Disput

Hallo, Nadine!

In einer brandenburgischen Kleinstadt arbeitet Nadine Fischer als Sozialarbeiterin in einem Flüchtlingsheim: Die Arbeit macht ihr Spaß – weil sie sinnvoll ist

Von Maritta Böttcher

Nach Einführung von Hartz IV platzte Nadine der Kragen; sie musste etwas tun, sonst wäre sie, wie sie heute sagt, verrückt geworden. Also hat sie sich eingemischt, hat geholfen, wo sie konnte, wurde mit anderen Betroffenen Aktivistin der Montagsdemonstrationen in Jüterbog. Jahre später, als die ersten Flüchtlinge ankamen, führte sie ihr soziales Engagement folgerichtig in ein Übergangswohnheim. Sofort packte sie mit an.

Ihre erste Begegnung hatte sie mit einer ungarischen Familie. Nadine und ihr Verein kümmerten sich mit Erfolg um sie: Zwei Tage vor der drohenden Abschiebung gewannen sie das Eilverfahren, eine Wohnung wurde gefunden, und die Familie konnte hier bleiben. Das sprach sich rum. Mechthild Falk, Pfarrerin und Initiatorin der Flüchtlingshilfe in der brandenburgischen Kleinstadt, fragte Nadine, ob sie nicht dort mitmachen wolle. Nadine schaute sich das an, half aus, und inzwischen wurde aus der ehrenamtlichen Tätigkeit als »Aushilfe« weit mehr.

Nadine fand Freude an der Arbeit, eine äußerst dankbare Aufgabe für sie: »Wenn die geflüchteten Menschen erst mal Vertrauen gefasst haben, sind sie unheimlich herzlich. Ich werde mit einem Lächeln empfangen, mit einem ›Hallo, Nadine!‹. Sie bedanken sich für alles, wie Krankenschein beantragen oder Ähnliches.«

Die bezahlte Arbeit sei im Unterschied zur ehrenamtlichen schwieriger, weil man auch dann freundlich sein müsse, wenn man es eigentlich nicht sein will: wenn beispielsweise jemand heuchelt, um sich in ein besseres Licht zu rücken, und er eigentlich gar keine Flüchtlinge in der Stadt haben möchte. Im Ehrenamt müsse man nach außen hin nicht so amtlich handeln. »Als verantwortliche Sozialarbeiterin habe ich auch viele (notwendige) bürokratische Dinge zu tun: Leistungen beim Sozialamt beantragen, Erstausstattungen anfordern, Belegungspläne erarbeiten, auf möglichst alle Fragen Antwort geben.«

Ihr Geschäftsführer Mario Felgentreu, ein Unternehmer und gleichzeitig der Betreiber der Einrichtung in der Großen Straße, lässt Nadine viele Freiräume. Er hat seine Immobilie, obwohl die Räume klein sind und der minimale Standard vorgegeben ist, schön hergerichtet für die Flüchtlinge. In diesem Heim, mitten in der historischen Altstadt, können sie sich zunächst wohlfühlen. Ein großer Kreis von Helferinnen und Helfern unterstützt sie.

Nadine nimmt dadurch jetzt nicht mehr alle Probleme mit nach Hause – Emotionen aber schon. Sie kennt die Menschen und ihre Schicksale, und sie kann einen wichtigen Teil ihres Lebens, ihren Neuanfang in einem anfangs sehr fremden Land, begleiten. Nadine ist nach der Erstaufnahme die Erste, die sie treffen, die sich Zeit nehmen kann für sie, die dabei ist auf dem Weg zum Arzt oder beim Einkaufen, beim ersten Schultag der Kinder. Das sind immer bewegende Momente.

Als hemmend empfindet die Sozialarbeiterin allein die Außenwelt. Manchmal traut sie sich gar nicht zu sagen, wo sie arbeitet. Sie hat die ewig selben Diskussionen satt, die Vorurteile und Gerüchte. Bei vielen scheint es ihr absolut hoffnungslos, mit ihnen zu diskutieren. Ja, neuerdings verspürt sie auch Angst. Angst davor, dass Flüchtlinge aus dem Heim gehen und angegriffen werden. Zum Beispiel hat sie engen Kontakt zu einem jungen Kenianer, den sie von sich zu Hause nie allein mit dem Rad fahren lässt. Sie möchte nicht, dass er auf dem Weg ins Wohnheim womöglich attackiert wird. Sie hat auch Angst vor einem möglichen Anschlag und Angst davor, dass ihren Kindern etwas passiert. Am Heim, so riet eine Polizistin, solle sie die Jalousien runter lassen und die Fenster mit Folien bekleben, die sicher sind vor Molotowcocktails.

In den vergangenen Wochen eskalierte die Situation in Jüterbog nicht zuletzt durch die Medienkampagne des Bürgermeisters: Er warnte vor »Ansteckungsgefahr« bei Kontakt mit Flüchtlingen und wollte die Kita-Gebühren mit der Begründung erhöhen, dass die Flüchtlinge für die Stadt zu teuer wären. Viele Einwohnerinnen und Einwohner sagen, der spinnt; aber nicht wenige nehmen das einfach als Tatsachen auf.

In der direkten Arbeit mit den geflüchteten Menschen verfliegt die Angst wieder. Zu einigen Bewohnerinnen und Bewohnern hat sie sehr engen Kontakt. »Weil auch meine große Tochter sehr aktiv in der Flüchtlingshilfe ist«, erzählt Nadine, »gibt es Flüchtlinge, die bei uns zu Hause Zeit verbringen. Wir hatten gerade die hochschwangere Nadja aus Kamerun bei uns. Nach einem Anschlag auf die ›Turmstube‹, die Begegnungsstätte der Kirche für Flüchtlinge, hatte sie große Angst um ihr Baby.« – Folge auch eines extrem dramatischen Erlebnisses: Nadja war früher in Kamerun gegen ihren Willen ein ungeborenes Baby aus dem Leib geschnitten worden. Nun zitterte sie in Jüterbog aus Angst um ihr noch Ungeborenes. Nadine, Mutter von drei Kindern, gab ihr Schutz. Ein Stück Freundschaft bildete sich heraus, ein bisschen auch ein Geben und »Nehmen«: Nach einem gemeinsamen Wochenende hatte eine der Fischer-Töchter eine ganz tolle afrikanische Frisur! Flüchtlinge geben gern etwas zurück. So half Edwin aus Kenia im Garten Bäume beschneiden. Jetzt macht er eine Ausbildung zum Maurer, weil Maurer gute Menschen sind … Schließlich ist Nadines Mann Maurer.

Edwin sagt immer Mutter Kiara zu Nadine Fischer; Kiara heißt ihre jüngere Tochter. Warum? Kenianische Männer sprechen in einigen Regionen Frauen, die dort einen hohen Stellenwert haben, nicht mit dem Vornamen an: Nach der Geburt des ersten Kindes steigen sie im Rang und stehen über dem Mann. Es sind die direkten Kontakte, die zu solchen Freundschaften führen. Auch die siebenjährige Kiara hat eine Freundin in einem (anderen) Heim.

Was Nadine wichtig ist in der alltäglichen Flüchtlingsarbeit? Der Abbau von Bürokratie und dass die Berufsabschlüsse der neuen Mitmenschen schneller anerkannt werden. Immerhin leben im Heim ein Augenarzt, Lehrer und Handwerker. Doch sie sind bis zur Entscheidung über ihren Asylantrag zum Nichtstun verdammt.

»Außerdem brauchen wir eine Willkommenskultur, begonnen beim Bürgermeister und im Rathaus. Jede Jüterbogerin, jeder Jüterboger sollte wenigstens einmal Kontakt zu Flüchtlingen haben. So werden Vorurteile abgebaut, und es ist eine ungeheure Bereicherung des eigenen engen Kulturkreises.«

Nadine macht die Arbeit Spaß, weil sie richtig sinnvoll ist.