Disput

Kein Byte-breit den Faschisten

Kolumne

Von Matthias Höhn

»Die Straße frei den braunen Bataillonen …« – so hieß es in der inoffiziellen Hymne von Nazi-Deutschland, dem »Horst-Wessel-Lied«. Heute marschieren die gefährlichen Idioten der selbsternannten Herrenrasse im Internet, auf der Daten-Autobahn. Was sich derzeit im Netz wie auf den Straßen abspielt, ist zügellose Menschenverachtung, ist brutaler Rassismus, ist Aufruf zur Gewalt, ist Gewalt … ist letztlich brauner Terror.

60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Sie flüchten vor Hunger und Krieg. Andere fliehen vor der Armut, vor der Perspektivlosigkeit. In einem sind sich alle Gründe gleich: Sie müssen gravierend sein, wenn ein Mensch dafür Familie, Freunde oder Eigentum zurücklässt, sich auf Wege macht, die lebensgefährlich sein können. Es steht uns, die wir in Frieden, relativem Wohlstand und selbstverständlich gewordener Sicherheit leben, nicht zu, die Beweggründe für Flucht zu bewerten und schon gar nicht, darüber zu urteilen.

Nur ein kleiner Teil der weltweiten Flüchtlinge kommt nach Deutschland, kommt mit traumatischen Erlebnissen, kommt mit Sehnsüchten und Hoffnungen. Diese sind oftmals gar nicht groß: ein voller Magen, keine Schüsse in der Nacht, überleben, arbeiten. Sie kommen her und werden zu Zahlen, finden sich wieder in »1.500 von denen kommen jede Nacht«, finden sich wieder in Zelten und Containerdörfern.

Und dann ist es fast gut, wenn sie kein Internet haben, die meisten noch kein Deutsch verstehen. Sie müssten sonst lesen, dass sie alles vorn und hinten reingeschoben bekommen, während die Deutschen nichts mehr haben, sie müssten lesen, dass man sie alle vergasen oder in die Hochöfen kippen müsste, dass man sie erschlagen, verbrennen, erschießen müsste, dass Auschwitz eine gute Lösung für sie wäre, mit den Duschen und so.(1)

So verabscheuungswürdig deutlich sich der Hass im Internet Bahn bricht, so deutlich müssen wir ihn benennen. Das Netz darf kein geschützter Raum sein! Es gehört zur Aufklärung zu wissen, was dort geschieht, wie dort gefährlicher Irrsinn tobt und sich verbreitet. Und es sind nicht nur die »üblichen Verdächtigen«, die ihre Profile im Netz schon immer mit mindestens fragwürdigen Symbolen verzierten – es sind auch Familienväter, junge Mütter. Es ist auch die Mitte der Gesellschaft, die sich unter dem porösen Deckmantel der Pegida-Besorgnis so strafbewehrt äußert. Es sind aber nicht »besorgte« Bürgerinnen und Bürger – es sind gefährliche Bürgerinnen und Bürger.

Der Sprung aus dem Netz auf die Straße ist dann schnell geschafft: Die Zahl der Übergriffe auf Flüchtlingsheime steigt seit Beginn des Jahres rasant. Menschen, die Flüchtlingen helfen wollen, werden beschimpft, angegriffen, leben gefährlich. Vergleiche mit dem Beginn der 90er Jahre drängen sich auf, und sie sind furchtbar berechtigt. Wo damals aber Zustimmung zu den Pogromen von Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda schweigend blieb, artikuliert sie sich nun laut und widerlich im Internet.

Es ist eine gefährliche Stimmung, und sie ist gemacht. Diese Stimmungsmache betreiben all jene Politiker, die von »übergroßem Druck« durch Flüchtlinge reden, die 60 Millionen Flüchtlinge an den Grenzen sehen und fragen, wie man »dieser Massen Herr« werden soll. Diese entlarvenden und erbärmlichen Äußerungen bereiten denjenigen den Boden, bieten denjenigen die Legitimation, die offen rassistisch reden und handeln.

Befremdlich ruhig bleibt es in den Chefetagen der Bundespolitik, wenn es darum geht, den neuen braunen Terror zu benennen, zu verurteilen, zu verfolgen und zu bestrafen. Der »Volkszorn« scheint gerade recht zu kommen, um Abschottung und Asylverschärfung zu rechtfertigen. Das macht mir Angst und erinnert mich an einen schönen Slogan aus den frühen 90ern: »Liebe Ausländer, lasst uns mit diesen Deutschen nicht allein!«

Anmerkung

(1) Alle aufgeführten Beispiele finden sich so oder ähnlich auf dem Blog »Perlen aus Freital«, der sich die Mühe macht, rassistische Kommentare und deren Verfasser öffentlich zu machen.