Disput

Unsere Werte als Wille und Vorstellung

Kolumne

Von Peter Porsch

Keine Angst liebe Leserin, lieber Leser. Ich werde Sie nicht mit Schopenhauer quälen. Aber die Überschrift passt schon ganz gut, wenn wir zum Beispiel über die Differenz zwischen dem realen »Sein« von Werten in unserer »Wertegemeinschaft« und dem eigentlichen »Sollen« reden wollen.

Die Wertegemeinschaft mit ihren Wertvorstellungen ist in aller Munde, vom simplen Pegida-Schreier bis hin zu katholischen Kardinälen, ja sogar dem Papst. Unsere Werte gelten angesichts der vielen Flüchtlinge als gefährdet. Wenn man glaubt, was landauf und landab zu lesen und zu hören ist, befinden wir uns für sie sogar im Krieg. Nadine Schön, Fraktionsvizevorsitzende der CDU im Bundestag, schlägt deshalb vor, zu uns kommende Flüchtlinge sollten eine Wertevereinbarung unterzeichnen. Integration sei ein »Geben und Nehmen«. Wie man hört, sind zwei wichtige Punkte in dieser Vereinbarung das Bekenntnis zur »Gleichberechtigung von Mann und Frau« und zur »Trennung von Staat und Kirche«. Ähnlich herausgehoben findet sich das in 50 Vorschlägen zur Integration des österreichischen Außen- und Integrationsministers Sebastian Kurz.

Nun, was das »Geben und Nehmen« betrifft, haben uns schon der DFB und Franz Beckenbauer über die gängigen Vorstellungen aufgeklärt. Bei der Religionsneutralität ist das sicher schon schwieriger. Nein, wir sind kein Kirchenstaat. Das ändern auch der Pastor an der Staatsspitze und die Pastorentochter im Bundeskanzleramt nicht. Dass die staatlichen Finanzämter die Kirchensteuer einziehen, macht aber vielleicht schon stutzig. Eine zumindest merkwürdige Vorstellung von der Trennung von Kirche und Staat liegt wohl der Tatsache zugrunde, dass kirchliche Krankenhäuser Dinge verweigern, die der Staat zum Recht erklärt hat: etwa die Abgabe der sogenannten Pille danach. Minister Kurz will einen interkulturellen Dialog »… auf Augenhöhe, geprägt von gegenseitigem Respekt und von Wertschätzung …« Die beabsichtigte Förderung eines Islams »europäischer Prägung« lässt dennoch massive Ängste vor dem »Fremden« deutlich werden. Aber lassen wir das! Vieles werden unsere neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger ohnehin nicht sofort merken.

Mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau ist es schon schwieriger. Hier gibt es augenfällige Unterschiede. Häusliche Gewalt ist für die Hinzukommenden – anders als Gewalt gegen sie und ihre Unterkünfte – vielleicht nicht gleich wahrnehmbar. Es gibt sie jedoch, und sie wendet sich überwiegend gegen Frauen und Kinder. Der normgebende gesellschaftliche Wille und die Wertvorstellungen Einzelner klaffen hier oft weit auseinander. Eine geschlechtsspezifische Rollenverteilung im Berufsleben lässt sich vor niemandem lange verheimlichen. Wann und wo trifft man auf Männer und wann und wo auf Frauen? Das ist – wir wissen es – nicht dem Zufall überlassen. Die damit verbundenen Einkommensunterschiede sind nach wie vor horrend. Soll die Integration von Asylsuchenden in Arbeit und Beruf gelingen, werden diese das alles schnell an sich selbst erleben. Das hochgelobte »Gesetz für gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Führungspositionen« wird nur wenig Änderung bringen. Das Gebot, dass der Frauenanteil in Aufsichtsräten von börsennotierten und der paritätischen Mitbestimmung unterliegenden Firmen mindestens 30 Prozent und nicht 50 Prozent betragen muss, lindert Beschämendes und verfestigt es doch zugleich. Wollen wir hoffen, den Frauen, die es bis nach Deutschland schaffen, fällt nie das Deutsche Universalwörterbuch der DUDEN-Redaktion in die Hand. Dort gibt es in der neuesten Auflage von 2015, wie schon immer, unter dem Stichwort »schlafen« einen guten Rat für karrieresüchtige Frauen: »… um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, nacheinander mit verschiedenen Partnern koitieren … Sie hat sich schon durch die ganze Abteilung geschlafen.« Diese Möglichkeit gehört offensichtlich zu unseren Werten. Der Islam gestattet das nicht!