »Miteinander – Füreinander« will sie die Flüchtlinge willkommen heißen und bei Bedarf im Alltag begleiten.

Fakt ist, leicht macht es sich niemand. So war beim Gottesdienst das Wort Angst sehr häufig zu hören: »Angst vor der eigenen Angst«, Angst vor den eigenen Vorurteilen und davor, dem eigenen Anspruch als Mensch, als Christ nicht zu genügen.