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Großes entsteht immer im Kleinen. Warum der Werbeslogan für das Saarland auch für die Flüchtlingshilfe steht

Von Esther Braun

Seit dem Sommer 2012 bin ich Parteimitglied, hätte es aber schon viel früher sein können. Als Person stehe ich für Verbindlichkeit, auch wenn mir irgendwann eine Entscheidung nicht mehr gefallen sollte. Das zeichnet deinen Charakter aus, sagt man mir häufig. Und so hat meine Entscheidungsfindung bis zum Parteieintritt eine Weile gedauert, denn wenn ich mich für eine Sache entscheide, dann mit allen Konsequenzen.

Meine Wurzeln liegen in der Gewerkschaftsbewegung. In meiner Ausbildung zur Krankenschwester bin ich Mitglied der Gewerkschaft ÖTV geworden, die später mit den anderen Dienstleistungsgewerkschaften zu ver.di wurde. Die Vertretung von Rechten der Beschäftigten, von Menschen, die ein schwächeres Glied in der Kette sind, ist für mich auch heute ein essenzieller Bestandteil meines Lebens. Linke Politik kommt aus der Arbeiter- und Frauenbewegung, also dem Präkariat.

So habe ich nach dem Umzug in meine Geburtsstadt Lebach mit meinem Mann begonnen, politische Arbeit zu starten. Am 14. Februar 2014 wurde ein neuer Ortsverband gegründet, in dem ich seitdem Vorsitzende bin. Unsere erste Aufgabe war der Antritt zu der Kommunalwahl drei Monate später. Und wir haben es gemeinsam geschafft, sofort in das Kommunalparlament einzuziehen – in einer Stadt, die seit mehreren Jahrzehnten tiefschwarz regiert wird. Ich bin seit der Wahl Fraktionsvorsitzende in einer gemischten Fraktion. Der Hauptteil meiner Arbeit besteht von Beginn an aus Antifaschismus und sozialer Gerechtigkeit. In unserer Stadt haben wir diesbezüglich große Aufgaben.

In Lebach gibt es seit Ende der 50er Jahre eine Landesaufnahmestelle, zuerst zur Aufnahme von Vertriebenen (den sogenannten Spätaussiedlern), später für die »Boat-People« aus Vietnam und Ende der 80er Jahre dann verstärkt für Flüchtlinge. Seit 1993 ist die Landesaufnahmestelle Aufnahmeeinrichtung und Gemeinschaftsunterkunft für alle Asylbewerberinnen und Asylbewerber im Saarland. Ich bin mit diesem Ort innerlich verbunden, er ist ein Stück Zuhause für mich. Meine Eltern haben dort gelebt und sich kennengelernt. Mein Vater kam aus Südamerika, meine Mutter wurde im vorderasiatischen Teil der damaligen Sowjetunion geboren.

Das Aufeinanderprallen unterschiedlichster Kulturen war also immer ein Normalzustand in meinem Leben. Das war nicht immer unproblematisch, ganz im Gegenteil. Es war oft sogar höchst kompliziert: Viele vom deutschen Standard abweichende Verhaltensweisen haben sowohl meine Familie als auch unsere Mitmenschen vor Herausforderungen gestellt. Unterschiedliche Schwerpunkte in der Erziehung, im Umgang mit fremden Menschen und verschiedenen Sprachen, aber auch die Kernpunkte unserer Lebensführung waren für außenstehende Menschen oft sehr abstrakt. Meine Eltern haben mit uns Kindern immer offen darüber gesprochen und uns erklärt, warum uns manche Menschen für »komisch« halten und was man selbst dazu beitragen kann, damit man ein besseres Verständnis für sein Gegenüber bekommen kann. Wir lebten das Prinzip einer »immer offenen Tür«, Willkommenskultur und Toleranz anderen gegenüber waren essenziell. Ein großartiges Geschenk, dessen Wert ich als erwachsener Mensch sehr schnell erkannt habe.

Seit Ende der 90er Jahre habe ich immer wieder ehrenamtlich in der Landesaufnahmestelle gearbeitet, mit unterschiedlichem Aufwand und verschiedensten Anforderungen. Zunächst waren es vermehrt Übersetzungen von französischsprachigen Papieren oder Sprachmittlertätigkeiten. Irgendwann wechselte das zu Diskussionen in Gesprächskreisen, zur Integrationsarbeit im Betrieb, zur Hilfe bei Behördengängen, das Arbeitsgebiet wurde vielseitiger.

Als frühere Stationsleitung in einer kommunalen Klinik mit internationalen Beschäftigten, Patientinnen und Patienten bin ich erprobt in der Organisation und Kommunikation auf den unterschiedlichsten Ebenen. Als dann Anfang August 2015 die ersten Zelte aufgestellt wurden, wurde ich über die Facebook-Seite »Refugees Welcome Saarland« gebeten, mit Uwe Weisenseel eine Hilfegruppe online zu erstellen und so schnell und unkompliziert zielgerichtet Hilfe anzubieten. Wir haben eine Hilfegruppe für Lebach gegründet, und innerhalb einer Woche ist die Mitgliederzahl in eine Höhe geschossen, die wir selbst niemals für möglich hielten.

Mittlerweile hat unsere Gruppe knapp 6.500 Mitglieder. Sie ist überparteilich, nicht an eine Hilfseinrichtung oder einen Sozialverband gebunden und gut strukturiert. Wir sind jetzt sechs Koordinatorinnen. Unsere Aufgabengebiete sind sehr vielfältig geworden. War es am Anfang die Einrichtung von medizinischen Behandlungsräumen in den Zelten zusammen mit dem DRK, so hat sich beispielsweise dieser Bereich entwickelt zu einem bundesweiten Modellprojekt, was die medizinische Versorgung der ankommenden Flüchtlinge angeht. Es gibt ein Hebammenprojekt, Menschen aus der Kinderkrankenpflege arbeiten hier, es gibt eine Praxis der kassenärztlichen Vereinigung vor Ort und einen medizinischen Notdienst, der auch abends da ist.

Zielgerichtete Spendenakquise, kanalisierte Hilfe und Unterstützung der Sozialverbände gehören ebenfalls zu unseren Aufgabengebieten. Wir organisieren Sprachmittler für die verschiedensten Sprachen, kümmern uns um die Menschen, die den Kommunen zugewiesen werden, und vermitteln sie möglichst weiter zu Paten, die sie dann betreuen. Angebote wie Kinderbetreuung, ehrenamtliche Sprachkurse und Beschäftigung extra für Mädchen und Frauen wurden ebenfalls über uns gestartet.

Mittlerweile bin ich ein Bindeglied zwischen den Ministerien, ihren Behörden und den ehrenamtlichen, ungebundenen Menschen, die an Ort und Stelle helfen. Unser kleines Projekt mit wenigen Leuten ist zu einer großartigen Bewegung geworden: Gelebte und erfahrbare Willkommenskultur, gegenseitiger Respekt und Toleranz prägen unsere tägliche Arbeit. Entstanden aus einem kleinen Anfang …

Ich erhoffe mir für unsere politische Arbeit auch hieraus Impulse: auf Menschen zugehen, ihnen die Hand reichen und sie einbinden in das Geschehen. Transparent, offen und mit dem Willen, wirklich etwas zu bewegen – zur Verbesserung der Situation aller. Noch sind wir ein kleiner Ortsverband, aber wer weiß … Großes entsteht halt immer im Kleinen.