Disput

Schredderei in der Merkelei

Feuilleton

Von Jens Jansen

Ein Aufschrei ging Ostern durch Deutschland. Nicht weil Jesus einst gekreuzigt wurde, sondern weil hier Küken geschreddert werden. Ist ja auch ein Skandal für alle Kinder und Eltern, wenn ihr liebstes Symbol für Ostern, Frühling und Auferstehung brutal durch den Wolf gedreht wird. Dabei müssten die Hühner nur das Einmaleins der Marktwirtschaft besser beachten: »Gelobt sei, was Geld bringt!«

Zwar war es Gottes Plan, von jedem Lebewesen, das kreucht und fleucht, je zur Hälfte Männlein und Weiblein in Umlauf zu schicken. Doch da die eitlen Gockelhähne keine Eier legen, nur immerfort an die Vermehrung denken, magern sie schnell ab. Keine Oma möchte solch ein Gerippe als Suppenhuhn kaufen. Das musste die Investoren der Hühnerfarmen zum Nachdenken bringen. Und schon kam ihnen die Erleuchtung: Sobald die Küken aus dem Brutschrank hüpfen, werden die männlichen Tiere als unnütze Mitesser tierisch hingerichtet. Das sind bei uns etwa 50 Millionen männliche Küken jährlich, deren Aufzucht mit Stallung, Futter und Personal nicht lohnt, weil 200 Gramm Hähnchenbrust beim Discounter nur 2,00 Euro bringen. Der Strompreis für die Schredder ist billiger.

Die verbesserte Geschäftsbilanz der riesigen Hühnerfarmen befruchtet die Steuereinnahmen des Staates. Vater Staat braucht zum Beispiel – für Mutter von der Leyen als Kriegsministerin – momentan acht Milliarden Euro zusätzlich zur Modernisierung ihrer Waffenkammer. Ihre Flugzeuge fliegen nicht. Ihre Schiffe schwimmen nicht. Ihre Spähpanzer spähen nicht. Und die neuen Sturmgewehre G36 taugen auch nicht zum siegreichen Sturm, weil sie daneben schießen. Die Waffenschmiede von Heckler & Koch hatten nur aufs Geld geschielt, und nun schielen ihre 180.000 neuen Flinten. Was liegt näher, als auch die kampfunfähigen Waffen zu schreddern? Das gäbe eine doppelte Einsparung: a) bei den Rüstungsausgaben und b) beim Polizeischutz zu den Ostermärschen für Frieden und Abrüstung.

Doch da warnen nun die Waffenlobby, die Gewerkschaft und die Regierung, dann würden erhebliche Massenentlassungen drohen. Sie zeigen zum Himmel und sagen, dass dort Putins Geier kreisen. Und die haben eine Kalaschnikow um den Hals und kein G36! Sie rechnen vor, dass bei drei Millionen Arbeitslosen, die in Wahrheit fünf Millionen sind, keine Weiterbeschäftigung machbar ist. So droht Einkommensverlust, Altersarmut und Überforderung der Sozialkassen. Im Grunde schreit das auch nach dem »Schreddern von unrentablem Humankapital«. Aber das wäre inhuman. Bei Menschen regelt man das anders: Die Frauen kriegen 22 Prozent weniger Lohn, dann rennen sie auch krank zur Arbeit. Zügellose Wutbürger werden geächtet, damit die Duckmäuser weiter kuschen. Kranke werden mit tödlichen Keimen berieselt, dann können sie früher entsorgt werden. Gentechnik hilft, Erbkranke auszusortieren, dann bleibt die Elite unter sich. Und die Reduzierung des männlichen Nachwuchses gelingt am besten durch immer neue Kriege. Die Fußballschlachten, Rambo-Filme und Vatertags-Sauftouren dienen der moralischen Vorbereitung.

Zugegeben: Das klingt alles sehr makaber. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass der entfesselte Kapitalismus eines Tages die ganze Welt geschreddert haben könnte. Der Papst und die kritischen Zukunftsforscher sehen das auch so. Wo ein Prozent der Bevölkerung über mehr Geld und Einfluss verfügt als die anderen 99 Prozent, da geht es den anspruchslosen Hühnern relativ besser. Schon, weil sie nicht das Gedöns von Freiheit und Gerechtigkeit hören müssen.